Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

LINZ/OÖ. Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Linzer Kepler­universitätsklinikum, gibt im Gespräch mit Tips Auskunft über aktuelle Fragestellungen zum brisanten Thema der Covid-19-Impfung und der Zunahme der neuartigen Omikron-Variante in ganz Europa.

Bernd Lamprecht: "So genannte Totimpfstoffe zeigten in Studien bisher nicht, dass sie den bisherigen Impfstoffen überlegen wären." (Foto: volker weihbold)

Tips:Das Thema Impfen beherrscht wenige Wochen vor Einführung einer Impfpflicht Medien und Gesellschaft. Wie würden Sie noch ungeimpften Menschen die Angst vor dem Stich nehmen?

Bernd Lamprecht: Bezahlt macht sich auf alle Fälle, das Gespräch mit jemandem zu suchen, dem man vertraut. Für Ärzte ist es ja möglich, auch auf die vielen Untersuchungen und Studien zuzugreifen. Die Impfstoffe sind bereits hervorragend untersucht.

Tips: Die neuartige Omikron-Variante hält vermehrt Einzug in Österreich. Sollte man jetzt mit dem Drittstich boostern oder besser gleich angepasste Impfstoff-Varianten abwarten?

Lamprecht: Gerade die Omi­kron-Variante unterscheidet sich stärker von den bisherigen Virusvarianten, deshalb wird es sinnvoll sein, Anpassungen am Impfstoff vorzunehmen. Aber ich würde nicht raten, auf einen solchen Impfstoff zu warten, denn realistischerweise werden solche vor dem zweiten Quartal des nächsten Jahres wohl nicht erhältlich sein. Und selbst dann muss erst eine ausreichende Produktion sichergestellt sein. Ich würde darauf setzen, mit den verfügbaren Impfstoffen für einen bestmöglichen Schutz zu sorgen. Der mag dann gegenüber der Omikron-Variante vielleicht etwas weniger gut sein, aber es ist sicher ein guter Schutz vor schweren Verläufen. Eine spätere Impfung mit angepassten Impfstoffen kann im Jahr 2022 ergänzend durchgeführt werden.

Tips: So genannte Tot-Impfstoffe wie Novavax oder Valneva stehen vor der Zulassung. Was unterscheidet diese Impfstoffe von Messenger-RnA-Impfstoffen, die derzeit zum Einsatz kommen?

Lamprecht: Bei Messenger-RnA-Impfstoffen wird praktisch der Bauplan eines Merkmals des Virus geimpft, der von den Muskelzellen umgesetzt wird und dem Immunsystem präsentiert wird. Bei den so genannten Totimpfstoffen wird nicht ein Bauplan geimpft, sondern bereits das fertige Merkmal. Das heißt, das Immunsystem wird unmittelbar mit diesem Merkmal konfrontiert und bildet darauf eine Immunantwort aus. Wobei Novavax genau wie Messenger-RnA-Impfstoffe auch das Merkmal des Spike-Proteins des Virus verwendet. Es ist da also nicht zu erwarten, dass Novavax hier sehr viel bessere Immunantworten hervorruft. Bei Valneva handelt es sich tatsächlich um einen Totimpfstoff, es wird mit einem abgetöteten, inaktiven Ganz-Virus gearbeitet. Hier ist schon denkbar, dass gegen mehrere Merkmale des Virus dann eine Antikörperbildung erfolgen kann und damit auch eine breite Immunantwort möglich ist.

Tips: Das Warten auf solche Impfstoffe würde sich Ihrer Meinung nach also auszahlen?

Lamprecht: Auch diese Impfstoffe haben bisher in den zumindest verfügbaren Studien nicht gezeigt, dass sie den bisherigen Impfstoffen überlegen wären. Sie werden aber bestimmt auch eine gute Wirksamkeit haben. Auf diese zu warten, hat vor Kurzem auch der Geschäftsführer von Valneva selbst nicht empfohlen. Er hat gemeint, man soll nicht auf diesen Impfstoff warten, sondern sich jetzt schützen, und später, wenn diese Impfstoffe ergänzend verfügbar sind, bei Auffrischungsimpfungen davon Gebrauch machen. Ich rate auch davon ab, auf neue oder angepasste Impfstoffe zu warten.

Tips: Aber nicht wenige Menschen sagen bewusst, sie wollen sich erst mit diesen Präparaten impfen lassen...

Lamprecht: Wenn es Menschen gibt, die dadurch eine Möglichkeit sehen, ihre Meinung nochmal zu ändern, weil sie sich entschieden gegen eine Impfung ausgesprochen haben, aber dann sagen, na gut, mit dem Impfstoff schon, dann ist das natürlich fein, dann erreicht man hier vielleicht eine gewisse Gruppe. Aber anderen würde ich eher ans Herz legen, jetzt auf ihren Schutz zu achten und sich persönlich auch für diesen Winter so gut es geht persönlich zu schützen.

Tips: Stehen auch Medikamente bereits vor dem Einsatz?

