Mittwoch 22. Mai 2024
KW 21


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

Im Gespräch mit Jasmine Chansri: Die Stimme der Zuversicht der Volkshilfe Oberösterreich

Kern Kerstin, 23.01.2024 19:40

LINZ. Jasmine Chansri leitet die Volkshilfe Oberösterreich, aufgewachsen ist sie im Linzer Franckviertel. Ein Gespräch über Chancen, prägende Momente und Wünsche für 2024.

Tips hat mit Jasmine Chansri, Geschäftsführerin der Volkshilfe Oberösterreich, über das Aufwachsen im Franckviertel, berührende Momente in ihrer Karriere und Wünsche für die Zukunft gesprochen. (Foto: Antje Wolm)
Tips hat mit Jasmine Chansri, Geschäftsführerin der Volkshilfe Oberösterreich, über das Aufwachsen im Franckviertel, berührende Momente in ihrer Karriere und Wünsche für die Zukunft gesprochen. (Foto: Antje Wolm)

Auf ihre Kindheit und Jugend im Linzer „Glasscherbenviertel“ blickt Jasmine Chansri positiv zurück: „Mich hat es total bereichert. Wenn du vielleicht nicht die optimalen Startbedingungen hast, dann geht das aber schon auch mit Diskriminierung einher. So bin ich geprägt worden, dass Menschen vielleicht oft nur urteilen, weil sie kein anderes Bild haben und ich das Privileg hatte, auch andere Welten zu erkunden.“

Ihr Vater ist Akademiker, konnte aber in Österreich nie Fuß fassen und ging zurück in seine Heimat Thailand. Jasmine Chansri wuchs bei ihrer Mutter auf, die krankheitsbedingt arbeitsunfähig war und Notstandshilfe bezog. Nicht nur ihr eigener Migrationshintergrund, auch ihr seit jungen Jahren bestehender Einsatz für Gerechtigkeit prägte Chansris Perspektive auf die Gesellschaft.

Junge Sichtweisen zulassen

Nach ihrem Jusstudium gelangte Chansri mit 23 Jahren als damals jüngste Abgeordnete in den Oö. Landtag, obwohl sie eigentlich nur für den Gemeinderat angetreten war. Dort stellte sie jedoch fest, dass ihr die Politik zu weit weg von der Umsetzung lebensverändernder Maßnahmen war. Mit Mitte 20 begann sie ehrenamtlich im Landesvorstand der Volkshilfe, 20 Jahre später wurde sie die Leiterin der Organisation in OÖ.

Als junge Frau in einer entscheidungstragenden Position erhielt Chansri mitunter zweifelhafte Ratschläge: „Mit 23 haben mir die – meistens – Männer, die schon 30, 40 Jahre in dieser Funktion waren, laut erklärt: ‚das macht man schon ewig so, einfach zustimmen‘. Nicht nur in der Politik, in fast allen Gremien. Die alten Ansichten müssen ja nicht schlecht sein. Aber es gehört gemischt mit der aktuellen Sicht der Jugendlichen. Und das ist in der Volkshilfe bei uns super“, betont die Juristin.

Offenes Ohr für Betroffene

In ihrer Funktion als Landesgeschäftsführerin setzt sie sich vehement gegen Kinderarmut und für gerechte Bildungschancen quer durch alle sozialen Schichten ein, etwa mit der Forderung nach einer Kindergrundsicherung. Dabei steht ihre Tür auch Betroffenen offen: „Bei uns kommt das Volk herein, es ist ein ‚Open House‘. Es steht auch immer wieder mal wieder wer im Büro und sagt, er hat jetzt diese Notsituation. Es ist einfach ganz wichtig, den Dialog zu führen.“

Wichtig ist Chansri auch zu betonen, dass NGOs wie die Volkshilfe nicht nur auf Krisenintervention basieren, sondern auch oder gerade abseits der Krise Hilfe leisten. Diese präventive Arbeit federe im Vorfeld ab, was dem Staat Mehrkosten bereiten würde, auch unter diesem Gesichtspunkt seien mehr finanzielle Mittel für NGOs wünschenswert.

Steigende Nachfrage bei Sozialorganisationen

Auch weil die Nachfrage nach den Angeboten steigt: „Früher sind die Leute bei uns Ende des Monats gekommen, wenn das Geld nicht mehr ausreichend da war. Jetzt ist es meistens schon ungefähr am 13. so – das ist fatal“, so Chansri.

Ihr gehe es auch darum, Sichtbarkeit für Themen zu schaffen, die am Gesprächstisch in der Mitte der Gesellschaft noch nicht deutlich genug angekommen sind. Um die Chancengleichheit zu erhöhen, sei Bildung der Schlüssel. Das derzeitige Bildungssystem ist Chansri zu starr, sie wünscht sich mehr Zugänglichkeit, beispielsweise im Bereich Digitalisierung.

Solidarität und Zuversicht

Positiv nimmt die 43-Jährige die große Solidarität der Oberösterreicher, gerade in Krisenzeiten, wahr: Zwar erschwert die hohe Inflation immer mehr Menschen das Auskommen mit dem Geld, aber nach dem Erdbeben in der Türkei seien dennoch überraschend viele Spenden eingelangt. Besonders gut erinnern kann sie sich auch an einen Moment zu Beginn der Flüchtlingsbewegung 2015: „In einer Nacht und Nebelaktion haben wir in der Linzer Tabakfabrik ein Notquartier aufgemacht. Mein prägendstes Erlebnis war, wie ein ungefähr dreijähriges Kind, eine halb zerrissene Hose und ein T-Shirt und einen Handschuh hat er noch gehabt, sich bei einem Helfer von uns angelehnt hat und erschöpft eingeschlafen ist. Ich habe das so interpretiert: vielleicht wird alles besser“.

Diese Zuversicht hat sie sich im Laufe ihrer Karriere behalten: „Jeder kleine Schritt, ob jemand nach einer Umschulung einen Job kriegt oder eine zweite Chance, das sind schöne Erfolge.“

Wünsche für die Zukunft

Als Ausgleich zu ihrem anspruchsvollen Berufsalltag genießt Jasmine Chansri das Reisen. Zum Abschalten geht es in ihre zweite Heimat Thailand, mit der sie sich bis heute verbunden fühlt. Ihr Wunsch für das neue Jahr 2024: „Entschleunigung; das Abrüsten von Worten und von Gewalt, und mehr Begegnung“.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden