Kalliauer: "Wir fordern ein kräftiges Reallohn-Wachstum und kluge Formen der Arbeitszeitverkürzung"
OÖ. Das starke Wachstum im zweiten Quartal 2021 hat den wirtschaftlichen Aufschwung eingeläutet. Die Industrie hat bereits das Niveau von vor Ausbruch der Pandemie überschritten und ist international auf der Überholspur. „Der spürbare Wirtschaftsaufschwung muss für kräftige reale Steigerungen von Löhnen und Gehältern sowie für moderne Formen der Arbeitszeitverkürzung genutzt werden“, fordert AK-Präsident Johann Kalliauer.

Im zweiten Quartal 2021 wurden laut AK weltweit 471,7 Milliarden US-Dollar (über 390 Milliarden Euro) an Dividenden ausgezahlt, ein Plus zum Vorjahr um 11,2 Prozent. In Europa hätten sich die Aktionäre eine Quartalsdividende von umgerechnet 108 Milliarden Euro genehmigt, ein Fünftel mehr als 2020.
Auch in Österreich würden die Gewinnausschüttungen unverhältnismäßig steigen. Obwohl der Gewinn der 17 von der AK Wien untersuchten Börse-Unternehmen um 39 Prozent eingebrochen ist und trotz der Inanspruchnahme öffentlicher Gelder (Kurzarbeit), belaufen sich die geplanten Ausschüttungen für 2021 auf 3,2 Milliarden Euro, doppelt so viel wie 2020.
Mehr als ein Drittel der Familien hat finanzielle Schwierigkeiten
Der Wirtschaftsaufschwung sei da, dies sei eine gute Basis für einen kräftigen Anstieg der realen Löhne und Gehälter, denn laut Eurofund hatte im Frühjahr 2020 etwas mehr als ein Viertel (28,2 Prozent) der in Österreich lebenden Familien finanzielle Schwierigkeiten. Ein Jahr später war es bereits über ein Drittel (37,5 Prozent). Besonders betroffen sind Frauen. Im Frühjahr 2021 hatten mehr als 40 Prozent der Frauen Schwierigkeiten, mit ihrem Einkommen das Auslangen zu finden (Männer: 33,8 Prozent).
Nur 0,4 Prozent Kaufkraft-Zuwachs in zehn Jahren
Generell hat sich im letzten Jahrzehnt die Einkommenslage der Arbeitnehmer in Österreich kaum gebessert. Das mittlere (Median-)Einkommen war 2019 preisbereinigt und netto nur um 0,4 Prozent höher als 2009. Der Hauptgrund: Immer mehr Beschäftigte arbeiten in schlecht bezahlten Jobs und/oder Teilzeit. Das Einkommen des am wenigsten verdienenden Viertels war 2019 real und netto sogar um 0,6 Prozent niedriger als jenes der Vergleichsgruppe 2009.
Im ersten Halbjahr 2021 erhielten nur rund sechs Prozent der etwa 611.000 oberösterreichischen Arbeitnehmer ein Monats-Brutto-Einkommen über der Höchstbeitragsgrundlage von 5.550 Euro. Das mittlere (Median-)Einkommen betrug knapp 2.600 Euro. Männer verdienten rund 3.030 Euro, Frauen mit 1.950 Euro um etwa 36 Prozent weniger.
Reales Minus bei männlichen Angestellten
Auf alle Arbeitnehmer bezogen lag das mittlere Einkommen in Oberösterreich im ersten Halbjahr 2021 preisbereinigt um rund zwei Prozent höher als im ersten Halbjahr 2019, also vor der Krise. Jenes der männlichen Angestellten ist in diesem Zeitraum aber real gesunken. Realeinkommensverluste gab es auch für Arbeiter einzelner Bezirke. Besonders hoch war das Minus bei männlichen Angestellten und Arbeitern im Bezirk Steyr, dessen große Unternehmen mit vielen Beschäftigten von Krise und Kurzarbeit besonders betroffen waren.
Die Brancheneinkommen haben sich sehr unterschiedlich entwickelt. Auch wenn durch stabilisierende Maßnahmen (Kurzarbeit) Entgeltverluste begrenzt werden konnten, ist das Medianeinkommen in einzelnen Branchen, etwa im Sektor Finanzdienstleistungen (- 4,3 Prozent) und im Kraftwagenbau (-3,4 Prozent), beträchtlich zurückgegangen.
Trendwende ist da: gute Basis für gerechte Verteilung
Von der Bundesregierung verlangt der AK-Präsident eine Steuerstrukturreform, mit der die kalte Progression vollständigen ausgeglichen, die Steuern auf kleine und mittlere Einkommen gesenkt und jene auf Millionen-Vermögen erhöht werden. Mit deutlichen Worten warnt Kalliauer vor weiteren Steuergeschenken für Großkonzerne: „Die Folgen einer Senkung der Körperschaftsteuer wären Sparpakete und Sozialkürzungen. Stattdessen brauchen wir eine Stärkung des Sozialstaats, finanziert durch einen höheren Steuerbeitrag von Konzernen und Superreichen.“
Vom Land Oberösterreich fordert Kalliauer zusätzliche öffentliche Investitionen in Pflege und Gesundheit, Klimaschutz, Verkehrsinfrastruktur, Wohnen und in die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Das seien die dringendsten Anliegen, die Oberösterreichs Arbeitnehmer vor kurzem in einer repräsentativen Befragung genannt haben, so der AK-Präsident.


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