Blauwal der Erinnerung
SCHLIERBACH. Auf Einladung der Literarischen Nahversorger liest Tetjana Maljartschuk am Freitag, 10. Juni, um 20 Uhr (Einlass 19 Uhr) im Seminarhaus SPES in Schlierbach.

1931 starb der polnisch-ukrainische Historiker und politische Publizist Wjatscheslaw Lypynskyj in Wien an Tuberkulose. Den unablässigen Kämpfer für eine unabhängige Ukraine jenseits von Kommunismus und Nationalismus holte die Bachmann-Preisträgerin Tetjana Maljartschuk bereits 2019 aus dem „Vergessen“, wie der Originaltitel heißt. Der gegenwärtige Krieg lässt die Zerstörung des Friedhofs und seiner letzten Ruhestätte im galizischen Saturzi, als dieser Teil der Ukraine sowjetisch wurde, wie ein Menetekel erscheinen. Die Autorin verwebt die überaus genau recherchierte Biografie Lypynskyjs mit ihrer eigenen Lebensgeschichte. Eine junge Studentin leidet unter Panikattacken, einem schwierigen Liebesleben und einer Existenzkrise. Sie verlässt ihre Wohnung nicht und unterliegt einem Putzzwang wie ihre Großmutter, die die von Stalin initiierte Hungersnot, den Holodomor, nur überstand, weil ihr Vater sie vor einem Waisenhaus aussetzte.
Der Blauwal, der eigentlich ein Zeit-Wal ist, verschlingt die Ich-Erzählerin dabei ebenso wie alle Menschen mit ihren Erinnerungen. In einem überaus eindrucksvollen Roman verschränkt die Autorin kunstvoll Gegenwart und Vergangenheit und thematisiert, was es bedeutet, wenn das Leben aus Angst, Gehorsam und Vergessen besteht.
Tetjana Maljartschuk – 1983 in Iwano-Frankiwsk, Ukraine geboren – lebt seit 2011 in Wien. Eintritt: 10 Euro/4 Euro (Schüler und Studenten)


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