„Wenn die Ina Regen das kann, kann ich das auch“
LINZ. Bunt, lebendig, weiblich. Ina Regen philosophiert im Tips-Interview übers Erwachsenwerden, übers Musikmachen und natürlich übers Radlfahrn. Ihr drittes Album „Fast wie Radlfahrn“ ist am 03. März erschienen. Am 30. Mai spielt die gebürtige Grieskirchnerin im Musiktheater.

Tips: Ina, wann bist du denn des letzte mal Radlgfahrn?
Ina Regen: Ich bin gerade Moped gefahren, ich glaube das zählt nicht (lacht). Letzten Sommer bin ich Radl gefahren, mit den Kindern meiner besten Freundin, wir haben einen Ausflug an der Traun entlang gemacht.
Tips: Wofür steht diese Analogie im Albumtitel?
Ina Regen: „Fast wie Radlfahrn“ ist ja so eine Redewendung, die man benutzt wenn man überrascht ist, wie einfach etwas ist. Ich habe das Gefühl, wir haben in den letzten Jahren alle ein bisschen vergessen, wie das mit dem Leben eigentlich geht. Das ist mein persönliches Manifest zu sagen, vertraue deinen Instinkten, du kannst das. Und was du nicht beim ersten Mal kannst, lernst du halt.
Tips: Das Album ist fertig. Lehnst du dich jetzt zurück oder würdest du gerne noch weitertüfteln?
Ina Regen: Ich bin schon perfektionistisch veranlagt, erst wenn ich an einem Lied gefunden habe, was es wirklich für mich ist, ist es fertig. Das ist bei manchen Produktionen früh klar, es kann aber schon sein, dass ich nochmal die Handbremse ziehe. Ich habe das Gefühl, ich muss meiner Musik zuhören, und die Musik sagt dann eh irgendwann danke, so jetzt bin ich’s (lacht).
Tips: Welche Sachen hast du beim neuen Album jetzt ausprobiert, die dir vorher nicht in den Sinn gekommen wären?
Ina Regen: Und ich hatte Lust darauf, mit ganz vielen verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten und habe unsere Persönlichkeiten wie so Gewürze oder Zutaten beim Kochen empfunden und mir gedacht „Hmm, Zimt und Chili, schauen wir mal, was das macht“. Darauf hatte ich irgendwie Lust und daraus ist dann das Album entstanden. Am meisten überrascht hat mich „Granit“, ein Lied vor dem ich viel Respekt gehabt habe, weil ich mir nicht sicher war, ob man die Metapher versteht. Wir haben meinen Körper als Instrument benutzt, haben aus meinen Atemgeräuschen einen Beat gebaut, aus meinem Summen ist eine Keyboard-Fläche entstanden. Ich glaube, 80 Prozent vom Playback besteht aus meine Körper. Das fand ich einen spannenden Gedanken für ein Lied, das vom Mensch sein singt.
Tips: Du hast vor fünf Jahren „Wie a Kind“ veröffentlicht. Hat im Prozess zum neuen Album Momente gegeben, wo du wieder richtig Kind sein konntest?
Ina Regen: Total eigentlich! Mein Erwachsenwerden war so eine Anstrengung von „du musst ja irgendwann man beide Füße am Boden haben und dir klar sein, wer du bist.“ Jetzt bin ich 38 und habe mir erlaubt, mit dieser Qual hinter den Fragen einfach aufzuhören. Heute finde ich diese Antwort, morgen stelle ich mir wieder diese Frage. Dann stellt mir das Leben wieder eine Frage. Das ist der Prozess in „Wann i gross bin“, der sagt, ich wachse jeden Tag. Im Idealfall bleibe ich bis ich 90 bin neugierig und kann staunen. Es gibt sowieso keine Antworten, die ein Leben lang halten.
Tips: Mit 18 hast du entschieden, Musikerin zu werden. Was würdest die 38-jährige Ina der 18-jährigen Ina jetzt sagen?
Ina Regen: Wenn ich mir vorstelle, wir begegnen uns bei meiner Aufnahmeprüfung zur Musikuni und ich sage ihr, was aus uns geworden ist, die würde mit mir einschlagen und sagen, hey, geil (lacht). Wir haben uns nicht abbringen lassen, und es hätte genug Gelegenheiten gegeben, zu sagen, ich kann nicht mehr, es ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Und dass letztlich die Musik stark genug war, dass ich geschafft habe, zu bewahren, was es immer für mich war, Ziel und Reise.
