Jugendliche Straftäter: „Erziehen statt einsperren“ - Warum Wegsperren keine Lösung sein kann
GROSSRAUM LINZ. Die mediale Berichterstattung über drei Jugendliche, die wiederholt Straftaten begangen haben, ist allgegenwärtig. Einer von ihnen, erst 13 Jahre alt, lebt in einer Wohngruppe in Linz-Land. Doch was passiert dort wirklich? Wie geht man mit jungen Menschen um, die scheinbar in eine kriminelle Laufbahn abdriften? Ein Gruppenleiter der Einrichtung gewährt Tips Einblicke in die Herausforderungen und Grenzen der Betreuung.

„Unser Ansatz ist immer bindungsgeleitet“, betont Martin G. (Name von Redaktion geändert). Statt auf starre Regeln oder einen Maßnahmenkatalog zu setzen, wird individuell mit jedem Jugendlichen gearbeitet. Die zentrale Frage: Wie kann man eine tragfähige Beziehung aufbauen? „Erst wenn das gelingt, kann Veränderung stattfinden.“ Jeder Jugendliche bringt eine eigene Geschichte mit. Viele von ihnen weisen Entwicklungsverzögerungen aufgrund von teilweise frühkindlichen, traumatischen Erlebnissen und schwierigen Familienverhältnissen auf.
Gerade bei Kindern unter 14 Jahren, die strafrechtlich nicht belangt werden können, ist pädagogische Arbeit besonders wichtig. „Wir arbeiten nicht mit Sanktionen im klassischen Sinne, da diese nicht zielführend sind, nicht den gewünschten Effekt haben. Wir arbeiten auf der Beziehungsebene, um den Kindern und Jugendlichen langfristig eine positive Entwicklung zu ermöglichen“, erklärt Martin. „Wenn ein Kind keine sicheren Bindungserfahrungen gemacht hat, dann müssen wir genau dort ansetzen.“
Ansatz zeigt Erfolge
„Die Zahl der Jugendlichen, die später komplett aus dem System fallen, ist verschwindend gering“, sagt der Gruppenleiter. Doch nicht jeder Fall ist gleich. „Manche benötigen intensive Betreuung, anderen genügt ein Unterbringungssetting mit klaren Rahmenbedingungen, die Struktur und Halt und somit auch Sicherheit bieten.“
Ein besonders schwieriger Weg
Der konkrete Fall des 13-jährigen Jungen ist aufgrund der hohen Straffälligkeit besonders problematisch für die Gesellschaft. Der Ruf nach härteren Maßnahmen ist laut. Doch G. hält wenig von der Vorstellung, dass eine geschlossene Unterbringung die Lösung sei. „Man kann sie drei Monate einsperren, aber danach haben sie nichts gelernt – außer vielleicht von anderen Straftätern.“ Gerade in jungen Jahren sei die Gefahr groß, dass sich problematische Muster verfestigen. „Wenn ein Jugendlicher sich nur noch als Außenseiter wahrnimmt und kein Zugehörigkeitsgefühl entwickelt, wird er immer weiter abrutschen.“
Fehlende Strukturen – Wo das System an Grenzen stößt
„Wir können viel auffangen, aber wir stoßen auch an unsere Kapazitätsgrenzen“, so der Sozialpädagoge. Besonders problematisch sei der Mangel an passenden Einrichtungen für Jugendliche mit besonders herausforderndem Verhalten. „Wir bräuchten ein sozialpädagogisches Setting in enger Zusammenarbeit mit der Psychiatrie und anderen Helfersystemen, um die Ausgangsregelungen für Jugendliche mit einer solchen Problematik individuell, den Bedürfnissen entsprechend und realistisch gestalten zu können.“
Derzeit gibt es in Österreich nur begrenzte Möglichkeiten für Jugendliche, die zwischen einer klassischen Betreuungseinrichtung und einer geschlossenen Unterbringung stehen. „Sobald die akute Selbst- oder Fremdgefährdung nicht mehr besteht, müssen sie aus der Psychiatrie entlassen werden“, erklärt der Gruppenleiter. Das führe in manchen Fällen dazu, dass Jugendliche immer wieder in dieselben problematischen Muster zurückfallen.
Auch die zuletzt verstärkte mediale Aufmerksamkeit setzt Einrichtungen unter Druck. „Natürlich nehmen wir das wahr, aber wir tun alles, was in unseren Möglichkeiten steht“, betont Martin G.. Die Zusammenarbeit mit der Polizei, den Behörden sowie Gemeinde und Schulen sei auf fachlicher Ebene sehr gut, doch oft fehle es an langfristigen Lösungen. „Wir brauchen mehr Mittelwege zwischen den bestehenden Modellen – das reine ‚Entweder-Oder‘ hilft weder den Jugendlichen noch der Gesellschaft.“
Brauchen wir eine Reform des Jugendstrafrechts?
Die Debatte über eine Senkung des Strafmündigkeitsalters wird nicht zuletzt aufgrund der aktuellen Vorfälle auch in OÖ wieder geführt. G. sieht dies kritisch. „Wir neigen in Österreich zu Extremen. Erst war alles zu hart, jetzt ist vieles zu locker. Was fehlt, ist ein Mittelweg.“ Anstatt die Strafmündigkeit zu senken, plädiert er für mehr Investitionen in sozialpädagogische Maßnahmen. Oft ist das nicht schon in zwei bis drei Monaten zu erreichen, da spiele auch Zeit eine wichtige Rolle. Und da brauche es auch Akzeptanz der Gesellschaft.
Die Arbeit mit straffälligen Jugendlichen bleibt jedenfalls eine Herausforderung. Doch G. ist überzeugt: „Es sieht nach außen manchmal so aus, als würden wir nichts tun. In der Realität ist es aber so: Je mehr Druck und Zwang erzeugt wird, umso weniger Kooperation zeigen die Kinder und Jugendlichen und haben das Gefühl, ausbrechen zu müssen. Gerade Teenager wollen selbstbestimmt sein und machen, was sie wollen. Die Kunst liegt darin, ihnen zu zeigen, dass man nicht ihr Feind ist, damit sie freiwillig die Unterstützung annehmen und lernen, dass das Leben ohne Straftaten lebenswerter ist.“


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