Seildiebstahl an der Kampermauer: Wenn Rettungsmaterial plötzlich fehlt
WINDISCHGARSTEN. Ein Diebstahl an der Kampermauer am Hengstpaß sorgt bei der Bergrettung Windischgarsten für Entsetzen. Aus strategisch deponierten Rettungstonnen wurden zwei Spezialseile mit einer Länge von jeweils 250 Metern gestohlen. Entdeckt wurde der Vorfall am Samstag, 13. Juni, bei einer gemeinsamen Bergeübung mit der Ortsstelle Vorderstoder. Anzeige wurde erstattet.

Im Tips-Interview erklärt Ortsstellenleiter Thomas Riesenhuber, warum das Material so wichtig ist, welche Folgen ein Fehlen im Ernstfall haben kann und wie viel Vorbereitung hinter einem Bergrettungseinsatz steckt.
Tips:Wie viel Planung und Vorbereitung stecken hinter einem Einsatz, bevor die Retter bei einer verletzten Person ankommen?
Riesenhuber: Die eigentliche Vorbereitung ist die umfangreiche Ausbildung zum Bergretter. Diese startet mit einem Jahr Probezeit in der Ortsstelle. In diesem Jahr besucht man einen Sommer- und einen Winter-Sichtungstag, um sich für die Ausbildung zu qualifizieren. Im anschließenden Ausbildungsjahr stehen insgesamt sieben Kurse auf dem Programm, die zwischen zwei und fünf Tagen dauern.
Ein ausgelernter Bergretter absolviert in der Ortsstelle etwa 25 bis 30 Übungen pro Jahr, um am Ball der Zeit zu bleiben.
Beim eigentlichen Einsatz ist die Vorbereitung sehr gering. Wir haben in unserer Zentrale immer einen fertig gepackten Anhänger, der am Bergrettungsbus angehängt wird und damit die Einsatzbereitschaft hergestellt wird. Das ist in etwa zwei Minuten erledigt. Sehr oft können wir schon 15 Minuten nach einer Alarmierung ausrücken. Hier ist die Anfahrtszeit der Bergretter von Arbeit, zu Hause, oder wo auch immer sie sich aufhalten, inbegriffen.
Tips: Welche Rolle spielen speziell abgestimmte Rettungsseile und strategisch deponiertes Material an Orten wie der Kampermauer?
Riesenhuber: Dass irgendwo im Gelände Material deponiert wird, ist eher die Ausnahme. Die meisten Ortsstellen haben ein riesengroßes Einsatzgebiet und man weiß ja nie, wo der nächste Einsatz zu absolvieren ist. Deshalb ist das meiste Einsatzmaterial in der Zentrale gelagert. Im speziellen Fall der Kampermauer müssen die zwei Seile allerdings eine Länge von 250 Metern aufweisen. Solche langen Seile werden nur dort gebraucht. Zusätzlich sind sie sehr schwer und sperrig und somit kompliziert zu transportieren. Deshalb haben wir uns entschieden, die Seile für mögliche Einsätze fix dort zu deponieren. Die standardmäßig mitgeführten Seile haben eine Länge von 200 beziehungsweise 100 Metern.
Tips:Was würde passieren, wenn bei einem Einsatz genau dieses Material fehlt?
Riesenhuber: Im Einsatzfall verlassen wir uns natürlich darauf, dass unser deponiertes Material auch dort vorhanden ist und uns zur Verfügung steht. Ist das nicht der Fall, so müssen wir das im Anhänger befindliche Material nachholen und mit den kürzeren Seilen improvisieren. Das kann schon 30 Minuten bis eineinhalb Stunden in Anspruch nehmen – wertvolle Zeit, die bei einem schweren Unfall über Leben oder Tod entscheiden kann.
Tips: Die Mitglieder der Bergrettung arbeiten ehrenamtlich. Wie wirkt sich so ein Vorfall auf die Motivation der Einsatzkräfte aus?
Riesenhuber: Die gestohlenen Seile sehen wir als Einzelfall und können uns auch nicht erklären, warum man so etwas macht. Durch die mediale Aufmerksamkeit um den Fall haben wir viel positives Feedback für unsere Tätigkeit bekommen und auch einen regen Spendeneingang zur Neubeschaffung der Seile verzeichnen können. Auch wenn das ursprüngliche Ereignis absolut verwerflich ist, so ist der Verlauf insgesamt eher ein Motivationsschub und eine Bestätigung unserer Arbeit. Die Anerkennung, die wir in der Bevölkerung erfahren, ist ein absoluter Motivationstreiber für uns.
Tips: Was wünschen Sie sich, dass die Bevölkerung nach diesem Vorfall über die Arbeit der Bergrettung und den Wert ihres Equipments versteht?
Riesenhuber: Da unser Equipment strenge Sicherheitsanforderungen erfüllen muss, ist es in der Anschaffung oft sehr teuer. Es handelt sich jedoch um Spezialmaterial, dass nach einem Diebstahl wohl nur sehr schwer zu verkaufen sein wird.
Obwohl die Bergretter ehrenamtlich arbeiten und somit die geleistete Zeit für Ausbildung und Einsätze nicht abgegolten wird, haben wir trotzdem einen relativ hohen Finanzierungsbedarf, um das Spezialmaterial anzuschaffen und um unsere Fahrzeuge und Einsatzmittel zu warten.
Die ehrenamtliche Tätigkeit im Allgemeinen, und im Spezialfall natürlich auch in der Bergrettung, ist aus meiner Sicht absolut notwendig, um in Österreich in vielen Bereichen den Lebensstandard, wie wir ihn kennen, aufrechtzuerhalten. Wenn all die freiwillig geleisteten Stunden bezahlt werden müssten, dann wäre vieles nicht leistbar.
Mein Appell an die Bevölkerung ist daher, nicht nur zu konsumieren, sondern auch darüber nachzudenken, wo man seinen Beitrag zu unserer Gesellschaft leisten kann. Gerade bei der ehrenamtlichen Tätigkeit erfährt man oft eine starke Gemeinschaft und eine Anerkennung der Bevölkerung.


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