„Mental Load ist ein Mütterproblem“
BEZIRK. Ob den nächsten Arzttermin ausmachen, ein Geschenk für die Schwiegermutter kaufen oder die Kinder fürs Feriencamp anmelden: Das Organisieren, Mitdenken und Überblicken des kompletten Familienalltags überfordert viele Frauen über kurz oder lang. Tips im Gespräch mit Lebens- und Sozialberaterin Gina Novotny-Singer über den „Mental Load“, der permanenten mentalen Überbelastung.

Tips:Ist Mental Load ausschließlich ein Frauen- oder besser gesagt ein Mütterproblem?
Gina Novotny-Singer:Meiner Wahrnehmung nach ja. Heute ist es zum Glück selbstverständlich, dass auch Mütter einem Beruf nachgehen und Karriere machen, das finde ich großartig. Aber trotzdem bleibt oft zusätzlich der Großteil der Haushaltsarbeit und die Organisation des Familienalltags, bestehend aus tausend Kleinigkeiten, an ihnen hängen. Eine Arbeit, die von den anderen Familienmitgliedern leider oft weder gesehen noch ausreichend wertgeschätzt wird. Frauen neigen dazu, zuerst zu schauen, dass es allen anderen gut geht, haben den „Versorger-Rundumblick“. Dabei stellen viele auch noch sehr hohe Ansprüche an sich selbst, alles muss perfekt sein. Sie opfern sich komplett auf, und vernachlässigen oder vergessen dabei die eigenen Bedürfnisse. Der Weg in ein Burnout oder eine Depression ist dann – auch wenn Frauen wirklich sehr, sehr viel aushalten – manchmal nicht mehr weit. Auch die Paarbeziehung kann unter so einer Situation massiv leiden.
Tips: Können Sie ein Beispiel aus der Praxis erzählen?
Novotny-Singer:Ich nehme als Beispiel ein junges Ehepaar, nennen wir die beiden Sabine und Andreas, mit zwei kleinen Kindern. Der Mann ist beruflich sehr eingespannt, arbeitet seit Kurzem im Ausland. Die Frau ist noch bei den Kindern daheim in Elternkarenz und von Montag bis Freitag mit den kleinen Kindern und dem Haushalt komplett auf sich alleine gestellt, der Ehemann und Vater nicht greifbar. Sabines Gedankenkarussell dreht sich ständig, dazu kommen der permanente Schlafmangel, weil das Jüngste schlecht schläft, und die Unzufriedenheit, weil die eigentlich ausgemachte Arbeitsteilung von 50:50 nicht umgesetzt werden kann. Noch dazu steht Sabines Wiedereinstieg in ihren Job an. Sie ist am Ende ihrer Nerven, und stellt eine Trennung in den Raum, weil man sich nur mehr streite. „Ich kann nicht mehr, was ist bloß los mit mir? So geht es nicht weiter!“ – mit diesen Worten hat sich Sabine an mich gewandt.
Tips: Wie kann Sabine einen Ausweg aus dieser Situation finden?
Novotny-Singer: Es ist in so einer Lage positiv, wenn man erkennt, das man ein Problem hat und sich Hilfe sucht. Der erste Schritt ist, dass man miteinander redet. Ich trete im konkreten Fall als „Übersetzerin“ zwischen Sabine und Andreas auf und versuche zuerst zu erreichen, dass eine gute Kommunikation zwischen den beiden überhaupt wieder möglich wird. Mental Load ist immer ein Kommunikationsthema, auch mit sich selbst. Welche Ansprüche habe ich an mich, welche an meinen Partner, und wo kann ich sie herunterschrauben? Was brauche ich von ihm, wie kann er mich unterstützen? Auch die Wertschätzung sich selbst und dem Partner gegenüber ist ganz wesentlich: Was mache ich gut, was der andere? Dem Partner öfter einmal „Danke“ für etwas sagen, und selbst wenn es nur für eine Kleinigkeit ist, ist enorm wichtig.


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