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LINZ. Im Kunstprojekt Stimm*Raum der Sozialen Initiative geht es um Werke und Stimmen junger Menschen, über die hierzulande oft gesprochen wird, die aber selbst kaum zu Wort kommen: Jugendliche tschetschenischer Herkunft. Wie groß der Bedarf in Österreich ist ihnen Gehör zu schenken, haben die Lesung und Vernissage im Lentos Kunstmuseum Linz gezeigt. 

Die 22-jährige Autorin Cheda mit „ihrer“ Leserin Mathilde Schwabeneder. (Foto: LM.Media GmbH)
  1 / 3   Die 22-jährige Autorin Cheda mit „ihrer“ Leserin Mathilde Schwabeneder. (Foto: LM.Media GmbH)

Ein etwa drei jähriger Bub geht auf das Meer zu. Man sieht ihn nur von hinten. Er trägt einen rot-weißen Kapuzenpullover und eine blaue Jean. Ein zutiefst friedliches Bild. Und doch weckt das Bild ein seltsam anmutendes Gefühl, noch bevor man versteht, woran es erinnert. Die Ähnlichkeit mit Alan Kurdi, jenem dreijährigen Jungen, der im Jahr 2015 im Mittelmehr ertrunken ist und dessen Leichnam an der türkischen Küste angeschwemmt wurde, ist erschütternd. Die Ähnlichkeit mit dem auf traurige Weise berühmt gewordenen Bild von Alan Kurdi ist reiner Zufall. Die 22-jährige Cheda, eine Teilnehmerin von Stimm*Raum, hat für den Fotografie-Workshop Menschen und Gegenstände fotografiert und auch diesen kleinen Buben abgebildet. Ihr war gar nicht bewusst, sagt sie später, welche Wirkung dieses Bild habe und welche Assoziationen es wecke.

Über die Wirkung ihrer Bilder und Texte waren sich die jungen Oberösterreicher mit tschetschenischen Biografien bis zur Lesung und Vernissage im Kunstmuseum Lentos nicht bewusst. Denn die Geschichten, die sie in der Schreibwerkstatt unter Leitung der aus Tschetschenien stammenden Journalistin Maynat Kurbanova geschrieben haben und die Bilder, die im Workshop, geleitet von der Linzer Fotografin Zoe Goldstein, entstanden sind, sind für sie lediglich Momentaufnahmen aus ihrem Leben - einem Leben zwischen Zuschreibungen und Wirklichkeit, in dem Vorurteile gegenüber ihrer Herkunft zum Alltag gehören und in dem Abweichungen von diesen Zuschreibungen als Ausnahmen abgetan werden.

Prominente Leser

Wer bei der Eröffnung im Lentos den Geschichten der tschetschenischen Jugendlichen lauschte, gelesen von bekannten österreichischen Kunstschaffenden, stellte fest, dass sich diese jungen Menschen von allen anderen in Österreich kaum unterscheiden. „Wenn man diese Texte liest wird sichtbar, dass ein tschetschenischer Bauer genauso ist wie  ein österreichischer und dass seine Frau zu ihm auch genauso ist wie die Frau des hiesigen“, sagt Gerhard Ruiss, Schriftsteller und Musiker, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren, der Malika seine Stimme geliehen hat. Ruiss war einer der prominenten Leser, der gemeinsam mit Karikaturist Gerhard Haderer, Journalistin und Autorin Mathilde Schwabeneder, Kunstaktivistin Andrea Hummer, Schriftsteller und Slam-Poet René Bauer, Chordirigentin des Landestheaters Linz Elena Pierini, Musiker Philipp Kroll der Band Texta, Künstlerin Claudia Hochedlinger, Stimm*Raum-Projektleiterin Sabine Kerschbaum von der Soziale Initiative sowie Katharina Fernandez-Metztbauer von der Integrationsstelle des Landes. Moderiert wurde der Abend vor rund 200 Besuchern von Satiriker und Kabarettist Klaus Oppitz.

Die vorgetragenen Geschichten wurden im zweisprachigen Buch „Stimm*Raum“, das vor kurzem im Bayer Verlag auf  Deutsch und Tschetschenisch erschienen ist, zusammengetragen. Sie erzählen von Sehnsüchten und Visionen, von Liebe und Leidenschaft, vom Garten der Großeltern und Omas Essen, von Kindheitserinnerungen und Maulbeeren, die Emma, eine der Stimm*Raum-Teilnehmerin in Österreich vergeblich gesucht hat, kurz nach dem sie aus Tschetschenien hierhergekommen ist. Die Geschichten handeln häufig, ganz nebenbei, auch von Krieg und Flucht. Die meisten Jugendlichen sind als Kleinkinder nach Österreich gekommen. Das, was sie in der frühen Kindheit erlebt und bis jetzt verdrängt haben, kommt nun in ihren Texten zum Ausdruck. Selbst wenn die jungen Menschen über den Krieg und über das erlebte Leid schreiben, klingen sie weder anklagend noch wehleidig. Im Gegenteil - sie bejahen das Leben und die Erfahrungen, die sie gemacht haben.

Ausstellung bis 27. März im Lentos

Die Bilder der Jugendlichen, die unter dem Titel „Daheim“ im Rahmen von Stimm*Raum entstanden sind, können noch bis 27. März im Auditorium des Kunstmuseum Lentos besichtigt werden. Die Ausstellung wurde von der Linzer Fotografin Zoe Goldstein kuratiert. Die Bilder und das Buch können käuflich erworben werden. Der Reinerlös aus dem Bücher-und Bilderverkauf geht an karitative Projekte der Sozialen Initiative und kommt Kindern, Jugendlichen und Familien in prekären Lebenssituationen zugute.


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