Linz 1918/1938 - Jüdische Biographien: Neues Buch arbeitet bewegende Schicksale auf
LINZ. Zum laufenden Gedankjahr ist die neue Publikation des Archivs der Stadt Linz „Linz 1918/1938 – Jüdische Biografien“ erschienen. Autorin Verena Wagner hat dafür fünf bewegende Lebensgeschichten aufgearbeitet, die die beiden Wendepunkte 1918 und 1938 eindringlich zeigen. Darunter Marie Donner, geborene Spitz, die letzte lebende Augenzeugin des Brandes der Linzer Synagoge. Als damals achtjährige hat sie den Anschlag nur knapp überlebt.

„Es geht nicht nur um die historische Aufarbeitung der Geschichte der Stadt Linz, sondern auch darum, Bewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen“, so Bürgermeister Klaus Luger. „Aus konkreten Biografien können wir sehr viel lernen und leichter vermitteln, warum wir auch in der heutigen Zeit sehr achtsam sein müssen“. Auch Kulturstadträtin Doris Lang-Mayerhofer sieht einen emotional wichtigen Beitrag: „Einzelschicksale berühren viel stärker und eröffnen einen persönlichen Zugang. Wir müssen auch den Blick auf die jüngere Generation richten, die keinen Krieg kennt, keine Diktatur, und in einem System groß geworden ist, der von Frieden und Demokratie geprägt war.“
Zeit des Wandels und der Umbrüche
Autorin Verena Wagner wählte für ihr neues Buch, dass sie im Auftrag des Archivs der Stadt Linz erarbeitet hat, die Lebenswege von Marie Spitz (verheiratete Donner), Kurt Ungar, Rosa Brunn (verheiratete Ungar), Fritz Richter und Max Hirschfeld aus. Ihre Biografien zeigen die Umbrüche der Zwischenkriegszeit von der Republiksgründung bis zur Auflösung Österreichs am Beispiel der jüdischen Minderheit in der Stadt Linz. „Der politische und gesellschaftliche Wandel könnte nicht deutlicher als am Schicksal einer religiösen Minderheit in Österreich wie der jüdischen Bevölkerung dargestellt werden“, so die ausgewiesene Expertin.
Letzte Zeitzeugin
Vier der fünf Personen, die im Buch beschrieben werden, sind nicht mehr am Leben. Mit Marie Donner, geborene Spitz, die nun in den USA lebt, konnte sich Wagner noch selbst unterhalten. Auch hat sie noch deren inzwischen verstorbene Kusine Lilly Radcliffe getroffen. Alle anderen Biografien wurden durch die nächste Generation charakterisiert, teils standen auch Filminterviews zur Verfügung.
„Mit acht aus Linz rausgeschmissen“
Marie Donner, geborene Spitz, ist die letzte lebende Augenzeugin der Pogromnacht in Linz. Sie war acht Jahre alt, als sie die Zerstörung der Synagoge miterleben musste und wäre fast dabei verbrannt. „Als achtjährige wurde ich aus Linz rausgeschmissen, 80 Jahre später stehe ich wieder hier als geehrter Gast“, zeigte sich die 88-jährige gerührt über ihren Empfang bei der Buchpräsentation. Die Flammen und die Jubelschreie konnte sie bis heute nicht vergessen: „Die Juden brennen, die Juden brennen!“ der gaffenden Menge.
Marie Spitz wurde mit einem Kindertransport rechtzeitig nach London evakuiert, nach schrecklichen Erlebnissen in zwei Lagern nahm sie eine Gastfamilie auf. Erst im Jahr 1940 traf sie ihre Zieheltern in San Francisco wieder. Marie Spitz heiratete im Jahr 1949 Jack Donner, wurde Mutter von zwei Söhnen und lebt in Kalifornien.
Erst durch ihre Arbeit an dem Buch wurde bekannt, dass mit Marie Donner noch eine Augenzeugin des Synagogenbrandes am Leben ist.
Viele weitere Schicksale
Neben Donner hat Verena Wagner auch die Lebenswege von Kurt Ungar und Rosa Brunn für ihr Buch ausgewählt. Die Biografie von Kurt Ungar bezieht sich stark auf des Leben um 1918. Seine Tagebücher geben neue Eisichten in das damalige Leben von jüdischen Jugendlichen. Ungar konnte mit seiner Familie nach Palästina fliehen. Er ist einer der wenigen Juden, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nach Linz zurückkehrten. Ungar war von 1948 bis 1958 Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde, er starb 1982 und wurde am jüdischen Friedhof in Linz begraben.
Zum Judentum konvertiert
Rosa Ungar (geborene Brunn) war die Frau von Kurt Ungar. Sie wurde 1914 geboren und katholisch erzogen. In ihrer Geschichte steht der Übertritt zum jüdischen Glauben im Mittelpunkt. Sie gehörte zu den letzten Christinnen, die vor dem März 1938 konvertierte.
Auch die Biografien von Fritz Richter und Max Hirschfeld geben tiefe Einblicke.
624 Seiten
Das Werk von Verena Wagner ist 624 Seiten stark und enthält zahlreiche teils unbekannte Abbildungen. Es ist zum Preis von 35 Euro im Archiv der Stadt Linz (Neues Rathaus) sowie im Buchhandel erhältlich.
Ausstellung
Das Archiv der Stadt Linz zeigt im Wissensturm auch eine zugehörige Ausstellung, eröffnet wird sie am Donnerstag, 8. November, 18 Uhr und kann bis 11. Jänner 2019 bei freiem Eintritt besucht werden. Gruppenführungen sind durch telefonische Voranmeldung (Tel. 7070/2961) möglich.


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