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Körperwelten-Kuratorin Angelina Whalley im Interview: „Es geht darum, den Körper nicht als etwas Selbstverständliches zu erachten“

Karin Seyringer, 20.02.2024 18:16

LINZ. In der Tabakfabrik sind faszinierende Einblicke in den menschlichen Körper möglich, bei der Ausstellung „Körperwelten & Der Zyklus des Lebens“. Tips hat die Medizinerin Angelina Whalley, die mit Wissenschaftler Gunther von Hagens die Körperwelten-Ausstellungen erschaffen hat, getroffen.

Die leidenschaftliche Medizinerin und Ehefrau von Gunther von Hagens, Angelina Whalley, zeichnet für die Gestaltung der Körperwelten-Ausstellungen verantwortlich. (Foto: Gunther von  Hagens‘ KÖRPERWELTEN, Institut für Plastination, Heidelberg,  www.koerperwelten.de)
Die leidenschaftliche Medizinerin und Ehefrau von Gunther von Hagens, Angelina Whalley, zeichnet für die Gestaltung der Körperwelten-Ausstellungen verantwortlich. (Foto: Gunther von Hagens‘ KÖRPERWELTEN, Institut für Plastination, Heidelberg, www.koerperwelten.de)

Tips: Es gibt verschiedenste Körperwelten-Ausstellung, welches Thema steht in Linz im Mittelpunkt, was ist der rote Faden durch die Schau „Zyklus des Lebens“?

Whalley: Zu Beginn unserer Ausstellungsarbeit war es mehr eine Anatomie-Ausstellung, aber ich habe gemerkt, dass die Menschen ihr eigenes Leben interessiert. Ich habe mir überlegt, wie wir dem gerecht werden können, habe Themen entwickelt, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellungen ziehen. Bei 'Zyklus des Lebens' in Linz möchte ich bewusst machen, dass wir beständig altern. Sobald man auf die Welt kommt, beginnt man zu altern – im Sinne von Reifen. Irgendwann ist der Höhepunkt erreicht und man hat hoffentlich noch viele vitale Jahre. Wie sich dieser Alterungsprozess über einen Lebenszyklus hinweg entfaltet, ist ganz wesentlich von unseren Verhaltensweisen abhängig, wie wir mit unserem Körper umgehen. Alles, was wir tun oder auch nicht tun, wirkt sich über kurz oder lang auf unseren Körper, unseren Alterungsprozess aus. Wie wir uns ernähren, ob wir körperlich aktiv sind, ob wir ein gesundes soziales Leben, eine erfüllende Tätigkeit haben. Ich möchte wachrütteln, aber nicht den Zeigefinger heben. Ich sage ja nicht, man soll nicht rauchen, aber man soll wissen, was man sich da antut. Es geht darum, das geeignete Wissen an die Menschen zu bringen, denn wir haben unseren Körper ein ganzes Leben lang.

Tips: Wie erleben Sie die Besucher einer Ausstellung?

Whalley: Viele sind überrascht, viele haben vielleicht die Angst: „Kann ich das ertragen?“, sind aber dann angenehm überrascht, dass es so ästhetisch aussieht, gar nicht gruselig, wie vielleicht befürchtet. Die Besucher sind auch schnell bei sich selbst: „Ach! So sieht mein Kreuzband aus, das habe ich mir auch schon verletzt.“ Am Ende des Ausstellungsrundgangs sagen sehr viele Besucher, dass sie einen völlig neuen Blick auf ihren Körper gefunden haben und dass sie ihn nicht mehr als etwas Selbstverständliches erachten. Das hat für mich den größten Wert. Natürlich kann man hier in der Ausstellung nicht die ganze Anatomie lernen – aber alleine ein Gefühl dafür zu bekommen, wie komplex dieser Körper ist ... Und der ein oder andere kommt ja auch mit einer bestimmten Vorerkrankung und sieht zum ersten Mal, was da im Körper los ist. Das ist für viele ein emotionales Erleben.

Tips: Es hat lange auch viel Kritik gegeben: Was entgegnen Sie?

