„Eine Tierwohlkennzeichnung kann es nicht zum Nulltarif geben“

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Alexandra Mittermayr Alexandra Mittermayr, Tips Redaktion, 19.01.2021 19:00 Uhr

LINZ/OÖ. Die Bäuerin aus Überzeugung, Präsidentin der Landwirtschaftskammer (LK) OÖ und Spitzenkandidatin des OÖ Bauernbundes Michaela Langer-Weninger im Gespräch mit Tips über die Herausforderungen und Chancen in der Landwirtschaft.

Tips: Die Landwirte haben im vergangenen Jahr bewiesen, dass sie Versorgungssicherheit bieten können. Chance Corona?

Michaela Langer-Weninger:  Es war für die Bauernseele gut zu hören, dass wir als systemrelevant anerkannt worden sind. Mir gefällt das Wort lebensnotwendig noch besser. Jeder braucht dreimal am Tag was zum Essen, wenn es gut geht, und das soll regional, heimisch und vor allem verfügbar sein.  Das hat uns Bauern in der Stimmung schon gutgetan, dass man gesehen hat, wir werden geschätzt für das, was wir tun. Sehr oft werden wir im Alltag auch beschimpft, man muss sich am Feld Angriffen stellen und sich für seine Arbeit rechtfertigen.

Tips: An Bedeutung gewonnen hat während der Corona-Krise die Direktvermarktung. Werden die Konsumenten das neue Einkaufsverhalten beibehalten?

Langer-Weninger: Je länger so eine Zeit andauert, umso mehr verankert sich manches in den Köpfen. Ich bin überzeugt, dass sich das Thema Regionalität stärker festsetzt und damit auch das Bewusstsein, wie wichtig es ist, dass jemand da ist, der uns versorgen kann. In meiner Generation haben wir noch nie erlebt, dass ein Supermarktregal leer ist. 

Tips: Die Regierungsparteien haben sich nach der Wahl darauf geeinigt, die Herkunftskennzeichnung für verarbeitete Lebensmittel und in Großküchen zu forcieren. Was ist hier der Stand der Dinge?

Langer-Weninger:  Verzögerungen gibt es einerseits aufgrund europarechtlicher Bedingungen, andererseits möchte Gesundheitsminister Anschober die Herkunftskennzeichnung mit einer Tierwohlkennzeichnung verknüpfen. Das kommt für uns nicht infrage, weil das mehr Auflagen für die Landwirtschaft bedeutet. Dagegen sträuben wir uns nicht grundsätzlich, aber mehr Aufwand heißt, es kostet mehr. Es braucht auch den Konsumenten, der bereit ist, das zu kaufen. Wir sehen hier, dass es schwierig ist. Im Supermarktregal entscheidet der Preis.

Tips: Der Lockdown und die Schließung der Gastronomie führen zu Einbußen in der Landwirtschaft. Gibt es hier Entschädigungen?

Langer-Weninger: Im Rind - und Schweinefleischbereich hat es Absatzförderungen gegeben. Zu wenig, um effektiv zu entschädigen. Wir fordern daher einerseits die private Lagerhaltung auf europäischer Ebene und parallel dazu eine Verlustentschädigung als Vorlieferant zur Gastronomie wie in anderen Branchen. Das stellt sich aufgrund der Pauschalierung in der Landwirtschaft etwas schwieriger dar, wir sind in Verhandlung mit dem Finanzministerium. Die Berechnungen gestalten sich auch schwieriger, weil man weder eine Kuh noch ein Schweindl in Kurzarbeit schicken kann.

Tips: Wie könnte ein fairer Anteil an der Wertschöpfung für die Landwirtschaft aussehen?

Langer-Weninger:  Wir müssen mehr über den Produktpreis machen und stärker werden im Marketing und mit Gütesiegelprogrammen. Die Einkommen der Bauern stagnieren über Jahre, aus dem Lebensmittelhandel gibt es Jubelmeldungen. Solange wir nur den Rohstoff liefern, sind wir austauschbar. Aber auch Gespräche mit dem Lebensmittelhandel führen, um das Bewusstsein zu stärken, Regionalität nicht nur groß anzupreisen, sondern auch die Produkte ins Regal zu legen. Da ist im Frischfleischbereich einiges gelungen, aber es geht auch um verarbeitete Ware, Tiefkühlprodukte.

Werden nur um ein Prozent mehr heimische Lebensmittel gekauft, schafft das in OÖ 547 Arbeitsplätze (Quelle: Wifo Studie), das bedeutet pro Monat und Haushalt rund drei Euro an Mehrkosten. Die Konsumenten können uns mit regionalen Einkäufen unterstützen, indem sie darauf achten, woher die Produkte kommen.

Tips: Welchen Schutz benötigt die heimische Landwirtschaft?

Langer-Weninger:  Das EU-Mercosur-Abkommen darf so nicht kommen, weil es zulasten der Bäuerinnen und Bauern geht. Alles, was von einem anderen Kontinent kommt, muss mit Importzöllen belegt werden, wenn es nicht den europäischen Standards entspricht. Aber die Diskussion geht für uns noch weiter. Wir können nicht im Zuge des Green Deals sagen, wir müssen höherwertiger und mehr ökologisch produzieren,  und lassen dann Produkte zu uns herein, die unsere heimischen Produkte, die teurer werden aufgrund der Vorgaben, verdrängen. 

Wichtig ist mir auch ein Importverbot für Produkte, die mit Stoffen behandelt werden, die bei uns verboten sind. Solche Früchte und pflanzliche Produkte liegen bei uns im Supermarkt und werden als „Super Food“ verkauft, wie zum Beispiel Goji-Beeren. 

Tips: Am 24. Jänner wird gewählt, im Vorjahr lag die Wahlbeteiligung bei 53 %. Was sind Ihre Erwartungen?

Langer-Weninger: Eine Wahl während eines Lockdowns ist eine riesen Herausforderung. Ich glaube, dass die Briefwahl gut laufen wird und ich hoffe, dass wir das Ergebnis auf einer breiten Mehrheit aufbauen können. Den Bäuerinnen und Bauern möchte ich mitgeben, dass wir in der LK jeden Tag alles geben, damit wir die Rahmenbedingungen in diesem schwierigen Umfeld gut aufstellen können.

Tips: Gibt es eine Forderung des OÖ Bauernbundes, die sich von anderen Fraktionen klar unterscheidet?

Langer-Weninger: Beim Wahlrecht der Interessensvertretung sind wir ganz klar dafür,  dass es für alle, die am Hof leben, die ihn entweder bewirtschaften oder bewirtschaftet haben, sprich die Altbauern,  aufrechterhalten wird. Hier gibt es Anträge der anderen Fraktionen, die das abschaffen wollen. Ich kann mir sogar eine Ausweitung vorstellen, dass man die, die künftig den Hof übernehmen, dazu nimmt.  Um den bäuerlichen Betrieb zu stärken, muss man auch mitbestimmen können.

Tips: Sie sind selbst Bäuerin, in OÖ werden 44 % der Betriebe von Frauen geführt. Wie ermutigen Sie junge Frauen, Bäuerin zu werden?

Langer-Weninger: Junge Frauen sagen oft „ich bin ja gar keine Bäuerin“. Bäuerin sein heißt nicht, dass ich nur in den Stall gehen oder am Traktor sitzen muss, sondern Bäuerin sein bedeutet, dass ich am Hof sein möchte und mit Grund, Boden und Tieren arbeite. Der Hof bietet viele Möglichkeiten, sich zu entfalten. Und in Verbindung mit einem ersterlernten Berufes entstehen oft neue Betriebszweige. Parallel dazu kann man als Frau für die Familie da sein. Das habe ich persönlich immer sehr geschätzt, dass ich für die Kinder da sein kann.

Tips: Sie fordern in Ihrem Arbeitsprogramm,  den Unterrichtsgegenstand „Ernährung und Lebensmittelkompetenz“ in die Lehrpläne aufzunehmen. Sehen Sie hier Defizite?

Langer-Weninger: Wir sehen, dass eine Grundkompetenz zum Leben ist, dass ich weiß, wie ich mit einem Lebensmittel umgehe. Wo kommt es her und wie wird es verarbeitet, was kann ich daraus machen, wie heißen die Dinge alle und wie gehe ich damit um? Wir sehen, dass die Grundkompetenzen teilweise verloren gehen. Wenn die Kinder aufgrund der gesellschaftlichen Änderung das zu Hause nicht mehr erlernen, dann muss man ihnen diese Grundkompetenz woanders mitgeben. Dazu ist die Schule der richtige Ort. Wie führt man einen Haushalt, wie geht man mit dem Geld richtig um?  Das sind Lebenskompetenzen, die gehören zur Allgemeinbildung und sind entscheidend für die Zukunft.

Auf der Homepage www.esserwissen.at bereitet die Landwirtschaftskammer Informationen zur Ernährung mit regionalen Lebensmitteln auf - mit in Zukunft erweiterter Unterstützung für Pädagoginnen und Pädagogen, damit die das Wissen vermitteln können. In vielen Schulen wird das Thema auch schon jetzt in anderen Unterrichtsgegenständen aufgegriffen wie zum Beispiel in Biologie.

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