Konstantin Wecker: Wir müssen unbedingt offen sein für alles, was das Leben uns anbietet

Konstantin Wecker: „Wir müssen unbedingt offen sein für alles, was das Leben uns anbietet“

Valerie Himmelbauer Valerie Himmelbauer, Tips Redaktion, 02.07.2019 19:22 Uhr

Linz. Konstantin Wecker, Liedermacher aus Leidenschaft, Meister der Poesie, und bekennender Pazifist: Am am 19. Juli ist der Münchner bei Klassik am Dom mit „Weltenbrand“ zu Gast. Im Interview erzählt der 72-jährige warum Liebe, das ist, was uns alle antreibt. Weshalb das Linzer Konzert sein persönlicher Wunschtermin ist, und was der „Ibiza-Skandal“ in ihm ausgelöst hat.

 Tips: Am 19. Juli sind Sie mit dem Kammerorchester der Bayerischen Philharmonie am Linzer Domplatz zu Gast, worauf freuen Sie sich?

Konstantin Wecker: Dieses Konzert ist mein privates Wunschkonzert. Der Linzer Domplatz ist einer der genialsten Auftrittsorte, einfach magisch. Ich wohne auch noch direkt daneben im Hotel, wo ich vor dem Auftritt mein Publikum sehen kann, das ist etwas ganz Besonderes, das hat man nicht oft im Leben. (lacht)

Tips: Darf sich Ihr Publikum auch auf Lieblingslieder freuen?

Konstantin Wecker: Ich habe mich nie um die Lieblingslieder von jemandem gekümmert, sondern einfach gespielt. Aber es werden ein paar Lieder kommen, die bestimmt für manche auch Lieblingslieder sind (lächelt).

Tips: Wird „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ dabei sein?

Konstantin Wecker: Das Problem bei Open Airs ist ja, dass man pünktlich aufhören muss. Aber ich spiele den Sommer sehr gerne, vor allem wenn Jo Barnikel am zweiten Piano dabei ist. Hoffentlich geht es sich zeitlich aus, versprechen kann ich es nicht.

Tips: Sie waren in den 80ern auch schon einmal auf Tour mit einem Kammerorchester...

Konstantin Wecker: ...ja das war sehr keck damals. Das war die Zeit, wo der Punk gerade aufgekommen ist und mein Publikum ganz bestimmt diese Art von Musik nicht erwartet hat, und vielleicht auch gar nicht wollte. Ich bin ja mit Schubert groß geworden, von meinem Vater her, er war klassischer Sänger. Das war meine Musik, ich ich bis zu meinem Studium fast ausschließlich gespielt und gehört habe. Dann hat mich Janis Joplin kalt erwischt, das war unglaublich. Da war mir dann klar, es gibt auch noch eine andere Art von Musik, die auch Hosenknöpfe öffnet und nicht nur der Seele gut tut (lacht.).

Tips: Wenn Sie Ihre Lieder komponieren, entstehen zuerst Ihre Texte oder die Melodie?

Konstantin Wecker: Ich habe immer zuerst den Text, der dann vertont wird. Jeder Text braucht eine andere Vertonung, da können musikalische Welten dazwischen liegen.

Tips: Sie unterrichten auch Songwriting an Unis in Würzburg, München und Landau, was geben Sie Ihren Studenten mit?

Konstantin Wecker: Ich sag ihnen immer, ihr müsst zu mir kommen, weil ihr singt, weil ihr ein Lied habt, nicht weil es dem Publikum gefällt. Wenn ihr berühmt oder reich werden wollt, dann müsst ihr zu Casting-Shows oder woanders hin gehen. Es gibt ganz talentierte, junge Leute. Aber was ich ihnen immer wieder verinnerlichen muss, selbst Germanistik-Studenten, dass zum Schreiben auch Lesen gehört. Man muss irgendwo sein Handwerk lernen, ich kann nicht einfach ein Gedicht oder einen poetischen Text schreiben, wenn ich noch nie vorher ein Gedicht gelesen hab. Da haperts bei der jungen Generation oft...

Tips: Sie sind auch dafür bekannt, dass Sie Ihre Stimme laut und deutlich gegen Rassismus, Faschismus und Krieg erheben.  Passt nicht Ihr Lied „Der Richter“ irgendwie zum politischen Ibzia-Skandal? Wie ist es Ihnen ergangen, als sie davon gehört haben?

Konstantin Wecker: Ja, das stimmt. Das passt gut zusammen (lacht), vielleicht kommen da ja noch ein paar Zeilen dazu. Na, ich hab ehrlich gesagt innerlich gejubelt, weil ich mir gedacht habe, jetzt wird vielleicht vielen -  die immer noch geglaubt haben, diese FPÖ sei, die Partei des kleinen Mannes - klar geworden dass, das immer schon eine Lüge war. Ich glaube da müsste schon etwas deutlich geworden sein.

Tips: Sie ziehen sich auch immer wieder in die Toscana auf Ihr Bauernhaus zurück, warum ist Ihnen das wichtig?

Konstantin Wecker: Ich bin immer noch mit 100 Konzerten im Jahr auf Tournee, wenn ich frei habe, bin ich in München. Aber zwei bis drei Monate im Jahr nehme ich mir für Italien Zeit, auch zur Inspiration, zum Schreiben.

Tips: Sie sind verheiratet, haben zwei Söhne. Glauben Sie eigentlich selbst immer noch an die große Liebe, nach 22 gemeinsamen Jahren?

Konstantin Wecker: In meinem Alter glaubt man anders an die große Liebe als mit 35. Und das ist auch völlig richtig so. Das Wort Liebe ist für einen 17 jährigen, stürmischen, hormongesteuerten, jungen Mann, ganz ein anderes Wort. Als wenn du dann in Gedichten die Liebe entdeckst, in einem anderen Zusammenhang. Liebe ist unbedingt genau das, was uns alle antreibt, nach der wir uns alle sehnen. Was wir meistens in der Gesellschaft nicht lernen, ist, um geliebt zu werden, auch Liebende sein müssen. Und das ist der viel schwierigere Weg. Ich glaube es ist auch gut zu lernen, dass es nicht immer nur um ein ganz bestimmtes Bild geht, wie eine Familie auszusehen hat, wie Glück auszusehen hat. Man wird im Leben immer wieder erfahren, dass dieses Bild zerstört wird, weil es nur eins ist, das man sich selbst macht. Und wir müssen offen sein, für all das, was das Leben uns anbietet.

Tips: Hatten Sie eigentlich Angst, dass Ihre Söhne ein ähnlich ausuferndes Leben könnten, wie Sie früher?

Konstantin Wecker: Wir haben ein sehr schönes Verhältnis und ich hab ein großes Glück mit meinen Buben. Die Angst von jedem Antifaschistischen und Antimilitaristischen Vater ist, dass der Sohn einmal genau das Gegenteil wird und zum Militär geht, eine Uniform anzieht. (lacht) Ist zum Glück nicht passiert. Ich hab in meinem Lied ja auch ganz deutlich geschrieben: Ich hab ein großes Herz für Träumer und Versager.

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