Fragen der Zukunft, beim Academia Superior Dialog mit Precht und Hengstschläger

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V. l.: Markus Hengstschläger, Christine Haberlander, Richard David Precht (Foto: Academia Superior/Wakolbinger)
Karin Seyringer Karin Seyringer, Tips Redaktion, 07.07.2021 13:30 Uhr

LINZ. Mit einem ganz besonderen Gast meldet sich die Academia Superior – Gesellschaft für Zukunftsforschung aus der pandemiebedingten Südflügel-Dialogpause zurück: LH-Stellvertreterin und Academia Superior-Obfau Christine Haberlander konnte den bekannten deutschen Philosophen Richard David Precht für einen Dialog mit Markus Hengstschläger gewinnen. Thema bei dem Abend im Linzer Schloss war „Fragen an die Zukunft.“

So drehte sich das Gespräch der beiden Zukunftsdenker Precht und Hengstschläger um jene Themen und Fragen, die besonders gestaltend auf die Zukunft wirken: Bildung, die digitale Transformation, die Arbeitswelt der Zukunft, das Grundeinkommen und den Klimawandel.

„Nach einer schweren Zeit erleben wir jetzt endlich eine neue Phase: Eine Zeit der Zuversicht. Zuversicht bedeutet auch, mutig in die Zukunft zu denken. Und genau das ist das Thema des heutigen Abends: Die Fragen, die wir stellen müssen, um für diese Zukunft gerüstet zu sein“, brachte es Haberlander bei ihrer Begrüßung auf den Punkt.

Den Abend stellte sie gleichzeitig als Auftaktveranstaltung für einen Zukunftsprozess vor, wo unter www.fragen-an-die-zukunft.at die drängendsten und wesentlichen Zukunftsfragen formuliert, thematisiert und debattiert werden.

Auch Landeshauptmann Thomas Stelzer zeigte sich zuversichtlich: „Oberösterreich ist ein vielfältiges Land. Ein Wirtschafts- und Industriestandort, genauso wie ein Sozial- und Kulturland und ein Land der Bildung und der Ehrenamtlichen. Genauso vielfältig und gesamtheitlich wollen wir die Zukunft unseres Landes anlegen. Und das fordert uns natürlich immer dazu auf, neue Fragen an die Zukunft zu stellen.“

Bildung grundlegend neu denken

Eine Steilvorlage dafür legte Precht gleich bei der ersten Frage nach der Zukunft unseres Bildungssystems hin. Er sieht die grundlegende Struktur des Bildungssystems immer noch im 19. Jahrhundert verhaftet. Seither seien „nur Schönheitskorrekturen, keine grundlegende Reform des Systems“ passiert, ist der Philosoph überzeugt, und weiter: „Die Schule, die unsere Kinder auf das 21. Jahrhundert vorbereitet, muss zu einem spannenden Ort werden“. In dem Modell seiner idealen Schule wären 50 Prozent der Lehrkräfte Menschen aus der Praxis: „Wenn ein Elektriker für sein Feld brennt, dann kann er das auch Kindern vermitteln. Wir brauchen solche Leute, die Leidenschaft wecken können“, meinte Precht und fügte hinzu: „Auch Unternehmergeist lernt man besser nicht aus Lehrbüchern, sondern von Unternehmern.“

Digitale Transformation befördert Empathieberufe

„Eine der wirkmächtigsten Veränderungen der Gegenwart und Zukunft ist die digitale Transformation, die durch die letzten Monate einen weiteren Boost erlebt hat“, analysiert Markus Hengstschläger zum Einstieg in ein weiteres Zukunftsthema. Der Vordenker Precht ist sich sicher, dass das auch den Arbeitsmarkt der Zukunft nachhaltig verändert. Denn durch bessere Programme und Algorithmen werden in den nächsten Jahren viele Routineaufgaben von Maschinen übernommen werden. Überraschend verortet er den größten Wachstumsmarkt der Zukunft jedoch nicht nur in den MINT-Fächern und Digitalberufen – auch da werde man viele Hochqualifizierte brauchen –, sondern bei den „Empathieberufen“. Damit meint er etwa die Pflege und Betreuung und Bereiche, wo Menschen andere Menschen unterstützen: „vom Talentescout bis zum Beauty- und Healthcoach. Also alles, wo man sich gut in andere Menschen einfühlen können muss“, prognostiziert Precht.

Weniger Steuern auf Arbeit und ein Argument für ein bedingungsloses Grundeinkommen

Precht, der aktuell ein Buch zur Zukunft der Arbeit schreibt, sieht mittelfristig einen schwindenden Bedarf an menschlicher Arbeitskraft, wie bereits bei früheren „Wirtschafts-Revolutionen“. Trotzdem werde derzeit allerorts gefordert, das Pensionsantrittsalter weiter zu erhöhen, was er auf die mittlerweile überholte Finanzierung unserer Pensions- und Sozialsystem zurückführt: „Der grundlegende Fehler ist, dass unser gesamtes System primär durch die Besteuerung von Arbeit finanziert wird“, betonte der Philosoph, „das war einmal eine gute Idee.“ In einer Welt, in der die Arbeit weniger wird, bräuchte der Staat jedoch andere Finanzierungswege – auch um den Faktor Arbeit zu entlasten und ihn damit wieder attraktiver zu machen.

Precht schlägt stattdessen die Besteuerung von Finanztransaktionen vor. „Selbst geringe Steuersätze von 0,3 Prozent bringen in diesem Bereich enorm viel Geld“, rechnete Precht vor und legte dar, dass sich Erbschafts- und Vermögenssteuern wesentlich weniger wirksam seien. Einen weiteren Vorteil sieht der Philosoph darin, dass durch den Wegfall der Besteuerung von Arbeit die Neiddebatte in Bezug auf ein bedingungsloses Grundeinkommen wegfallen würde. „Wenn meine Arbeit nicht das Einkommen von jemand anderes finanziert, der vielleicht nichts macht, dann gibt es keinen Grund, dagegen zu sein.“ Er prognostiziert, dass das Grundeinkommen durch die technologisch-wirtschaftliche Entwicklung bald notwendig sein werde. In einer geringeren Besteuerung von Arbeit sieht Precht auch Arbeitsanreize, denn: „Wir werden eine Gesellschaft, deren Mittelpunkt nicht mehr die Arbeit, sondern der Sinn ist.“

Zahlreiche Gäste 

Die zahlreich erschienenen Gäste des Abends zeigten sich von der positiven Botschaft des Gesprächs der zwei Zukunftsdenker Precht und Hengstschläger auf jeden Fall begeistert. Die Veranstaltung wurde unterstützt von der HYPO OÖ, am Abend vertreten durch Generaldirektor Mag. Klaus Kumpfmüller und Vorstandsdirektor Thomas Wolfsgruber. Ebenfalsl zu Gast: Rektor Franz Keplinger (Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz), Präsident Walter Aichinger (Rotes Kreuzes OÖ), Generalmajor Franz Gegenleitner (LPDOÖ), Bischofsvikar Johann Hintermaier, Johannes Hödlmayer (Hödlmayer International), Klaus Hraby (efko), Direktor Franz Kehrer (Caritas Linz), Robert Machtlinger (FACC), Oliver Rendel (die elisabethinen linz-wien), Alexander Susanek (BMW Steyr), Gertrude Schatzdorfer-Wölfel (Schatzdorfer Gerätebau), Landesamtsdirektor Erich Watzl, Präsidentin Bettina Rausch (Politische Akademie) und Peter Mitterbauer (Vorstandsvorsitzender Miba).

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