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"Mit dem Auswandern ist es wie mit einem Fallschirmsprung: Man muss sich einfach trauen"

Valerie Himmelbauer, 04.04.2017 11:29

Gemeinsam mit ihren Kindern und ihrem Ehemann hat die 45-jährige Lilia Vetsev ein neues Abenteuer gewagt: Sie hat ihrer alten Heimat Bulgarien den Rücken gekehrt und ist nach Österreich, 1200 Kilometer weit entfernt, ausgewandert. Warum die Familie in Gmunden einen lang gehegten Traum lebt, erzählen die Keramikkünstlerin und ihr Mann im Tips-Gespräch.    

Emily, Lilia, Dennis und Georgi im Atelier in ihrer neuen Heimat Gmunden
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Obwohl Lilia und Georgi Vetsev lange nicht wussten, dass Gmunden einmal ihre neue Heimat werden würde, reisten sie gerne ins Salzkammergut und fühlten sich schon immer irgendwie angekommen. Nach zahlreichen Urlaubsaufenthalten entwickelte sich bei der wohlsituierten bulgarischen Familie der immer stärker werdende Wunsch aus dem Heimatland auszuwandern. „In Bulgarien ist das Leben leider nicht so geregelt wie hier in Österreich. Es gibt viel Korruption und das Leben ist viel schwieriger, weil sich niemand an Regeln und Gesetze hält und diese dementsprechend auch nicht kontrolliert werden“, erzählt Georgi Vetsev und führt aus: „Das einschneidendste Erlebnis hier in Österreich war für mich, als ich gesehen habe, dass die Menschen, wenn es rot ist, bei der Ampel tatsächlich stehen bleiben und warten bis es grün wird, und erst dann die Straße queren. In Bulgarien ist das anders, ich musste eigentlich ständig Angst um meine Kinder haben, weil eben genau diese und viele weitere Regeln nicht eingehalten wurden. Fehlende Sicherheit ist ein großes Thema, die Infrastruktur ist schlecht und die Kriminalität hoch“, berichtet Georgi.

Augen zu und durch

Auch er selbst und seine Familie seien Menschen, die sich gerne an Regeln halten würden, dafür aber auch erwarten, dass sich andere genauso respektvoll benehmen Um dem Traumziel Gmunden näher zu kommen, musste aber der schwierige erste Schritt gewagt werden: „Man muss sich einfach trauen und das durchziehen. Das ist wie bei einem Fallschirmsprung: Der erste Schritt hinaus aus dem Flugzeug ist der schwierigste, dann geht alles. Auf Nummer sicher wären wir natürlich gegangen, wenn wir unser Leben in Bulgarien, wo uns eigentlich finanziell nichts gefehlt hat, weitergelebt hätten. Aber ein bisschen Risiko gehört natürlich dazu“, lächelt Georgi.

Lieblingsplatz Gmunden

Überhaupt war der Start ein glücklicher in Gmunden: Ein Keramik-Geschäftsinhaber suchte einen Nachfolger, Lilia war begeistert vom Traunsee und der romantischen Gmundner Kulisse, die ihre Kunst in großem Ausmaß inspiriert, und auch die passende Wohnung oberhalb des Geschäfts war schnell gefunden. „Ich lebe hier meinen Traum. Ich fühle mich als wären mir Flügel gewachsen. Die wunderschöne Natur inspiriert mich und ich kann meiner künstlerischen Seele hier viel Entfaltungsspielraum geben“, betont Lilia, die mit ihrem Laden „Vetseva Keramik“ in Gmunden selbstständig ist.

Romantisch-Florale Keramik

In ihrem kleinen Atelier töpfert, formt, malt und brennt sie handgemachte Keramik in ihrem eigenen romantisch-floralen farbenprächtigen Stil, der sich von der österreichischen Keramik, wie sie sagt, unterscheidet. Vor 25 Jahren kam Lilia zum ersten Mal mit der Keramikkunst in Berührung, seitdem war für die zierliche Blondine klar, dass sie die Liebe zur Keramik auch in ihren Berufsalltag integrieren möchte: „Jeder Künstler hat seinen eigenen Stil, ich arbeite viel mit verschiedenen bunten Farben. Hier kann man auch meine südliche Seele spüren und meine Verbindung zu meiner ursprünglichen Heimat. Ich liebe die Arbeit mit vielen Details. Alle meine Stücke sind handgearbeitet, es gibt keine zwei identischen Teile. Ich will mit meinem ganz eigenen Stil frischen Wind in die Keramikstadt Gmunden bringen“, erzählt Lilia von ihrem Vorhaben. In Bulgarien hatten Lilia eine eigene Firma, das bulgarische Keramikgeschäft hat sie an ihre Mutter übergeben.

Nie bereut

Den Schritt ins Ausland zu gehen haben beide übrigens bis jetzt in keiner Weise bereut, Österreich sei ganz eindeutig die neue Heimat geworden. Fremdenhass, Ausgrenzung oder Abwehrhaltung haben weder Lilia oder Georgi noch ihre Kinder jemals in Österreich zu spüren bekommen, sie seien gastfreundlich aufgenommen worden und konnten sich schnell integrieren und sofort wie zu Hause fühlen. „Unsere Tochter hat in Bulgarien das deutschsprachige Gymnasium besucht und spricht gut Deutsch. Die Integration in Österreich hat dank dem Direktor, den Lehrern und den anderen Kindern hervorragend funktioniert. Es haben sich sofort starke Freundschaften entwickelt. Das ist wirklich schön“, erzählt Georgi, der einen Master-Abschluss in Internationaler Wirtschaftswissenschaft hat. Zweimal im Jahr stehen aber trotzdem fixe Urlaubsreisen in die bulgarische Alt-Heimat auf dem Terminplan, schließlich gibt es viele Freunde und Familie zu besuchen. „Unsere Eltern waren nicht begeistert von unserem Vorhaben die Heimat zu verlassen, weil wir uns jetzt natürlich viel seltener sehen. Aber weil sie merkten, dass es uns so gut geht, sind sie jetzt ganz davon überzeugt, dass wir den richtigen Schritt gemacht haben. Ich fühle mich in Gmunden daheim, ich weiß, hier bin ich richtig“, strahlt Lilia.


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