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Erika Stadlhuber überbringt die letzten Worte an Hinterbliebene

Susanne Winter, MA, 25.10.2022 16:35

INZERSDORF. „Sie haben nur noch wenig Zeit zu leben“ – diese Diagnose stellt plötzlich alles im Leben eines Menschen und dessen Angehörigen auf den Kopf. Den Hinterbliebenen mit den letzten Worten des Verstorbenen Kraft in der Zeit der Trauer zu geben, dabei hilft Erika Stadlhuber.

Erika Stadlhuber ermöglicht es Menschen mit einer lebensverkürzenden Diagnose, nach deren Ableben letzte Worte an die Hinterbliebenen zu richten. (Foto: privat)

„Wenn die Krankheit meines Bruders nicht gewesen wäre, hätte ich diesen Gedanken wahrscheinlich nie gehabt“, sagt Erika Stadlhuber. Vor sechs Jahren ist ihr Bruder schwer erkrankt und als Angehörige war sie für ihn und seine Familie da. „Es ist eine schwere Zeit, in der man natürlich darüber nachdenkt, was danach kommt – wenn er einmal nicht mehr da ist“, berichtet die Inzersdorferin: „Immer wieder habe ich überlegt, wie ich seine Töchter während der unzähligen Spitalsaufenthalte begleiten und unterstützen, aber auch wie ich ihnen zu einem noch ungewissen Zeitpunkt, in der Trauerbewältigung Halt geben kann. Vor etwa drei Jahren kam mir eines Nachts der Gedanke vom Entgegennehmen von letzten Worten, die man zu einem Zeitpunkt, wo der Verfasser bereits einen Weg geht, den keiner von uns kennt, an die Hinterbliebenen übergibt. Vielleicht kann man ihnen das Abschiednehmen erleichtern, indem sie etwas hätten, an dem sie sich wortwörtlich festhalten können.“

Brief an die Angehörigen

Erste Recherchen der 40-Jährigen haben nichts Vergleichbares ergeben und so gründete sie im Februar dieses Jahres das Unternehmen „Letzte Worte ES e.U.„. Die Idee dahinter: Erika Stadlhuber nimmt die letzten Worte einer Person in der Form eines Briefes (handgeschrieben, digital oder diktiert) entgegen und verwahrt diesen bis zum Ableben. Davon erfährt sie von einem vertrauten Menschen des Verstorbenen, wie Angehörige, Freunde, Spitalsmitarbeiter oder Bestatter, welcher „vorsorglich“ zu Lebzeiten angewiesen wurde, „Letzte Worte“ vom Ableben zu verständigen. Zu einem vorher mit dem Auftraggeber vereinbarten Termin – das kann unmittelbar nach dem Ableben oder an einem bestimmten Tag sein – erfolgt die Übergabe an den Wunschempfänger.

Das Angebot richtet sich primär an Menschen, die bereits aufgrund einer schweren Krankheit beziehungsweise einer lebensverkürzenden Diagnose über die Grenzen des Daseins hinweg denken.

Positive Rückmeldungen erhalten

Erika Stadlhuber nahm mit diversen regionalen Hospiz- und Palliativbewegungen sowie zuständigen Stationen in den Krankenhäusern Kontakt auf und erhielt viele positive Reaktionen. Besonders wichtig war ihr jedoch die Meinung ihres Bruders: „Obwohl ich von Anfang an wusste, dass er eher nicht der Typ für so etwas ist, war und ist mir nach wie vor seine Meinung sehr wichtig.“

Im Frühsommer tauchten Zweifel auf, ob ein Unternehmen die richtige Basis für das Angebot war, um Menschen zu erreichen, die es nutzen wollen. Doch Christina Grebe, ärztliche Leiterin der Palliativstation des Salzkammergut Klinikums Vöcklabruck, motivierte Erika Stadlhuber, ihre Idee weiterzuverfolgen. „Sie meinte, das Angebot ist zwar nicht für die breite Masse, denn viele haben Vertrauenspersonen, denen sie ihre Briefe geben können. Aber es gibt Menschen, die genau das nicht haben und welche durch dieses Projekt die Möglichkeit bekommen, ihre letzten Worte mitzuteilen und Abschied zu nehmen“, sagt die Inzersdorferin und berichtet von vielen wertschätzenden Gesprächen, unter anderem mit Ursula Teurezbacher vom Verein LebensBlüten, die gemeinsam mit Menschen mit einer lebensverkürzenden Diagnose Hörbücher für deren Hinterbliebenen aufnimmt.

Verein wird gegründet

Durch die vielen Gespräche entstand auch der Kontakt zur Kirchdorfer Allgemeinmedizinerin Claudia Hellinger, mit ihr werden die „Letzten Worte“ nun ein Verein. „Bisher musste ich seitens meines Unternehmens eine Rechnung legen“, sagt Erika Stadlhuber. Die Juristin möchte allerdings für ihr Angebot der „Letzten Worte“ kein Geld verlangen und als Verein muss sie das in Zukunft auch nicht mehr. Unterstützt werden kann der noch zu gründende Verein mit freiwilligen Spenden, welche einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Angebot kostenlos zu ermöglichen.

Halt durch greifbare Worte

„Es ist ein sensibles Thema und es steckt ein sehr sozialer und emotionaler Gedanke dahinter. In der Zeit nach dem Ableben eines geliebten Menschen liegt das Leben in Scherben. Es herrschen eine Ungewissheit, wie es jetzt weiter geht, eine Unruhe und oft auch Existenzängste“, erzählt Erika Stadlhuber, die sich als eine Art „Friedensbotin“ sieht: „Ich möchte den Hinterbliebenen helfen und ihnen greifbare Worte geben, die sie sich jederzeit, egal an welchem Ort, holen können. Damit sollen sie Ruhe und Halt finden und sich nicht alleine fühlen.“

Persönliche Zukunftspläne

„Ich glaube, die Vertrautheit ist besonders wichtig und die fehlt in den Online-Medien. Deshalb möchte ich mein Angebot mit Videos präsentieren und auf Palliativstationen vor Ort anwesend sein, um persönlicher und greifbarer zu werden“, verrät Erika Stadlhuber. Die Juristin, die sich ehrenamtlich engagiert, wird im Jänner die Ausbildung „Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung“ absolvieren, um noch besser auf die Trauernden eingehen zu können.


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