Tips: Was erhoffst du dir in deiner aktuellen Single „A Weg zu mir“?
Ina Regen: Ich erhoffe mir bei meinen Zuhörenden dieses Augenzwinkern auf das eigene Leben. Zu sagen, wenn ich scheitere habe ich zumindest eine Gaudi gehabt auf dem Weg. Indem ich meine eigene Verletzlichkeit, aber genauso meine Glücksmomente und Erfolge so bereitwillig teile, wünsche ich mir, dass die Leute sagen, wenn die Ina Regen das kann, kann ich das auch.
Tips: Und würdest du irgendwas trotzdem heute anders machen?
Ina Regen: Ich mag den Menschen, der ich heute bin, ich habe ihn mir hart erarbeitet. Das war nicht immer so, und die 18-jährige hat sich leider in vielen Aspekten, mit ihrer Äußerlichkeit und auch mit ihrem Innenleben, noch weit nicht so annehmen können. Deswegen will ich keine dieser Etappen, egal ob es jetzt die finsteren oder die besonders hellen im Rampenlicht waren, davon missen wollen, weil das alles dazu beigetragen hat, dass ich heute hier sitzen kann und sagen kann, ich mag mich gerade. Ich habe auch gelernt, ich darf auch zwischendrin mal verloren gehen und das Gefühl haben, mein ganzes Leben ist ein Chaos und es ist nichts so wie ich es haben will. Das wird immer wieder passieren und es wird auch in 10 Jahren noch so sein und wahrscheinlich mit 60 auch noch und mit 70.
Tips: Du hast jetzt mit deinem dritten Album ein eigenes Label gegründet, „Nannerl“. Wieso der Name?
Ina Regen: Nannerl ist die große Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart. Die Legende besagt, dass auch durch die europäischen Adelshäuser getourt ist und dort Musik gemacht hat. Als sie aber dann 14 geworden ist, was für die damaligen Verhältnisse das heiratsfähige Alter einer Frau war, hat es sich plötzlich nicht mehr geschickt, dass sie Musik gemacht hat. Diese Art von Gleichberechtigung – da sind wir immer noch nicht. Ich habe es geschafft, mir eine Stimme zu erarbeiten, die in meinem Wirkungskreis gehört wird. Wo ich das allen Frauen, denen es verwehrt geblieben ist eine eigene Stimme zu haben, zurückgeben kann.
Tips: Hast du das Gefühl, in der österreichischen Musiklandschaft tut sich etwas, was das Thema Gleichberechtigung angeht?
Ina Regen: I wish. Ich habe das Gefühl, es pendelt ein bisschen. Es gab schon Phasen, wo ich das Gefühl hatte, es passiert was, Jetzt gerade habe ich wieder das Gefühl, vielleicht hat das auch mit Corona zu tun, dass wir alle so gefordert waren und so viele Veränderungen vornehmen mussten, dass wieder eine Backlash-Situation ist. Da war schon mehr Aufbruch und mehr Umbruch da. Aber vielleicht kommt das Leben auch in Zyklen und vielleicht müssen diejenigen, die mit der Situation unzufrieden waren, auch jetzt genug Wut aufbauen, um das dann in Mut zu verwandeln und was zu verändern.
Tips: Am 30. Mai spielst du im Musiktheater. Welche Erinnerungen verbindest du mit Linz?
Ina Regen: In Linz habe ich studiert, es war die erste Stadt, die mir nicht vertraut war und die ich erobert habe. In Linz war diese Staffelhölzchenübergabe, ich war noch Backgroundsängerin von Conchita und wir waren auf Tour da. Conchita hat mir ihre Bühne geborgt und ich habe alleine am Flügel „Wie a Kind“ gespielt. Ich war zum ersten Mal Ina Regen, und nicht mehr die Regina. Das war magisch. Das Schlusskonzert meiner ersten Tour haben wir auch da gespielt und mein Fanclub hat mich mit einem Lichtermeer überrascht. Als Teenager habe ich geglaubt, ich werde Musicaldarstellerin und habe ich mir gewünscht, dass es diesen Ort gibt. Jetzt ist genau das der Ort, der mich feiert.
Tips: Und eine Abschlussfrage: Als Oberösterreicherin in Wien, magst du lieber Linzer Torte oder Sachertorte?
Ina Regen: Linzer Torte. Also rein geschmacklich ist mir das näher (lacht). Ich bin Schokoladenfan, aber Linzer Torte ist schon was Geiles.


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