Brucknerfest-Eröffnung: Fischer mahnt Demokratie und Menschenrechte ein
LINZ. Das internationale Brucknerfest 2021 ist eröffnet, Bundespräsident a. D. Heinz Fischer fand bei seiner Festrede im Brucknerhaus deutlich Worte zu Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Musikalisch umrahmt wurde die Eröffnung vom Oberösterreichische Jugendsinfonieorchester unter der Leitung von Finnegan Downie Dear.

Unter dem Titel „Gedanken zur Belastbarkeit unserer Demokratie“ sprach Fischer über Menschenrechte, Menschenwürde und den Schutz der Demokratie. „Was die Demokratie gefährdet, gefährdet auch die Menschenrechte und umgekehrt. Dabei geht es aber nicht nur um die eigenen Menschenrechte, sondern immer auch um Menschenrechte und Menschenwürde anderer Menschen und in anderen Staaten; auch in Syrien, auch in Belarus, auch in Afghanistan etc. Ich will mich an dieser Stelle nicht verschweigen: Wenn man in ein Land, in dem Menschenrechte so grausam verletzt werden wie im Afghanistan der Taliban, Menschen abschiebt oder abzuschieben versucht, dann versündigt man sich an den Menschenrechten“, so Fischer. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sei ein Satz aus dem Talmud eingraviert, welcher lautet: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“ „Sollten wir nicht an diesen Satz denken, wenn mit dem Argument, dass wir ja nicht alle Menschen retten können, jede Rettung abgelehnt wird – also auch die Rettung einzelner Menschen oder kleiner, besonders gefährdeter Gruppen?“, fragt Fischer in seiner Eröffnungsrede.
Zahlreiche Ehrengäste
Nicht nur einmal thematisiert wurde die Bedeutung von Kultur und die Bedingungen, unter denen Kulturschaffende leben müssen. Unter den Ehrengästen fanden sich neben Heinz Fischer und seiner Gattin Margit auch Vizekanzler Werner Kogler, Ministerin Karoline Edtstadler, Landeshauptmann Thomas Stelzer mit Gattin Bettina Stelzer-Wögerer, Nationalrat Alois Stöger, die Zweiten und Dritten Landtagspräsidenten Adalbert Cramer und Gerda Weichsler-Hauer, Landesrätin Birgit Gerstorfer, Bürgermeister Klaus Luger und Gattin Michaela Mader, Vizebürgermeisterin Karin Hörzing, Kultur-Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer, die Stadträtinnen Regina Fechter und Eva Schobesberger, Kulturdirektor Julius Stieber, Präsident der europäischen Wirtschaftskammer Christoph Leitl, Altbischof Maximilian Aichern, Bischofsvikar Johann Hintermaier, Charlotte Herman (Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz) und viele mehr.
Durch die Veranstaltung führte Kulturjournalistin Andrea Schurian.
Mutige Impulse
Kultur-Stadträtin Doris Lang-Mayerhofer wies in ihrer Ansprache auf das anstehende große Jubiläumsjahr 2024 hin – „wir brauchen kreative Künstler, die out of the box denken und mutige Impulse setzen, lasst uns von Bruckner lernen.“
Die Eröffnungsrede vor der Festansprache von Heinz Fischer hielt dieses Jahr Vizekanzler Werner Kogler. Es sei zwar ungemütlich, das alte Denken aufzugeben, aber wirklich Großes entstehe nur so. Das Alte Denken sei der Feind der Zukunft. Gegenwärtig stehe die Zukunft unserer Kinder, die Zukunft des Planeten auf dem Spiel. Politiker erhalten ihren Auftrag nicht nur von den Wählern, sondern auch von der Zukunft. Es gehe um die Überlebensbedingungen zukünftiger Generationen. Den Komponisten Bruckner zitierte Kogler mit dem Satz: „Wer Türme bauen will, muss lang beim Fundament verweilen“. Als wichtiges Fundament sei eine intakte Natur hinzugekommen. In Linz sei es bisher gut gelungen, Arbeit und Umwelt zu vereinen. Auch das sei Mut. Doch reiche eine intakte Wirtschaft auf Dauer nicht aus. Auch Klimaschutz wird mehr denn je wichtig sein.
Für Landeshauptmann Thomas Stelzer bekannte sich in seiner Festansprache zur Tradition, aber in dem Sinn, dass sie den festen Boden darstellt, auf dem das Überraschende und Neue hervorbrechen und die Entwicklung weitergehen kann. Als Komponist sei Anton Bruckner dafür das Sinnbild. Oberösterreich erlebe derzeit einen wirtschaftlichen Aufschwung, den man sich so nie hätte vorstellen können. Um diese erfreuliche Tendenz voll ausschöpfen zu können, bedarf es eines Miteinanders, wofür nicht zuletzt Kunst und Musik die Voraussetzungen schaffen. Oberösterreich sei ein Wirtschaftsland, ein Industrieland, ein Wohlfahrtsland. All das sei es vor allem deshalb, weil es auch ein Land der Musik und der Kultur ist.
Bürgermeister Klaus Luger ließ die letzten eineinhalb Corona-Jahre Revue passieren. Das Motto des diesjährigen Brucknerfests „Mutige Impulse“ aufgreifend sagt er außerdem, dass es mutiger Impulse bedarf, um sensibel mit der Lebensqualität in der Stadt Linz umzugehen. Im Stadtsenat gäbe es dazu einen Grundkonsens, der in der Entscheidung gipfelt, Linz bis zum Jahr 2040 klimaneutral zu machen.
