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Berufsfischender Wortangler und Sprachmaler Hans Eichhorn erhält Georg-Trakl-Preis

David Winkler-Ebner, 28.11.2019 11:21

KIRCHDORF. Der Schriftsteller Hans Eichhorn lebt in Kirchdorf und in Attersee, wo er aufgewachsen ist. Die Fischerei, die er dort von seinen Eltern übernommen hat, betreibt mittlerweile sein ältester Sohn. Seine zweite große Leidenschaft ist seit jeher das Schreiben. Für sein lyrisches Gesamtwerk hat er nun vom Land Salzburg und dem Bundeskanzleramt den Georg-Trakl-Preis verliehen bekommen. Im Interview erzählt Eichhorn, wie er durch Sprache versucht, sich die Welt anzueignen.

Hans Eichhorn bekam in Salzburg den Georg-Trakl-Preis verliehen. Foto: Haijes
Hans Eichhorn bekam in Salzburg den Georg-Trakl-Preis verliehen. Foto: Haijes

Tips:Sie arbeiten in Ihren Gedichten als genauer Beobachter von Natur und Alltag stark sprachmalerisch. Was verbindet Sie mit der bildenden Kunst?

Hans Eichhorn: Die bildende Kunst hat mich immer schon interessiert, auch wenn ich nicht gut zeichnen oder malen konnte. Als meine Kinder klein waren, habe ich dann mit ihnen begonnen, Alltagsgegenstände, wie Müslipackungen, zu übermalen. Sie haben irgendwann damit aufgehört, ich habe das weiterverfolgt, daraus sind Postkarten entstanden, über die ich mich mit Kollegen ausgetauscht habe.

Tips:Was hat Sie an der bildnerischen Arbeit gereizt?

Eichhorn: Sprache ist ja immer ein Umweg. Ein sprachliches Bild funktioniert über Buchstaben, die ein Bild evozieren. Somit war die bildnerische Arbeit eine Erleichterung, weil da Bilder entstehen, die gleich wirken, die Arbeit mit Sprache ist langwirriger, intensiver.

Tips:In Ihrem aktuellen Gedichtband „Immer noch See“ wird Sprache einmal als Rettungsanker bezeichnet, ein anderes Mal als Notdurft. Inwiefern ist Sprache für Sie Rettungsanker und Notdurft?

Eichhorn: Sprache war für mich insofern ein Rettungsanker, weil ich lange Zeit in meiner Entwicklung gedacht habe, ich gehe blind durch die Welt. Erst, als ich mich hingesetzt und begonnen habe, in Sprache zu transkribieren, was mich umgibt, hatte ich das Gefühl, dies wirklich aufzufassen. Notdurft ist Sprache insofern, da Sie alles Gegenwärtige ausscheiden muss. Einerseits ist Sprache Verständigungsmittel, andererseits ist da die Sprache, die mehr will.

Tips:Ist dieses Mehr das, was Literatur für Sie ausmacht?

Eichhorn: Ja, Form, Rhythmik sind für mich in der Literatur wesentlich, aber natürlich auch der Inhalt. Laut Kant können wir die Dinge nicht so erfassen, wie sie sind. Bei der Arbeit mit Sprache geht es für mich darum, die Dinge so zu beschreiben, als würden sie dadurch neu entstehen, eine Art Parallelschöpfung also.

Tips:Immer wiederkehrendes Motiv im genannten Band ist das Wasser, der See. Was bedeutet das Wasser für Sie?

Eichhorn: Ich bin am Attersee aufgewachsen, wo meine Eltern eine Fischerei hatten, die ich später übernommen habe, insofern war das naheliegend, weil ich beim Schreiben immer von meiner unmittelbaren Umgebung ausgehe. Dabei stelle ich mir die Frage, wie etwas formuliert werden muss. Und dann taucht auch die Frage auf nach dem Warum. Was ist damit gewonnen, wenn ich einen Teil aus dem Ganzen herausnehme und was ist damit verloren, weil es dadurch in den Hintergrund rückt und versinkt?

Tips:Es ist also ein aussichtsloses Unterfangen, sich die Welt durch Sprache aneignen zu wollen?

Eichhorn: Es ist eine Sisyphos-Arbeit, die trotzdem lohnend ist, auch wenn ich mir beim Hinunterrollen des Steines oft denke, das und das ist untergegangen.

Tips:Warum rollen Sie den Stein doch jedes Mal wieder hinauf?

Eichhorn: Weil es eine befriedigende, lustvolle Arbeit ist. Es verschafft ein Hochgefühl, hochzusteigen, und das, was da ist, zu überblicken, wenn auch nur für kurze Zeit. Das hält mich bei der Stange. Wenn ich mich am Morgen hinsetze und ein paar Zeilen schreibe und diese gelingen, dann ist der Tag für mich gerettet, das ist wie eine schützende Aura, die mich umgibt.

Tips:Wir haben darüber gesprochen, was das Schreiben für Sie als Autor bedeutet. Als Leser gedacht – warum setzen wir uns mit Texten anderer auseinander?

Eichhorn: Ich habe immer sehr viel von mir selbst entdecken können, wenn ich in den Fußspuren anderer entlanggegangen bin. Was meine Leser betrifft, so muss ich sagen, dass es mir nicht liegt, Texte mundgerecht für den Leser zuzuschneiden. Es gibt heute den Trend in der Literatur, Narrative so zu verpacken, dass sie leicht zugänglich sind. Das ist eine eigene Kunst, Sprache zum Verschwinden zu bringen, das habe ich nie gekonnt. Ich weiß, dass meine Texte viel abverlangen. Doch wenn ich Glück habe, profitiere nicht nur ich davon, sondern auch jemand anderes.


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