Whalley: Ich kann nur empfehlen, selber in die Ausstellung zu gehen. Es ist sehr ästhetisch aufgemacht, es ist unglaublich informativ. Ich achte sehr darauf, dass sich auch ein medizinischer Laie viel herausnehmen kann. Genau deswegen ist die Kritik auch zurückgegangen: Man hat verstanden, dass die Ausstellung einen großen Aufklärungscharakter hat und es nicht zugeht wie auf dem Jahrmarkt. Wir achten auf die Menschenwürde. Zu sehen sind Präparate von Menschen, die sich zu Lebzeiten zur Verfügung gestellt haben. Wir kommen damit auch dem letzten Wunsch im Testament nach. Die Körper werden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, wir sind in einem geschützten Rahmen. Drittens ist die Anonymität gewahrt, es gibt keine Angaben, die auf die Persönlichkeit des Verstorbenen hinweisen könnte. Und für mich ist das wichtigste Argument das Besucherverhalten: Würde ist etwas, was nicht aus sich heraus passieren kann. Es entsteht im Umgang mit anderen.

Tips: Sie haben sicher einen kleinen Einblick – was sind die Motive der Körperspender? Warum wollen diese ihren Körper nach dem Tod dem Institut für Plastination überlassen?

Whalley: Das ist sehr unterschiedlich: Die meisten haben die Körperwelten gesehen und waren so berührt und begeistert, dass sie Teil sein wollten. Andere haben keine Familienangehörigen mehr oder zumindest keine, von denen sie annehmen, dass sie sich um die Grabpflege kümmern würden. Es gibt auch einige, die es einfach spannend finden, ein, unter Anführungszeichen, 'postmortales Leben führen zu können und nochmal die Welt zu bereisen. Und es gibt auch Menschen, die eine schwerwiegende Diagnose bekommen haben. Insbesondere wenn diese Menschen jünger sind, hat die Idee, dass doch etwas erhalten bleibt, etwas Versöhnliches für sie.

Tips: Sind sie selbst auch registriert?

Whalley: Natürlich bin ich Körperspender!

Tips: Inwieweit sind sie in die Herstellung der Plastinate für die Ausstellung involviert?

Whalley: Ich habe viele Jahre im Labor gearbeitet, aber durch die Arbeit mit den Ausstellungen mache ich das nur mehr sehr beschränkt. Seitdem Gunter von Hagens doch schwer an Parkinson erkrankt ist, bin ich bei der Positionierung der Ganzkörper-Plastinate involviert, aber im Labor selbst arbeite ich nicht mehr.

Tips: Die Ausstellung enthält auch interaktive Elemente ...

Whalley: Die Ausstellung beginnt bei der vorgeburtlichen Entwicklung, es geht zu den Körpersystemen wie Bewegungsapparat, Nervensystem, Herz-Kreislauf, ... Grundsätzlich ist es so aufgebaut, dass in Vitrinen zum Beispiel Organfunktionen beschrieben sind, auch mit krankhaften Organen für den direkten Vergleich. Es gibt Ganzkörper-Plastinate, an denen man zum Beispiel sieht: Wo liegen Organe in Relation zu andern. Und wir haben tatsächlich auch eine Reihe von Installationen, zum Beispiel eine digitale Einrichtung, wo man sich einloggt und ein Abbild des Körpers unter der Haut bekommt. Vor allem die jungen Besucher mögen das besonders. Wir haben Schaukeln. Warum? Es geht auch um Stress in unserer beschleunigten Welt, das Pendant ist, die Balance zu finden. Es gibt auch einen Dummy, wo man Herzdruckmassage üben kann: Viele würden einen Herzinfarkt überleben, wenn sich die Menschen nur trauen würden.

Tips: Gibt es eine Altersempfehlung?

Whalley: Die Ausstellung ist für jedermann gemacht und ich habe sehr viele Kinder in dieser Ausstellung erlebt. Empfehlen würden wir ab 12 Jahren. Aber wenn jüngere Kinder eine gesunde Neugier haben, schadet es überhaupt nichts.

„Körperwelten & Der Zyklus des Lebens“,

bis 9. Juni, Tabakfabrik Linz, Lösehalle.

Alle Infos und Karten (Zeitfenster, Flex-Tickets): www.koerperwelten.at, Ö-Ticket, Tageskasse


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