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Stadt der Zukunft: Auf Barrierefreiheit wird oft vergessen

Anna Fessler, 04.07.2023 13:26

LINZ. Weil mit der Linzer Baumoffensive auch Parkplätze wegfielen, entbrannte in der Stadtpolitik eine Debatte darüber. Ein NEOS-Antrag brachte im Linzer Gemeinderat auch die Frage um Behindertenparkplätze ins Spiel. Tips hat die beiden Interessensvertretungen für Menschen mit Beeinträchtigung Fokus Mensch und die Lebenshilfe OÖ um ihre Sicht der Dinge gebeten.

Die Barrierefreiheit muss bei Planungen von Beginn an mitgedacht werden, fordert Fokus Mensch, die Interessensvertretung für Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen. (Foto: pixel-shot.com/Leonid Yastremskiy/stock.adobe.com)

Die Linzer Domgasse wurde grüner und verkehrsberuhigt, die schlussendliche Gestaltung steht noch nicht fest und wird in einem partizipativen Prozess erarbeitet. Georg Redlhammer, Fraktionsvorsitzender der NEOS Linz begrüßt das Projekt zwar grundsätzlich, kritisiert aber, dass nur ein Behindertenparkplatz vor dem Postamt zur Verfügung steht. Würde man die Parkerlaubnis für Bewohner auf Autofahrer mit Behindertenausweis ausweiten, wären sechs weitere Parkplätze für Menschen mit Beeinträchtigung verfügbar, so sein Vorschlag. Ein entsprechender Gemeinderatsantrag wurde mehrheitlich angenommen und soll zeitnah umgesetzt werden.

Barrierefrei und zukunftsfit

Zudem erarbeitet die Stadt Linz derzeit bekanntermaßen gemeinsam mit externen Experten ein neue Innenstadtstrategie für Linz. Ein Schwerpunkt soll dabei auf Verkehrsberuhigung und Begrünung liegen. Dass der Autoverkehr großteils aus der Innenstadt verbannt werden soll, ließ dabei aufhorchen. Tips hat bei Fokus Mensch, der größten Interessensvertretung für Menschen mit Beeinträchtigung in Oberösterreich nachgefragt, welche Aspekte für eine barrierefreie und gleichzeitig zukunftsfitte Stadt berücksichtigt werden sollten. Auch von der Lebenshilfe Oberösterreich wollte Tips das wissen, und ob eine autofreie Stadt gleichzeitig barrierefrei sein kann.

Fokus Mensch: „Betroffene und Vertretungen von Beginn an einbeziehen“

Das Thema sei sehr umfangreich und könne daher nicht mit einem Statement beantwortet werden, meint Michael Leitner, Geschäftsführer von Fokus Mensch. Aber: Autofrei und Barrierefrei müsse sich nicht zwangsläufig ausschließen, wichtig sei vor allem, dass Betroffene oder deren Vertretung von Anfang ein mit einbezogen werden.

Einem Wegfall von Behindertenparkplätzen könne man natürlich nicht zustimmen, so Leitner. Auch die Lösung, Bewohner-Parkplätze als Ersatz dafür für Autofahrer mit Behindertenausweis nutzbar zu machen, sei nur dann sinnvoll, wenn die Parkplätze auch die entsprechende Ausgestaltung – sprich Breite – hätten. Die „Wiener Regelung“ zum Anwohnerparken sei aber durchaus interessant: in Wien gibt es in einigen Bezirken Parkplätze, die für Anwohner reserviert sind – diese kann man mit Behindertenausweis ohne Zusatzkosten zeitlich unbegrenzt nutzen.

Lebenshilfe OÖ: „Autofrei und barrierefrei sind zwei völlig unterschiedliche Themen“

Die Lebenshilfe Oberösterreich meint: „Autofrei und barrierefrei sind zwei völlig unterschiedliche Themen – autofrei kann, muss aber nicht barrierefrei sein. Bei der Barrierefreiheit gilt in der Innenstadt unter anderem die Gestaltung der Gehsteige (Stufen, Breiten) und das Betreten und Verlassen bei Geschäften zu beachten. Weiters ist auch wichtig, dass öffentliche Verkehrsmittel von Menschen mit Beeinträchtigung selbstständig benützbar sind.“ In Linz sind alle Fahrzeuge der Linz AG in Niederflur, also mit barrierefreiem Einstieg – mit Ausnahme der historischen Wagen der Pöstlingbergbahn. Seit 2013 ist ein Großteil der Fahrzeuge mit einer Außenansage für blinde und sehbehinderte Fahrgäste ausgerüstet.

Auf Parkplätze angewiesen

Fokus Mensch begrüße Initiativen, die mehr Grün in die Städte bringen. „Gerade Hitzetage oder Hitzewellen können für Menschen mit Behinderungen eine enorme gesundheitliche Belastung darstellen. Dennoch darf dabei nicht auch die Notwendigkeit von öffentlichen Verkehrsflächen und Parkplätzen vergessen werden. Viele Menschen mit Behinderung sind auf Innenstadt-Parkplätze angewiesen, um zum Arzt zu kommen, einkaufen zu gehen etc.“, sagt Leitner, und weiter:

„Auf Blinde und Sehbehinderte wird bei Neuplanungen oft vergessen“

„Wir von Fokus Mensch verstehen die Barrierefreiheit umfassend, und Maßnahmen, die möglicherweise einer Gruppe von Menschen mit Behinderung das Leben erleichtern, könnten für andere wiederum eher eine Erschwernis darstellen.“ Es gebe zur Barrierefreiheit im öffentlichen Raum mehrere wichtige Regelwerke, die aber oft nicht herangezogen würden, oder auch nicht bekannt seien.

So erlebe man immer wieder, dass bei Neuplanungen zwar Gehsteigkanten abgesenkt würden, man aber auf blinde und sehbehinderte Menschen vergesse. „Manchmal werden Maßnahmen nicht umgesetzt oder nicht richtig geplant, daher ist es unbedingt notwendig, Menschen mit Behinderung von Anfang an in die Planungen und Gespräche mit einzubeziehen.“, sagt Leitner. Auch darauf werde oft vergessen.

Barrierefrei im Nachhinein: schwierig, manchmal unmöglich

Schwierig kann es werden, wenn im Nachhinein etwas barrierefrei gestaltet werden soll. So stellte die NEOS im Gemeinderat einen Antrag mit dem Ziel, die Altstadt auch für Rollstuhlfahrer zugänglich zu machen. Die Fachleute des Magistrats konnten aber keine machbare Lösung finden. Allerdings wird nun bei neuen Bepflasterungen die Barrierefreiheit mitgedacht. „Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Wir müssen in allen Bereichen auf das Leben und die Lebensbedingungen der beeinträchtigten Menschen in der Stadt achten. Wir haben die Verantwortung, barrierefrei zu denken und zu handeln.“, meinte dazu Georg Redlhammer.

Ein gemeinsamer Antrag der Gemeinderatsfraktionen von LinzPlus, NEOS, KPÖ, Grünen und Wandel zur Gestaltung eines barrierefreien Zuganges von der Unterführung Hinsenkampplatz zum Neuen Rathaus wird derzeit im Ausschuss für Planungen und Liegenschaften behandelt.


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