Integration von Muslimen ist alternativlos
Der Islamforscher Ednan Aslan gewährte, bei einer Veranstaltung in Brüssel, erstmals Einblick in seine brandneue Studie über Muslime in Österreich und deren Integration in die Gesellschaft. Aslan warnt vor Einflussnahmen aus der Türkei und dem arabischen Raum und unterstreicht die Notwendigkeit eines europäisch geprägten Islam für eine gelungene Integration.

Mit seiner Studie über muslimische Kindergärten in Wien sorgte Ednan Aslan bereits für Aufsehen und wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In einer aktuellen Studie beschäftigt sich der Forscher nun mit den Einstellungen der in Österreich lebenden Muslime (6,5 Prozent der Bevölkerung) und der Herausforderung diese zu integrieren. „Die Einwanderung von Muslimen geht ununterbrochen weiter“, stellt Aslan fest, dem es besonders wichtig war, in seinen Umfragen auch erst kürzlich zugewanderte Muslime zu berücksichtigen.
Siehe Grafik oben - „Typologie muslimischer Religiosität„ (Sample - 700 Menschen in Österreich wurden befragt. Davon 80 qualitative Interviews.)
Im Zuge der Datenerhebung unterteilten die Wissenschaftler der Universität Wien die Befragten in fünf Typologien muslimischer Religiosität. (siehe Grafik) Auffällig ist, dass über 40 Prozent der Muslime in Österreich als wenig religiös bezeichnet werden können. Menschen, die diesen beiden Gruppen zugeordnet werden können, praktizieren religiöse Tätigkeiten weniger als bewusstes religiöses Handeln sondern als kulturelle Tradition. Für jene Menschen die dem Bereich „Ungebundene Religiosität“ (15 Prozent) zugeordnet wurden, spielt der Islam als Religionsbekenntnis im Alltag keine Rolle.
Beinahe 45 Prozent der Muslime weist die Studie als hochreligiös aus, die die Ausübung ihrer Religion aber an ihre Umwelt und ihr Umfeld anpassen. Jene Menschen, die dem Typ „Pragmatische Religiosität“ zugeordnet werden, sind zu Kompromissen und Anpassungsleistungen bereit. Sollte es etwa an einem Arbeitsplatz die Gelegenheit geben zu beten, werde diese genutzt, sei dies nicht möglich, werden die Gebete zu Hause verrichtet, erklärt Aslan. Die Gruppe der „offen Religiösen“ (14,8 Prozent) interpretiert religiöse Einstellungen, Rituale und Inhalte eigenständig und tritt in der Gesellschaft selbstbewusst muslimisch auf. Die Mitglieder dieser Gruppe sind auch bereit religiöse Autoritäten zu kritisieren und abweichende Positionen einzunehmen.
Über 14 Prozent der Befragten werden der Gruppe „Bewahrende Religiosität“ (14,1 Prozent) zugeordnet. Hier stoßen Integrationsbemühungen auf gravierende Widerstände. Diese strenggläubigen Muslime zeichnen sich durch Wertkonservatismus aus, Traditionen ihrer Herkunftsländer spielen eine besonders große Rolle. Die Studie stellt auch Hinweise auf Rückzugstendenzen aus der Gesellschaft fest. Die Alltagsgestaltung der Menschen erfolgt danach, inwiefern religiöse und soziale Traditionen bestmöglich aufrechterhalten werden.
Einfluss von außen
Aslan ortet in Österreich einen merklichen Einfluss der Türkei auf die hier lebenden Muslime. „Wenn Recip Erdogan nach Wien kommt und er wird von 24.000 Anhängern begrüßt, dann wurde da im Vorfeld etwas investiert“, so Aslan.
Über diverse Organisationen und Schulen seien die Menschen schnell aktivierbar. „Alle islamischen Organisationen in Österreich werden vom Ausland aus gesteuert, nie aus dem Inland“, so Aslan, der kritisiert, dass man in Österreich nicht einmal weiß, wie viele Moscheen und Imame es tatsächlich gibt. Diese Strukturen können auch genutzt werden um Vorwürfen gegen die Türkei, etwa aus der EU, Gegenpropaganda entgegenzustellen, indem man die Situationen und Entwicklungen innerhalb Europas verzerrt darstelle. „Es handelt sich dabei um „Kolonien“ die für außenpolitische Zwecke genutzt werden können“, warnt Aslan.
Das Islamgesetz hält Aslan in diesem Zusammenhang für ein wichtiges Signal, da man damit die Botschaft aussendet, dass Muslime in Österreich ein internes Thema sind und man keine Einmischung von außen wünscht.
Ein europäischer Islam
Eine gelungene Integration von Muslimen ist für den Islamforscher alternativlos. „Ich kenne kein anderes Land, in dem es Muslimen so gut geht wie in Österreich, deshalb muss es möglich sein, dass Integration gelingt – eine andere Alternative kenne ich auch nicht“, so Aslan. Aus Sicht Aslans ist die Etablierung eines Islam europäischer Prägung dafür allerdings unverzichtbar. Hier müsse es eine klare Trennung von Schari“a und Religion geben. Auch die Stellung von Koran und Sunnah müssten überdacht werden. Der Glaubensgemeinde muss auch klar sein, dass sie eine ethische Verantwortung für die gesamte Gesellschaft hat.
Besonders wichtig erscheint Aslan hier auch die Stellung der Frau „die aus den muslimischen Zwängen“ befreit werden müsse. Derzeit lasse sich in Europa ein Säkularisierungsprozess der Muslime feststellen, erklärt der Islamforscher. Ein Einfluss auf zugewanderte Muslime ist also durchaus möglich und geschieht bereits. Eine besondere Herausforderung orte er derzeit im Zuzug von Muslimen arabischer und afghanischer Prägung. Bislang sind vor allem Menschen mit bosnischer oder türkischer Prägung zugezogen, nun hat man es aber mit Menschen zu tun, die aus ganz anderen Kulturkreisen stammen. „Es muss gelingen die Muslime die kommen für eine Neuprägung zu gewinnen, sonst wird die Integration nicht gelingen“, warnt der Professor.
Integration
Bildung sei einer der Schlüssel für gelungene Integration, so Aslan, doch die Schulen könnten dies oft nicht leisten. Man müsse sich eingestehen, dass die Integration in manchen Wiener Bezirken gescheitert sei. Von enormer Bedeutung sei es auch, dass man Imame im eigenen Land ausbildet, was in Österreich seit geraumer Zeit auch geschieht.
Ein einzelner Staat kann dies aber nicht leisten, ist der Forscher überzeugt, für gelungene Integration brauche es ganz Europa.


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