"So kann es nicht weitergehen": Neue Doku "Bauer unser" übt Kritik
OÖ. Schneller, billiger, mehr: Robert Schabus wirft in der neuen Doku „Bauer unser“ einen kritischen Blick auf die Entwicklung in der heimischen Landwirtschaft. Bauern produzieren Lebensmittel. Der Handel vertreibt die Lebensmittel. Alle kaufen die Lebensmittel. Man möchte meinen, alle in diesem Kreislauf profitieren von diesem Verhältnis untereinander. Die Realität stellt sich aber ganz anders dar. Einhelliger Tenor: So kann es nicht weitergehen. Im Hollywood Megaplex in Pasching feierte der Film Vorpremiere.

Der Dokumentarfilm „Bauer unser“ zeigt gleichermaßen ungeschönt wie unaufgeregt wie es auf Österreichs Bauernhöfen zugeht. Doch so vielfältig die Bauern, vom Biobauern bis zum konventionellen Agraringenieur, so einhellig der Tenor: So wird es nicht weitergehen. Es läuft etwas falsch. Das Mantra der Industrie – schneller, billiger, mehr – kann nicht funktionieren. „Diese Entwicklung ist überall ablesbar, die Betriebe werden größer, die Ausrichtung auf den freien Markt verlangt diese Intensivierung in vielen Bereichen – das ist natürlich ein Problem. Und ich wollte mir das einfach anschauen: Wer übt Druck aus? Wer verdient? Was passiert zwischen dem Ort, an dem die Lebensmittel produziert werden – dem Bauernhof – und dort wo sie gegessen werden“, so Regisseur Robert Schabus.
Für ihn geht es allerdings nicht nur um den Produzenten an sich. „Deshalb auch der Titel des Filmes „Bauer unser“, der auch mit dem religiösen, also dem „Vater unser“ spielt. Mir ist es vielmehr darum gegangen, zu thematisieren, dass dieser Berufsstand des Bauern viel mehr ist als einfach nur der Beruf. Das ist ein Gemeingut für die Gesellschaft, es geht um soziale Verhältnisse, um das Leben am Land, um Leute die dort quasi noch einem Beruf nachgehen können, Ökologie, Tourismus, Landschaftspflege und, und. und… Es geht nicht nur ums Produkt. Und das unterscheidet diesen Berufsstand von anderen, meiner Ansicht nach.
„Leben seit Jahren von der Substanz“
Regisseur Robert Schabus lässt in seinem Film Bauern und Agarexperten zu Wort kommen. Unter anderem ist IG Milch-Obmann Ewald Grünzweil aus Vorderweißenbach im Mühlviertel zu sehen. Er betreibt einen Bio-Hof mit 40 Milchkühen. „Wir sind ein Vollerwerb, aber - wie soll ich sagen – wir leben seit Jahren von der Substanz. Wir haben zwei Erwachsene Kinder – beide gehen ihrem Job nach, weil wir sagen: Wir wissen nicht, wie das ausgeht. In der momentanen Situation bin ich froh, dass es nicht so ausschaut – das hört sich jetzt brutal an – als hätten wir einen Nachfolger. Wenn sich da nicht das ganze System ändert, dann gibt“s da, wo wir herkommen, diese Form von Landwirtschaft nicht mehr“.
Grünzweil kritisiert im Film auch das System der Förderungen. „70 Prozent von unserem Einkommen kommt aus öffentlichen Geldern. Und dann sollst du nicht frustriert sein.“, sagt er im Film. Indirekt sei das aber eine Konsumentenstützung – so Schabus: „Wir haben im Lebensmittelbereich überhaupt keine Kostenwahrheit. Das Lebensmittel, das im Supermarktregal steht – die Milch zum Beispiel – die müsste eigentlich doppelt so viel kosten, damit auch der Bauer am Ende das kriegt, was er eigentlich braucht, damit er überleben kann. Und das geht ja nur durch dieses System der öffentlichen Gelder. Und das verfälscht das ja alles. Dann geht die Milch um 10 Cent rauf – dann gibt es auf der anderen Seite schon wieder Leute, die sich aufregen, weil so teuer. Es ist ja in Wahrheit alles viel zu billig. Das ist schon ein totales Missverständnis: Das man diesen Wert der Lebensmittel – der ja ein großer ist – gar nicht mehr am Preis dieser ablesen kann.
Schabus nimmt vor allem die Politik, aber auch die Konsumenten und die Landwirte in die Pflicht. „Jeder ist angehalten, sich selbst bei der Nase zu nehmen, ganz dringend. Wichtig ist aber auch, dass man sich nicht nur einfach als Konsument im Supermarkt wahrnimmt. Im Supermarkt zum anderen Milchpackerl zu greifen ist sicher zu wenig. Aber: Über Konsum alleine kann man es trotzdem nicht in Griff bekommen, man muss die Politik auch in die Pflicht nehmen. Dieser Wirtschaftsbereich ist ein Bereich, der entpolitisiert worden ist. Also dieses Mantra: Der Markt macht immer alles richtig, ist einfach ein Fehler“.
„In der Werbung sieht man alles anders“
Gefordert wird eine gesamtgesellschaftliche Diskussion: „So wie Landwirtschaft in größere Betrieben funktioniert ist vielfach dem Konsumenten garnichtmehr erklärbar. In der Werbung sieht man alles ganz anders – alles ganz idyllisch, Tiere haben Namen und sprechen – es ist alles vorindustriell, gibt keine Maschinen, das ist alles superschön – aber schrecklich. Das geht auch den Bauern wahnsinnig auf den Nerv, die haben wirklich eine Wut, wie die verkauft werden. Am Abend sehen sie diese Werbung und in der Früh gehen sie in den Stall und da schaut es ganz anders aus. Wenn du heute Schweinemäster bist, kannst du nicht mit 50 Weideschweinen überleben. Du kannst schon überleben – aber nicht, wenn du vorher eine Halle gebaut hast, die die jetzt auf 20 Jahre finanzieren musst. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Diskussion in die man treten muss. Wollen wir das so? Wollen auch die Bauern das so? Das muss man auch fragen“, so Schabus.
Die Hoffnung lebt
Es sind keine rosigen Bilder, die der Kinobesucher hier sieht – die Melancholie, die in die Landwirtschaft herrsche, komme sehr gut heraus, so Grünzweil. „Ich sehe wenig Perspektive. Uns Bauern und Bäuerinnen traue ich die Kraft und Solidarität nicht mehr wirklich zu, dass wir das angehen und ändern. Die Hoffnung wäre, das der gesellschaftliche Druck so groß wird, und das Interesse – das die Leute einfach sagen: Das haben wir nicht gewusst, das wollen wir anders haben. Da ist dieser Film ein tolles Werkzeug für uns – vielleicht kann er etwas bewegen.
Hinweis
Produzent des Filmes ist Helmut Grasser, unter anderem „we feed the world“. Seit 11. November, ist der Film österreichweit in den Kinos zu sehen.
Im Interview
Tips hat sich mit Regisseur Robert Schabus und dem Mühlviertler Biobauern Ewald Grünzweil unterhalten. Das vollständige Interview gibt es hier zu lesen.


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