Kunstwerke von Silvia Czepl werden am Kopf getragen

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Modistin Silvia Czepl in ihrem Hutatelier in Kirchdorf (Foto: Jack Haijes)
Susanne Winter, MA Susanne Winter, MA, Tips Redaktion, 05.05.2021 19:14 Uhr

KIRCHDORF AN DER KREMS/MICHELDORF IN OÖ. Silvia Czepl fertigt in ihrem Hutatelier am Redtenbacherplatz in Kirchdorf nicht nur für jeden Kopf die passende Bedeckung, ihre Kreationen sind auch wahre Kunstwerke.

Zehn Jahre hat Silvia Czepl als bildende Künstlerin gearbeitet, wobei sie der Beruf der Modistin schon länger interessierte. Deshalb fasste die Micheldorferin den Entschluss, den Beruf bei einer Modistenmeisterin in Graz berufsbegleitend zu erlernen. Mittlerweile arbeitet die 44-Jährige im vierten Jahr als selbständige Modistin. Zuerst fertigte sie ihre Werke in ihrer kleinen Privatwerkstatt in Micheldorf, vergangenes Jahr eröffnete sie ihr Geschäft am Redtenbacherplatz in Kirchdorf.

Vielfalt an Materialien, Techniken und Modellen

„Mich begeistert die Arbeit mit den Menschen und die enorme Vielfalt an Materialien, Techniken und Modellen. Jedes Stück ist ein individuelles Kunstwerk“, schwärmt Silvia Czepl, die hauptsächlich Unikate fertigt. Die Ideen hat die Modistin meist selbst, „das ist ein künstlerischer Prozess, aber es bringen mir auch viele Kunden ihre Ideen. Manche kommen mit Fotos oder sogar selbst gezeichneten Skizzen.“

Einzelanfertigungen als persönliche Schmuckstücke

80 Prozent der Kunden lässt sich den Hut individuell anfertigen und nur rund 20 Prozent kauft eine bereits fertige Kopfbedeckung. „Zu mir kommt selten jemand, der ,nur' einen Hut braucht. Ich fertige persönliche Schmuckstücke“, sagt Silvia Czepl. Sie hat Kunden vom Kind bis zum Senior, aus Kirchdorf und Umgebung oder sogar Deutschland. „Es kommen viele Kunden zu mir, die im Handel nichts passendes finden, weil sie einen sehr kleinen oder großen Kopf haben,“ erzählt die Modistin.

Drei Wochen bis zur fertigen Kopfbedeckung

An einem Kundenauftrag arbeitet Silvia Czepl im Durchschnitt drei Wochen. Es gibt jedoch auch aufwändigere Arbeiten, wie Zylinder oder Fascinator. Letzteres ist ein festlicher Kopfschmuck, vergleichbar mit einem auffälligen Haarreifen. „Das Gestell wird von Hand gebaut, jede Applikation wird einzeln mehrmals angegriffen. Die Befestigung soll dann im Haar verschwinden. Getragen wird so etwas beispielsweise bei Hochzeiten oder Bällen, wenn man auffallen will“, erklärt die Modistin, „für so etwas ist die Kundenschicht bei uns jedoch eher klein. Die meisten wollen Hüte.“

Viele Arbeitsschritte beim Fertigen eines Hutes nötig

Rund fünf Stunden dauert die Fertigung eines durchschnittlichen Hutes – verteilt über mehrere Tage. Ein Filzhut wird beispielsweise heiß gedampft und im heißen Zustand über eine Holzform (Hutmodel) gezogen. Er wird auch oft gebügelt, denn nur heiß bleibt er formbar. Anschließend wird der Hut in einem Trockenofen oder an der Luft getrocknet, bevor er von der Form herunter kommt. „Nicht für jeden Hut gibt es eine Form. Ich habe eine gute Grundausstattung und dann forme ich viel frei“, erzählt Silvia Czepl.

Hutputz ist aufwändige Handarbeit

Wenn der Hut seine Form hat, folgen die Feinarbeiten: das Nähen, die Krempenverarbeitung und die Anpassung an den individuellen Kopf. Alle die befürchten, der Hut hält nicht und fliegt beim nächsten Wind davon, beruhigt Silvia Czepl: „Es gibt den sogenannten ,Hutgummi', der hinter dem Haar befestigt wird und unsichtbar den Hut am Kopf hält.“ Ganz zum Schluss erfolgt der Hutputz, so wird das Anbringen von dekorativen Elementen bezeichnet. „Das ist meist eine sehr aufwändige Arbeit mit vielen händischen Verarbeitungsschritten. Zu 98 Prozent nähe ich mit der Hand und zwar so, dass man es nicht auf den ersten Blick sieht. Diese Feinheiten gefallen mir“, sagt Silvia Czepl, die mit viel Geduld und Liebe zum Detail ihre Werke „aufputzt“. „Mein wichtigstes Werkzeug sind meine Hände und mein modernstes Werkzeug ist die Nähmaschine. Aber ich arbeite auch mit sehr viel altem Werkzeug. Die Hutformen sind teilweise hundert Jahre alt,“ verrät die Micheldorferin.

Alte Materialien meistens sehr hochwertig

Ihr Angebot reicht von Hüten über Fascinator, Haarreifen und Hauben bis hin zu Kappen. Sie bietet auch Hutreparaturen und einen Hutservice an. „Einmal kam eine Dame, die einige Hüte von ihrer Tante geerbt hat. Aus einem davon hat sie sich einen neuen Hut machen lassen. Es ist ein ganz neues Modell daraus geworden“, erzählt die Modistin und weiß: „Die alten Materialien sind meistens sehr hochwertig.“

Kaninchenhaarfilz, Schafwolle und Panamahüte

Generell legt Silvia Czepl Wert auf gutes Material. „Für die Hüte verwende ich oft Kaninchenhaarfilz, das ich aus Tschechien beziehe. Auch Schafwolle verwende ich gelegentlich. Bei Strohhüten arbeite ich viel mit Panamahüten, die werden in Ecuador handgeflochten. Diese Besonderheit fasziniert mich total, deshalb will ich mir das unbedingt einmal vor Ort ansehen“, schwärmt die Micheldorferin. Derzeit arbeitet sie an einer besonderen Kopfbedeckung aus einem Blaudruckstoff der Firma Wagner aus dem Mühlviertel. Mehr darüber will die Modistin noch nicht verraten, da sie das Werk heuer noch einer Jury präsentieren möchte.

Früher wurde mehr Hut getragen

Silvia Czepl weiß, warum heute nicht mehr so viel Hut getragen wird wie früher: „Um 1900 herum wurde viel mehr Hut getragen, weil man nicht mit dem Auto gefahren ist, man hat die Kopfbedeckung zum Schutz gebraucht und um die ungewaschenen Haare zu verstecken. Heute wollen alle ihre Frisur zeigen und man fährt viel mit dem Auto, da sind Hüte mit ihren Krempen unpraktisch“ erzählt Silvia Czepl: „Unser Leben hat sich so verändert, dass der Hut eine andere Bedeutung bekommen hat.“

Gefühl der Verbundenheit mit der Kopfbedeckung

Zudem gebe es die Mode nicht vor und das Tragen eines Hutes brauche, laut Czepl, ein gewisses Statement zu sich selber. „Ich habe früher auch keinen Hut getragen, nur ausgefallene Mützen. Wenn man es nicht gewohnt ist, muss man es ein Stück weit üben, einen Hut zu tragen. Durch die Erscheinung des Hutes wird man für andere schneller sichtbar“, weiß die Modistin. „Es gibt einen Zeitpunkt, da spürt man, dass der Hut eins mit einem geworden ist. Dann ist es einem egal, wenn man angesehen wird und man steht selbstbewusst zu seinem persönlichen Ausdruck. Es ist ein Gefühl der Verbundenheit mit der Kopfbedeckung. Es soll kein Fremdkörper sein“, versucht Silvia Czepl zu erklären, wie man zum Hutträger wird. Die Modistin weiß: „Es gibt Menschen, die alles aufsetzen können und es gibt Typen, denen nicht alles steht. Aber ich bin der Meinung, dass es für jeden Menschen die richtige Kopfbedeckung gibt. Es muss nicht immer zwingend ein Hut sein.“

Unterschied zwischen Modistin und Hutmacherin

Eine Modistin arbeitet individueller und künstlerischer als eine Hutmacherin, die mit großen Dampfkessel von einem Modell gleich mehrere Hüte produziert. Zudem fertigt eine Modistin nicht nur Hüte.

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