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LINZ. Seit einem Unfall ihres Mannes bestimmt die Pflege den Alltag von Herta Steinbichl. Die 64-jährige Pichlingerin weiß, wie schwer es sein kann, Hilfe anzunehmen – und wie viel dadurch wieder möglich wird. Mit ihrem Buch „Du zählst auch“ möchte sie pflegende Angehörige ermutigen, neben der Verantwortung nicht auf sich selbst zu vergessen.

Herta Steinbichl hat ihre Geschichte in ein Buch gepackt. (Foto: Melanie Pilsl)
Herta Steinbichl hat ihre Geschichte in ein Buch gepackt. (Foto: Melanie Pilsl)

Seit 42 Jahren sind Herta und Bernhard Steinbichl verheiratet. Früher waren sie viel unterwegs, ehrenamtlich engagiert und von einem großen Freundeskreis umgeben. Er war Präsident eines Oldtimerclubs, sie Schriftführerin. „Wir waren höchst aktiv“, erzählt die 64-Jährige.

Vor fünf Jahren veränderte dann ein Unfall ihr gemeinsames Leben. Ihr Mann stürzte auf den Hinterkopf und erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Zunächst erholte er sich so weit, dass er wieder Auto fahren konnte. Nach einer Corona-Erkrankung im Herbst 2022 verschlechterte sich sein Zustand jedoch. Heute braucht er bei fast allem Unterstützung.

Gemeinsam und doch einsam

Aus Spaziergängen um den See wurden kurze Runden im Garten. Gespräche wurden seltener, der Bekanntenkreis kleiner. Heute liegt und sitzt er die meiste Zeit, spricht kein Wort. „Er ist in seiner eigenen Welt, aber er hat alles, was er braucht.“

Der geliebte Mensch ist zwar noch da und doch „ist man in der Beziehung allein“, beschreibt Steinbichl eine Einsamkeit, die von außen oft schwer zu erkennen ist. Will sie reden, muss sie jemanden anrufen. Traurigkeit, Verzweiflung, Erschöpfung, Wut, die Linzerin kennt die ganze Gefühlspalette. „Man vermisst den Partner und fragt sich natürlich, warum er einem das antut.“

Lange versuchte sie, mit noch mehr Einsatz etwas zu verändern. Sie organisierte Behandlungen, suchte Fachleute auf und hoffte auf Fortschritte. Am 6. August 2025 schien diese Hoffnung plötzlich greifbar: Ihr Mann sprach wieder, scherzte, beteiligte sich an einem Telefonat. Doch noch am selben Tag zog er sich wieder zurück. „Es war, als hätte sich kurz der Schleier gehoben und wieder gesenkt. Da habe ich gewusst, es liegt nicht in meiner Hand.“

Hilfe ist kein Verrat

Hilfe anzunehmen fiel ihr trotzdem schwer. Sie hatte das Gefühl, ihren Mann damit im Stich zu lassen. „Doch das ist ein Trugschluss, durch den es einem selbst immer schlechter geht. Ich habe erst danach begriffen, dass ich mir selbst im Weg gestanden bin. Es ist ein Prozess, den man durchläuft, bis man sagen kann, jetzt bin ich bereit, meinen Schatz ein Stück abzugeben.“

Über eine Bekannte fand sie schließlich eine Betreuungskraft. Heute kommt Christina an zwei Tagen die Woche. Die Linzerin weiß ihren Mann gut versorgt und kann Termine wahrnehmen, Ausflüge machen oder in Ruhe schreiben. Die befürchteten Schuldgefühle wichen einer anderen Erfahrung: „Mir geht es wieder besser und das spürt auch mein Mann.“

Ein Buch, das Mut machen soll

Ihre Geschichte hat Herta Steinbichl in dem Buch „Du zählst auch – jetzt und immer. Wenn der Mensch, den du liebst, verschwindet – und du bleibst.“ niedergeschrieben. Das Buch erscheint am 19. November. Am vergangenen Wochenende stellte sie es bereits auf der Frankfurter Buchmesse vor.

Das Schreiben war schmerzhaft. Alles erneut zu erleben, hat sie an ihre Grenzen gebracht. Die zweite Lektoratsversion hat sie nur noch überflogen. „Ich habe das Kapitel für mich abgeschlossen. Mein Blick ist heute ein anderer. Ich schaue nach vorn.“

Mit ihrem Buch möchte sie pflegende Angehörige ermutigen, neben der Verantwortung auch Platz für die eigenen Wünsche zu lassen. Als „Stimme der stillen Helden“, wie sie sich nennt, möchte sie Menschen über soziale Medien, ihren YouTube-Kanal und künftig bei Lesungen und Vorträgen erreichen. „Ich möchte ihnen mitgeben, dass das Leben nicht vorbei ist, dass man sich selbst nicht aufgeben darf.“

Ihren Mann möchte sie, solange es geht, im gemeinsamen Zuhause pflegen. Zeitgleich erlaubt sie sich wieder Platz für eigene Wünsche. Ihre wichtigste Botschaft ist deshalb keine Aufforderung zum Durchhalten um jeden Preis, sondern Hilfe anzunehmen.

Schätzungsweise rund 900.000 Menschen in Österreich zählen zu den pflegenden Angehörigen. Rund drei Viertel davon sind Frauen, das Durchschnittsalter beträgt 62 Jahre. 

Wer Angehörige zu Hause pflegt, muss nicht alles allein bewältigen. Folgende Anlaufstellen helfen dabei, Unterstützung zu organisieren und Entlastung zu finden:

• Pflege-Hotline OÖ: Zentrale erste Anlaufstelle für Fragen rund um Pflege und Betreuung im Alter. Sie informiert etwa über Tagesbetreuung, Entlastungsdienste sowie Unterstützungsangebote und vermittelt an zuständige Stellen. Kontakt: 051 775 775; Montag, Dienstag und Donnerstag 9-12 Uhr und 13-17 UhrMehr: pflegeinfo-ooe.at

• Kompass-Sozialberatungsstellen für Linzer ab 18 Jahren: Die drei Außenstellen (Nord, Ost, Süd) unterstützen etwa bei der Organisation von mobiler Betreuung, Hauskrankenpflege und mobiler Essensversorgung. Außerdem beraten sie zu Seniorenheimen und regionalen Hilfsangeboten und helfen bei Anträgen auf Beihilfen und Befreiungen. Kontaktinfos nach Wohnadresse unter linz.at/services/sozialberatung

• Caritas OÖ: Zum Angebot gehören etwa psychosoziale Beratung, Gesprächsgruppen und Auszeit-Tage. Eine Beratung ist persönlich, telefonisch sowie per Video oder Chat möglich. Telefonische Erstberatung: 0676 8776 8791; Dienstag, Mittwoch und Donnerstag 8-13.30 UhrMehr: caritas-pflege.at

• Volkshilfe OÖ: Unterstützung durch die Übernahme von Betreuung und Pflege sowie durch Beratung und Austausch. Kontakt: 0732 3405-300, Montag-Freitag 8-14 UhrMehr: volkshilfe-ooe.at

• Krisenhilfe OÖ: Wenn die Belastung in eine psychische Krise mündet, bietet die Krisenhilfe rasche Unterstützung. Sie ist keine Pflegeberatung! Kontakt: 0732 2177 (rund um die Uhr erreichbar)Mehr: krisenhilfeooe.at


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