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Pflege am Limit: Gute Pflegekultur als Inbegriff von Menschlichkeit während der Pandemie

Leserartikel Rotes Kreuz Linz, 22.03.2021 12:06

Es ist ein Arbeiten am Limit, unter starker Beanspruchung, begleitet von der im letzten Jahr vielbesungenen Systemrelevanz. Menschen in Pflegeberufen sind in der Corona-Zeit besonders gefordert. Relevant und lebenswichtig für unsere Gesellschaft war ihre Tätigkeit jedoch schon immer. Auch für das Rote Kreuz Linz-Stadt/Land ist die Organisation der Pflege im viralen Spektrum aufwendiger geworden. 

„Professionelle Pflege ist weit mehr als die Durchführung von Körperpflegetätigkeiten, Verbandwechseln und der Ausführung medizinisch delegierter Tätigkeiten. Im Moment ist es weder das Ansehen, noch der Verdienst und schon gar nicht die zum Teil einseitige mediale Berichterstattung der letzten Zeit über schier unmenschliche Arbeitsbedingungen, die geeignet sind die Werbetrommel zu rühren. Aber – erlauben Sie mir das Wortspiel – ich würde lieber die „Wertetrommel“ rühren: Es gibt Werte, die den Pflegeberuf wert-voll machen. Es ist die persönliche Interaktion und die professionelle Beziehung zu pflegebedürftigen Menschen, die Begegnung mit Respekt und die Rücksicht auf deren Würde“, macht sich Christine Bretbacher für Pflegeberufe stark. Die Rotkreuz-Mitarbeiterin trägt große Verantwortung in dem sensiblen Bereich und das sogar in doppelter Funktion. Seit 2018 ist sie als Landespflegedienstleiterin beschäftigt. Im November 2020 kommt noch die interimistische Pflegedienstleitung Linz-Stadt dazu. Die Entwicklung einer guten Pflegekultur bestimmt das Berufsleben der engagierten Frau. Die Personalsituation im Bezirk Linz war bereits vor Corona sehr angespannt, speziell im Zentralraum. Es werden hier zwar vergleichsweise mehr Pflegepersonen ausgebildet als in der Peripherie, dafür wird weitaus mehr Personal in den Kliniken benötigt. „Die ambulante Pflege als Berufsfeld ist bei den Pflegepersonen oftmals wenig präsent oder man hat falsche Vorstellungen vom ambulanten Pflegesetting. Hier wird eine sehr selbständige und eigenverantwortliche Tätigkeit ermöglicht, bei der das Ergebnis beinahe täglich erkennbar ist an der Dankbarkeit vieler der pflege- und betreuungsbedürftigen Menschen“, so Christine über den ihr anvertrauten Bereich. In der Corona-Zeit sind die Spannungen in dem ohnehin stark belasteten Berufsfeld noch einmal höher. Christine meistert ihre Aufgaben mit Visionen und Weitblick für die Beschäftigten einerseits und Klientinnen und Klienten andererseits.

Aufwändigerer Einsatzplan und Pflegetriage als „Notfallszenario“

Hinsichtlich der Einsatzplanung ist die Organisation der Pflege aufwändiger geworden. Zusätzliche Schutzmaßnahmen für Pflegepersonal und zu betreuende Menschen sind notwendig. Durch neue Verordnungen bestehen oftmals Unklarheiten über die genaue Umsetzung. „Pflegepersonen arbeiten unter erschwerten Bedingungen, weil es, so wie in den Krankenhäusern und Pflegeheimen notwendig ist, bei allen körpernahen Tätigkeiten konsequent Schutzausrüstung zu tragen. Das Positive ist, dass wir genügend Schutzausrüstung haben und dass durch die strikte Einhaltung der Schutzmaßnahmen bislang Ansteckungen während der Pflege und Betreuung bei unseren Pflegepersonen erfolgreich verhindert werden konnten“, zeigt sich Christine trotz aller Erschwernisse erleichtert. Die Pflegedienstleiterin ist sich bewusst, die Einhaltung der Schutz- und Hygienemaßnahmen erfordert große Selbstdisziplin und Sorgfalt des Personals. Bezirksübergreifend war zwischenzeitlich ein sogenanntes COVID-Pflegeteam im Einsatz. Um pflegerische Härtesituationen zu vermeiden, wurden ebenfalls entsprechende Maßnahmen getroffen. So wurde eine Vortriage zum Ausschluss von Erkrankungen vor Betreten eines Haushaltes erstellt. Für den absoluten Härtefall, falls ein Pflegeteam pandemiebedingt ausfallen würde, sorgte man mit einer Pflegetriage als „Notfallszenario“ vor. Selbst in der 24-Stunden-Betreuung mit dem Kooperationspartner AIW konnten längerfristige Ausfälle von Betreuerinnen und Betreuern weitgehend abgewendet werden.

„In Summe ist Corona sicher eine weitere Herausforderung für die Pflege, wenngleich alle professionell Pflegenden im Umgang mit Infektionskrankeiten gut geschult sind“, weiß Christine um die Professionalität der Beteiligten und ist sehr dankbar für das außerordentliche Engagement.

Hoher Männeranteil, starkes WIR-Gefühl und psychischer Schutz der Pflegepersonen

Bemerkenswert im Bezirk ist der vergleichsweise hohe Männeranteil beim Personal von 15 Prozent, unabhängig von der Corona-Situation. Manche pflegebedürftigen Menschen akzeptieren jedoch nach wie vor nur Frauen in der Pflege. Christine und ihr Team nehmen diese Wünsche sehr ernst und können ihnen durch Flexibilität gerecht werden.

Die Pflegedienstleiterin hat Visionen für ihren Bereich, sie möchte die Wirkung der Pflege positiv sichtbar machen. Eine gute Pflegekultur und ein gesundheitsförderndes Pflegeverständnis, bei dem die Fähigkeiten der betreuten Personen im Mittelpunkt stehen und weiterentwickelt werden. Sie setzt auf ein starkes WIR-Gefühl bei den Strategien des Personals im Umgang mit den Menschen, gerade wenn es um den Erhalt der Selbstständigkeit und die Steigerung des Wohlbefindens im Alter geht.

Außerdem mangelt es aus Sicht von Christine Bretbacher als gelernter Gesundheitswissenschaftlerin derzeit noch am Bewusstsein, dass es neben den körperlichen Corona-Maßnahmen auch psychische Schutzmaßnahmen sowohl für Pflegepersonen als auch für Führungskräfte braucht - vor allem wenn es um Rahmenbedingungen geht, die für die Betreffenden nicht veränderbar sind. Sie stellt sich hier Tools vor, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Widerstandskräfte stärken und einen achtsamen Umgang mit sich selbst erlernen können. Diese Methoden benötigt man generell im Pflegealltag, speziell aber in der Krise.


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