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LANGSCHLAG/Bräuhof. Die Rückkehr des Wolfes dominiert nicht nur die regionale Berichterstattung, sie polarisiert und spaltet auch die Bevölkerung. Vor allem dort, wo Vorfälle zu verzeichnen sind, ist man verständlicherweise in Sorge. So wie in der Gemeinde Langschlag, wo nun ganz aktuell – innerhalb weniger Wochen – zum vierten Mal eine Wolfsattacke vermutet wird. Die betroffenen Gemeinden wollen nun eine Ausnahmeregelung erwirken, die eine gezielte Entnahme erlaubt. Der Versuch einer sachlichen Abhandlung wird zunehmend schwieriger.

Acht Schafe wurden unten auf der Weide gerissen, erzählen Edith und Erwin Holl.
  1 / 3   Acht Schafe wurden unten auf der Weide gerissen, erzählen Edith und Erwin Holl.

Samstagmorgen in Bräuhof, im Garten der Familie Holl wird lebhaft diskutiert. Hier wurden in der ersten Augustwoche - nach zwei Vorfällen in Siebenhöf, und zwei weiteren in der benachbarten Gemeinde Bad Großpertholz - acht Schafe gerissen. Zwar stehen die DNA-Proben - wie bei den meisten - noch aus, aber über den Täter herrscht weitestgehend Einigkeit. Ein paar Tage später, am 18. August sollten noch weitere sechs Schafe getötet werden.

„Stehen erst am Anfang“

„Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die Probleme werden mehr werden. Es muss etwas getan werden, um eine Koexistenz, ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen“, betont Jagdpächter Erich Hofer. Damit spricht er allen Erschienenen (siehe Foto oben) aus der Seele. Denn mit jedem Vorfall steigt auch die Angst und Verunsicherung. „Mein Handy steht oft nicht mehr still, viele Eltern haben Angst, denn bald beginnt die Schulzeit und die Kinder sind wieder frühmorgens unterwegs“, erzählt Bürgermeister Andreas Maringer (VP).

Diese subjektive Befindlichkeit der Bevölkerung müsse zur Kenntnis genommen werden, auch wenn die Gefahr, dass ein Wolf einen Menschen angreift, sehr gering sei, „solange sie satte Mägen haben und genug Wild- und Nutztiere zur Verfügung stehen“, beruhigt Hofer. So beobachtet zum Beispiel im Nachbarland Deutschland, wo trotz wachsender Wolfpopulationen - dort werden mindestens 70 Rudel vermutet - bis dato noch kein Mensch zu Schaden kam.

„Findet gedeckten Tisch vor“

Gerade in Österreich ist eine überaus hohe Wilddichte zu verzeichnen, gemäß vieler Natur- und Umweltschutzorganisationen greife der Wolf vor allem auf Wildtiere zurück. Diesen Glauben hat man hier in Langschlag angesichts der Vorfälle - die Zahl der kürzlich gerissenen Schafe liegt alleine in der Gemeinde bei 21 Tieren - verloren. „Warum sollte der Wolf bei der Hitze einem Reh nachlaufen, wenn er genau weiß, das er hier einen gedeckten Tisch vorfindet und einfache Beute auf ihn wartet?“ fragt Karl Groiß vom Lämmerhof Groiß in die Runde. Der Bio-Bauer aus Bruderndorf hat seine 400 Schafe mittlerweile verbarrikadiert. Das Dilemma: das lässt sich mit der Bio-Verordnung (Weideverpflichtung) nicht vereinbaren, aber „der Wolf treibt unsere Tiere wieder zurück in den Stall“, so Groiß.

Die Scheu verloren

Der Wolf ist zwar hinlänglich als scheues Tier bekannt, das Geschehene scheint aber genau das zu relativieren. Am Hof der Familie Kernstock in Siebenhöf wurden nachweislich vier schlachtreife Schafe vom Wolf gerissen, und das nur zehn Meter vom Wohnhaus entfernt.

„Das Hauptproblem ist, dass die Wölfe, die zuwandern, aus unbejagten Populationen kommen, sie kennen den Menschen nicht als Feind und verlieren daher die Scheu“, sind sich Jäger Erich Hofer und auch Bundesrat Eduard Köck (VP), Obmann vom NÖ Landeszuchtverband Schafe und Ziegen, einig. „Es geht keineswegs um Ausrottung, sondern darum, dass wieder Respekt vor menschlichen Siedlungsgebieten erlangt wird“, erörtert Karl Groiß.

Vergrämungsmaßnahmen erlaubt

Wie kurz vor Redaktionsschluss bekannt wurde, sind ab sofort Vergrämungsmaßnahmen - das Abgeben von Schreckschüssen und der Einsatz von Projektilen aus Gummi - in einzelnen Jagdgebieten in den Gemeinden Langschlag sowie Bad Großpertholz erlaubt.

Schwieriger Herdenschutz

Für Kurt Kotrschal, einer der Gründer des Forschungszentrums für Wölfe in Ernstbrunn, wäre effizienter Herdenschutz à la Deutschland oder der Schweiz der „Schlüssel, um Konflikte zu minimieren“, wie er öffentlich immer wieder betont. So würden sich Wölfe von Beginn an auf Wildtiere spezialisieren und diese „Tradition“ auch im Rudel weitergeben.

Ob meterhohe Zäune oder Hunde – der vielfach geforderte Herdenschutz sei etwa hier in Bräuhof nur schwer umsetzbar, meint Johann Hörth, Geschäftsführer des NÖ Landeszuchtverbandes für Schafe und Ziegen. Denn das Gelände ist mit Steinen übersät, steil und unwegsam. Herdenschutz mit wolfssicheren Zäunen wäre in Hochlagen neben einem immensen Aufwand mit sehr hohen finanziellen Kosten verbunden, ein Faktor, „der viele, vor allem kleine Betriebe, zum Aufhören zwingt, das kann sich niemand leisten“, so Jagdpächter Hofer. „Wollen wir das wirklich, meterhöhe Zäune überall?“, fragt sich Tanja Neumayr, die einen kleinen Hof in Kogschlag führt.

Und der Herdenschutz mit Hunden sei schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheint. Neben der Tatsache, dass es noch kaum geeignete Hunde gibt, ist die Ausbildung derselben mit hohen Kosten versehen. Nicht nur einmal kam es zu Zwischenfällen mit Menschen, gab Eduard Köck zu bedenken. „Es ist ein scharfer Hund, wir haben im Rahmen eines zweijährigen Pilotprojekts gesehen, dass Herdenschutz mit Hunden nicht einfach ist“, übt der Obmann des NÖ Landeszuchtverbandes für Schafe und Ziegen Kritik.

Ausnahmeregelung zur gezielten Entnahme

Eine Regulierung sei daher unumgänglich, ist man sich nicht nur in der Bräuhofer Runde einig. Fakt ist: Laut derzeitiger Gesetzeslage ist der Wolf eine EU-weit streng geschützte Art. Abschüsse sind nur in eng definierten Ausnahmefällen möglich, besagt die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.

In den betroffenen Gemeinden Bad Großpertholz und Langschlag wurde nun – allen voran durch Bürgermeister und Gmünder Landwirtschaftskammer - ein Resolutionstext samt Unterschriftenliste aufgesetzt. Damit wolle man eine Ausnahmeregelung erwirken, die eine gezielte Entnahme erlaubt. Sie hoffen auf die Unterstützung der breiten Bevölkerung. „Gerade in dieser Angelegenheit müssen wir über die Landesgrenzen hinaus kooperieren“, appelliert der Langschläger Bürgermeister Maringer.

Die Unterschriftenliste ergeht an alle Gemeinden in den Bezirken Gmünd und Zwettl sowie in das Mühlviertel und kann im Internet heruntergeladen werden.

Aneinander gewöhnen?

Ein kurzer Rückblick: Am 20. November 1866 wurde der letzte Wolf Niederösterreichs erlegt, 1882 wurde Meister Isegrim in Österreich ausgerottet. Das Leben mit solch einem Beutegreifer ist (wieder) ungewohnt, der Mensch kennt es nicht (mehr), dass in seine intensiv genutzte Kulturlandschaft auf diesem Wege eingegriffen wird. Die aktuelle Größenordnung der besagten Beutegreifer im Land ist unklar, Kritik an einem unzureichenden Wolfsmonitoring macht immer wieder die Runde.

Experte Kurt Kotrschal geht in einem aktuellen Interview von maximal 30 Wölfen in Österreich aus. In der Langschläger Gegend vermutet man zumindest ein (stationäres) Rudel. „Aber zu wem sollen die Bauern nun gehen in solchen Schadensfällen?“ fragt Jäger Hofer. Die Jagd selbst müsse sich aus der Wolfsdebatte heraushalten, ihnen seien wegen des Schutzstatus des Wolfes die Hände gebunden.

Nach wie vor traumatisiert

Auch wenn sich die restlichen 60 Schafe von Familie Holl nun im (sicheren) Stall befinden, sind sie nach wie vor verschreckt und traumatisiert, wie Erwin Holl beim Füttern beobachtet. Sogar der hofeigene Hund löst Angst aus. Keine optimalen Voraussetzungen für die weitere Zucht. „Da tut dir das Herz weh“, meint Betriebsführerin Edith Holl. Bleiben die Schafe weiterhin im Stall, wird das Futter über den Winter nicht ausreichen, es muss teuer zugekauft werden. Überlegungen, aufzuhören, die gibt es.

Die kennt auch der betroffene Bauer Gerhard Kernstock in Siebenhöf, der vier seiner Schafe verloren hat. „Wir führen einen Nebenbetrieb mit 20 Mutterschafen, mehr oder weniger zur Erhaltung der Kulturlandschaft.“

Erneuter Vorfall in Langschlag

Nach einigen Tagen Ruhe gibt es nun wieder einen aktuellen Fall in Langschlag, untertags wurden sechs Schafe gerissen, zum Teil arg zugerichtet. Der 1,70 Meter hohe Zaun der Weide dürfte problemlos überwunden worden sein. „Gestern Abend hat man in Bräuhof wieder den Wolf heulen hören, „es war wie im Film“, beschreibt Edith Holl.


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