Oberösterreichs talentierte Jungmusiker
Musikalische Glanzpunkte setzte das Oberösterreichische Jugendsinfonieorchester unter der Leitung des jungen Senkrechtstarters Finnegan Downie Dear. Zu hören gab es Werke von Werke von Hans Rott, Gustav Mahler, Hugo Wolf und Friedrich Klose. Den Schlusspunkt setzte eine Uraufführung: Gemeinsam mit dem voestalpine Chor Linz wurde die Fest-Ouverture von Mathilde Kralik von Meyrswalden aus dem Jahr 1897 aufgeführt.
„Das Internationale Brucknerfest Linz 2021 ist eröffnet! Dieser Satz allein ist schon Musik in den Ohren unseres Publikums, das sich auf die musikalischen Darbietungen in dessen Rahmen freut“, so Dietmar Kerschbaum, Künstlerischer Vorstandsdirektor Liva und Brucknerhaus-Intendant. Fischers „mahnende Worte, die Demokratie als etwas Kostbares zu verteidigen, bin ich ihm sehr dankbar. Er hat daran erinnert, dass es eine Demokratie ohne Menschenrechte und ohne rechtsstaatliche Grundsätze nicht gibt. Wer an diesen Errungenschaften rüttelt – und es sind Errungenschaften, die von unseren Vorfahren hart erkämpft werden mussten – gefährdet die Demokratie. Dessen sollten wir uns stets bewusst sein.“
Auszug aus Fischers Festrede
„Auch die härteste Diktatur ist – wie die Geschichte zeigt – nicht unzerstörbar. Das gilt aber auch für die Demokratie: Sie ist belastbar, sogar sehr belastbar, aber nicht unzerstörbar. Es ist daher eine Sisyphusaufgabe aller Demokratinnen und Demokraten sowie eine nie endende Herausforderung, die belastbare, aber eben nicht unbegrenzt belastbare Demokratie von den Grenzen ihrer Belastbarkeit fernzuhalten. Daran muss jeden Tag gearbeitet werden. Und noch etwas soll in diesem Zusammenhang klar gesagt werden: In einer Diktatur für die Demokratie zu kämpfen, ist unendlich viel schwieriger, als sich in einer Demokratie für die Erhaltung und Festigung dieser Demokratie einzusetzen. Was die Demokratie stärken kann und auch stärkt, ist ihre Verknüpfung mit den Menschenrechten. Der Blick in die Geschichte zeigt uns die chronologischen und inhaltlichen Parallelen im Kampf für Demokratie und Menschenrechte oder für Menschenrechte und Demokratie. Wenn man der Überzeugung ist, dass „alle Menschen […“ gleich an Würde und Rechten geboren“ sind – wie das in Artikel 1 der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen von 1948 so wunderbar formuliert wurde –, dann muss man konsequenterweise auch für ein politisches System eintreten, in dem dieser Grundsatz zur Geltung kommt, also ein System, in dem alle Menschen Chancengleichheit vorfinden, gleichberechtigt an der politischen Willensbildung beteiligt sind und ihre Menschenwürde von der Geburt bis zum Tod geschützt ist. Was die Demokratie gefährdet, gefährdet auch die Menschenrechte und umgekehrt. Dabei geht es aber nicht nur um die eigenen Menschenrechte, sondern immer auch um Menschenrechte und Menschenwürde anderer Menschen und in anderen Staaten; auch in Syrien, auch in Belarus, auch in Afghanistan etc. Ich will mich an dieser Stelle nicht verschweigen: Wenn man in ein Land, in dem Menschenrechte so grausam verletzt werden wie im Afghanistan der Taliban, Menschen abschiebt oder abzuschieben versucht, dann versündigt man sich an den Menschenrechten. Und noch etwas: In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ist ein Satz aus dem Talmud eingraviert, welcher lautet: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“
Sollten wir nicht an diesen Satz denken, wenn mit dem Argument, dass wir ja nicht alle Menschen retten können, jede Rettung abgelehnt wird – also auch die Rettung einzelner Menschen oder kleiner, besonders gefährdeter Gruppen? Die Demokratie hat das Prinzip gleicher Menschenwürde als starke Stütze, aber die mit der Natur des Menschen verknüpfte Tendenz zur Anhäufung und Konzentration von Macht als Gefahrenquelle und Belastung. Macht ist bekanntlich die Fähigkeit, den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen; aber Macht hat die Tendenz zur Akkumulation von weiterer Macht. Daher gehören institutionelle Vorkehrungen zur Legitimation der Macht, zur Begrenzung der Macht, zur Teilung der Macht, zur Kontrolle der Macht und zur Befristung der Macht zu den wesentlichen Bausteinen eines demokratischen Systems. Eines der wichtigsten Instrumente zur Begrenzung der Macht ist der Rechtsstaat, also die Bindung der Macht an das Gesetz. Wer die Demokratie stützen und schützen will, muss auch den Rechtsstaat stützen und schützen. Und wer den Rechtsstaat gefährdet, gefährdet auch die Demokratie.
Und wenn wir wachsam und objektiv sein wollen, dann müssen wir auch die Entwicklung im eigenen Land sorgfältig beobachten und sensibel reagieren, wenn zum Beispiel Teile der Justiz bei ihrer manchmal sehr schwierigen Arbeit von politischer Seite angegriffen und unter Druck gesetzt werden.“
Alle Infos zum Brucknerfest, Termine und Karten: www.brucknerfest.at, www.brucknerhaus.at


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