Lamprecht: So genannte Monoklonale Antikörper-Präparate sind im Augenblick nur als Infusionen verfügbar. Bei zwei Tablettentherapien, die in Studien bereits überzeugten, ist noch keine Ware verfügbar. Nächstes Jahr können wir damit zusätzlich zur Impfung weitere Möglichkeiten nützen, um Impflücken zu schließen. Die gesamte Reparaturmedizin ist hier aber der Vorsorgemedizin unterlegen.

Tips: Warum gingen bei Corona-Präparaten die Zulassungen um so viel schneller als bei anderen Impfstoffen über die Bühne?

Lamprecht: Das ist einfach durch den immensen Aufwand erklärt, der hier innerhalb kurzer Zeit betrieben wurde, es wurden auch mehrere Studienphasen zugleich durchgeführt. Es gibt mittlerweile nicht nur diese Zulassungsstudien, sondern ganz viele Studien zur tatsächlichen Anwendung, Berichte aus vielen Ländern und von inzwischen ja Milliarden durchgeführten Impfungen. Es gibt wohl kaum Impfungen, zu denen auch nur annähernd so viele Informationen gesammelt wurden.

Tips: Oft ist die Angst vor möglichen Langzeitfolgen ein Thema. Wie sehen hier die ersten Erfahrungsberichte aus?

Lamprecht: Die Impfung ist eigentlich eine kurze Konfrontation des Immunsystems mit den Merkmalen des Virus. Daraus ist keine Langzeitfolge zu erwarten. Anders ist das vielleicht bei einem Medikament, das man über Jahre einnehmen muss. Da ist vorstellbar, dass es kumulative Effekte über die Jahre gibt. Aber bei einer Impfung, die sozusagen ein kurzfristiges Ereignis ist, sind solche Langzeiteffekte nichts was Vakzinologen, also Impfspezialisten, erwarten oder auch von anderen Impfungen kennen würden. Wenn Folgen auftreten, dann schon in den ersten Wochen nach der Impfung bis maximal zwei Monate danach.

Tips: Auch wenn sie selten sind, Nebenwirkungen treten doch auch in der Praxis auf.

Lamprecht: Neben der wirklich zahlenstarken Anwendung der Impfung erlangte man auch viele Kenntnisse über seltene Nebenwirkungen. Wenn man daran denkt, man hätte Sorge vor einer ganz seltenen Nebenwirkung, die mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million auftritt, dann hat man jetzt bei dieser vielfachen Impfanwendungen auch hier schon Informationen, womit man hier rechnen könnte.

Tips: Impfen vor und in einer Schwangerschaft – ja oder nein?

Lamprecht: Sorgen wie jene vor dem Verlust der Fruchtbarkeit sind ja schon vielfach beantwortet worden. Das ist inzwischen alles ganz gut widerlegt. Diese Impfung ist sicher, auch für Frauen im gebärfähigen Alter. Sie wird auch Frauen empfohlen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine Schwangerschaft in den nächsten Monaten zu planen, damit die Immunität schon vor der Schwangerschaft sichergestellt sein kann. Wenn in der Schwangerschaft die Impfung erfolgen soll, wird sie bevorzugt im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft durchgeführt. Auch da gibt es inzwischen ganz viele Beobachtungen, dass das sehr sicher ist und zwar für Mutter und Kind.

Tips: Befürworten Sie die Öffnungen in Oberösterreich ab 17. Dezember, wie Sie zuletzt vorgestellt wurden und was gibt es dabei aus medizinischer Sicht zu beachten, was sind Ihre Ratschläge im Weihnachtsfinish?

Lamprecht: Die Öffnungsschritte bedeuten nicht, dass man jetzt zur Realität zurückkehrt, wie wir sie vor Corona gekannt haben. Es ist mit dem Lockdown gelungen, die Infektionszahlen zu senken, es ist auch gelungen, eine Trendumkehr in den Spitälern zu erreichen, es gibt erste vorsichtige Reduktionen, das ist erfreulich, aber das bedeutet nicht, dass wir ganz über den Berg sind. Man wird bestimmte Maßnahmen wie Abstände oder Masken an vielen Orten weiter befolgen müssen, um das Infektionsgeschehen in einem Bereich zu halten, der auch für die Spitäler verträglich ist.

Tips: Wird denn auch die Impfpflicht Erfolge zeigen, wenn sie denn kommt?

Lamprecht: Eine möglichst hohe Impfquote wird uns sicherlich im Laufe des Jahres 2022 eine Hilfe sein und wird uns wohl vielleicht zumindest für den nächsten Herbst und Winter dann schon eine große Unterstützung sein. Für diesen Herbst und Winter werden Impfungen, die erst im Februar oder März passieren, nicht mehr diese Wirkung entfalten können. Da wäre es natürlich viel wichtiger, wenn Impfungen im Dezember oder spätestens Jänner stattfinden, um hier noch einen Schutz auch im Winter zu haben.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden