Warum der „Business as usual“- Modus 2026 nicht mehr funktioniert
LINZ. Während psychische Belastungen aktuell in unserer Gesellschaft stetig zunehmen, zählen in Unternehmen traditionell immer noch Zahlen, Daten und Fakten.

Die aktuelle Polykrise lässt den Ruf nach mehr Kontrolle und Hierarchie wieder lauter werden, vermeintlich, um dadurch Sicherheit zu gewinnen. Doch das ist ein Trugschluss, der am Ende zu Frustration, innerer Kündigung und noch mehr Belastung der Beschäftigten führt. „Für Arbeitgeber ist es daher essenziell, das Thema mentale Gesundheit aktiv auf die Agenda zu setzen“, sagt Katrin Andraschko, Systemischer Coach, Psychosoziale Beraterin und HR-Expertin.
Überlastet im Überlebensmodus
„Wir leben in der sogenannten BANI-Welt, die als brüchig (brittle), ängstlich (anxious), nicht-linear (non-linear) und unverständlich (incomprehensible) gilt. Diese veränderten Rahmenbedingungen erfordern eine innere Veränderung, bei uns selbst, vor allem aber auch in Unternehmen: Es braucht wieder mehr Fokus auf den Menschen und auf Führungsmodelle, die in diesen Zeiten Halt geben. Wenn das Nervensystem von Mitarbeitern durch permanenten Druck, Veränderungen, Unsicherheit, Personalmangel und Mental Load chronisch überlastet ist, schalten Menschen in den Überlebensmodus. Die Folgen sind drastisch: Durch Multitasking sinkt die Produktivität um bis zu 40 Prozent, die Empathiefähigkeit geht verloren, Krankenstände sowie Präsentismus steigen und das Konfliktpotenzial in den Teams wächst massiv“, weiß Andraschko.
Viele Betriebe haben bereits Gesundheitsangebote im Programm. Doch diese Maßnahmen greifen oft zu kurz, weil sie oberflächlich Symptome behandeln, statt an der Wurzel etwas zu verändern. „Wir können Kündigungswellen und deren Auswirkungen auf die Belegschaft, einen unrealistischen Workload, fehlenden Sinn oder dysfunktionale Strukturen nicht durch mehr Resilienz ausgleichen. Wenn sich an der grundlegenden Haltung, am Umgang miteinander und an den Prozessen nichts verändert, verpuffen punktuelle Aktionen wirkungslos. Eine Fehlentwicklung, die vor allem von der Generation Z kritisch angemerkt wird. Die zentrale Frage sollte sein: 'Was braucht es, damit wir als Gesamtorganisation gesund bleiben?'“, so Andraschko.
Menschen sehnen sich nach Sinn
Mentale Gesundheit ist dabei kein „Do-it-yourself-Projekt“ der Belegschaft, sondern vor allem gelebte Unternehmenskultur und Führungsaufgabe. Was es braucht, ist eine stärkende Kultur, die das psychische Wohlbefinden der Mitarbeiter in den Fokus rückt, sowie Skills rund um emotionale Intelligenz auf allen Ebenen.
Wichtige Kernelemente sind zudem das Stärken von Sinn- und Beziehungssystemen sowie der Aufbau eines unterstützenden Arbeitsumfeldes. Menschen sehnen sich nach Sinn, nach echter Einbindung, nach dem Gefühl, gesehen und gehört zu werden und danach, dass ihr Beitrag zählt.
Stärke zeigt Führung heute nicht mehr durch Macht, sondern durch Menschlichkeit, Verbundenheit, echtes Interesse und der Übernahme von Verantwortung. Da Emotionen in vielen Unternehmen aber oft noch als unprofessionell oder gar als Schwäche gelten, fällt der adäquate Umgang damit schwer. Doch Emotionen gehören einfach dazu, sie können nicht vor der Bürotüre stehengelassen werden und wer wirtschaftlichen Erfolg sichern will, darf diesen Aspekt nicht ignorieren. Mentale Gesundheit ist kein netter „Benefit“, sondern das fundamentale Betriebssystem für eine gelingende Zusammenarbeit, Leistungsfähigkeit und nachhaltigen Erfolg.
Dass sich Investitionen in mentale Gesundheit lohnen, ist keine Mutmaßung, sondern lässt sich in harten Kennzahlen ausdrücken:
- Für 73 Prozent der Generation Z ist psychische Gesundheit das Kriterium Nummer eins bei der Arbeitgeberwahl und oft wichtiger als das Gehalt. Wer hier spart, verliert Talente an die Konkurrenz
- Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) bringt jeder investierte Euro in Gesundheits-Prävention bis zu fünf Euro durch gesenkte Fehlzeiten und gesteigerte Produktivität zurück.
- Ein psychisch bedingter Ausfall dauert im Schnitt rund 30 Tage. Bei durchschnittlich 450 Euro Kosten pro Tag (Gehaltsfortzahlung und Wertschöpfungsverlust) kostet ein einziger Krankheitsfall schnell über 13.000 Euro.
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass es an der Zeit ist, dass Unternehmen den Wandel aktiv gestalten. Die Stellschrauben, an denen man drehen kann, sind vielfältig. Moderne Betriebe setzen beispielsweise auf anonyme Coachingangebote, die Mitarbeitern einen sofortigen Zugang zu Beratung ermöglichen.
Auch die Ausbildung von „Mental Health First Aidern“ (Ersthelfern für psychische Gesundheit) direkt in den Teams, schafft psychologische Sicherheit, Verbundenheit und dient als Frühwarnsystem für psychische Belastungen. Das Trainieren von emotionaler Intelligenz als Zukunftskompetenz und für eine nachhaltig gesunde Unternehmenskultur ist ein weiterer Baustein.
Vorbildwirkung der Führungskräfte
Der wichtigste Hebel ist und bleibt jedoch die Vorbildwirkung der Führungskräfte: Wenn Führungskräfte Erschöpfung tabuisieren und im Urlaub E-Mails schreiben oder Leistung nur nach Anwesenheitszeit honoriert wird, scheitert jede Präventionsmaßnahme. Eine gesunde, empathische Kultur ist kein Kuschelkurs, Leistung und klare Entscheidungen gehören zum Business dazu. Der Unterschied liegt im 'Wie' und Menschen, die sich als Mensch gesehen und sicher fühlen, bringen nachweislich die beste Performance.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden