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Bevölkerungsrückgang: Gemeinsam „anpacken“ für eine lebendige Region

Katharina Vogl, 06.03.2019 11:45

BEZIRK ZWETTL. 247 Einwohner hat der Bezirk Zwettl im letzten Jahr verloren, die Abwärtsspirale setzt sich weiter fort. Alleine im südlichen Waldviertel stehen 300 Häuser leer. Das Waldviertler Kernland lud nun zur Zukunftswerkstatt nach Martinsberg. Im Mittelpunkt standen die zentralen Fragen: Wie können wir Leute motivieren hier herzuziehen, wie können wir Wegzug verhindern und Leerstände verringern?

Kernland-GF Doris Maurer hieß die 80 Teilnehmer der Zukunftswerkstatt willkommen.
  1 / 12   Kernland-GF Doris Maurer hieß die 80 Teilnehmer der Zukunftswerkstatt willkommen.

Mut zur verrückten Idee - auch das war bei der Zukunftswerkstatt, die im Rahmen des dreijährigen Kernland-Projekts „Leerstandsreduktion durch Inklusion von Zuzüglern“ stattfand - gefragt. Begleitet wird das Vorhaben von der Fachhochschule St. Pölten. Vertreter der 14 Kernland-Gemeinden waren an diesem Abend gekommen, um Ideen für konkrete Maßnahmen zu erarbeiten, die wieder mehr Leben in die Region bringen sollen.

Mit kreativen Ideen gegen den Leerstand

So stieß etwa der Vorschlag einer Partner- und Heiratsbörse - angesichts der zahlreichen Singles in der Region - auf reges Interesse. Andere Ideen waren mit dem Vorzug eines kühlen Schlafplatzes im heißen Sommer bei hitzegeplagten Städtern zu punkten. Gesunde empfangsfreie Oasen, „Gallierdörfer“ auf Selbstversorgerbasis oder auch eine genuss- oder kunstvolle Freizeitmeile auf einer aufgelassenen Bahntrasse wären gut vorstellbar. Leerstände dezidiert für gemeinsame Läden mit regionalen Produkten, für „GreenCare-Höfe“, für Jugendeinrichtungen oder Senioren-WGs zu nutzen, fand ebenso Anklang.

„Es geht schließlich um das Wichtigste was wir haben, um unseren Lebensraum, um unsere Gesellschaft zu erhalten“, betont Kernland-Geschäftsführerin Doris Maurer. Denn aktuelle Erhebungen im Kernland ließen aufhorchen: demnach stehen derzeit über 300 Häuser in der Kleinregion leer, in etwa 250 weiteren leben Einheimische, die schon über 80 Jahre alt sind. Auch das ist kein unbekanntes Phänomen - die Überalterung.

Der Bezirk Zwettl ergraut

Nach aktuellen Zahlen der Statistik Austria leben - gemessen an der Gesamtbevölkerung der Gemeinde - in der Gemeinde Allentsteig bezirksweit die meisten älteren Menschen (65+) mit 31,7 Prozent, zugleich verzeichnet Allentsteig mit 15,3 Prozent die wenigsten jungen Einwohner (0-19 Jahre). Auch in Gutenbrunn und Ottenschlag ist die Gruppe der über 65-Jährigen mit 27,4 und 27,3 Prozent verhältnismäßig groß.

Prognosen (Quelle: ÖROK) zeigen, dass sich dieses Bild in den nächsten Jahrzehnten noch verschärfen wird: Während der Anteil der über 85-Jährigen im Bezirk 2018 3,2 Prozent betrug, steigt dieser laut jetzigen Berechnungen bis 2060 auf 8,9 Prozent an, ebenso im Steigen begriffen ist die Altersgruppe der über 65-Jährigen, während die Schicht der Erwerbstätigen kontinuierlich abnimmt.

Weniger und weniger

62.503 Einwohner verzeichnete man 1910 noch im Bezirk, seitdem aber geht die Kurve stetig nach unten. 1991 zählte man 46.247 Bewohner, 28 Jahre später, 2019, ist die Rede von 42.224, demnach verlor man innerhalb dieser Zeitspanne 4023 Einwohner. Obwohl sich schon einige Gemeinden über eine positive Wanderbilanz freuen, fällt diese 2017 bezirksweit wieder negativ aus (Jahr 2017: 911 Zuzüge/1086 Wegzüge).

Mehr Sterbefälle als Geburten (491:379 im Jahr 2017) setzen den Abwärtstrend weiter fort (Quelle: Statistik Austria). Nahezu alle Regionen sind im langfristigen Vergleich (seit 1991) vom Bevölkerungsschwund im Bezirk betroffen - allen voran Allentsteig, gefolgt von Schönbach.

Wenige Ausnahmegemeinden

Eine der Ausnahmegemeinden, die auch aus langfristiger Perspektive ihre Einwohner halten konnte, ist Echsenbach. Für Bürgermeister Josef Baireder (VP) begründet sich das durch ein Zusammenspiel aus mehreren Komponenten: So habe man vor einigen Jahren ein großes, offensives Baulandangebot geschaffen, das „überraschend“ gut ankam. Zudem freut man sich über den großen Arbeitgeber Hartl Haus in der Gemeinde sowie über die Tatsache einer günstigen Lage, denn Echsenbach werde als Kreuzungspunkt zwischen den Bezirksstädten gesehen. Die nahe Anbindung an die Franz-Josefs-Bahn und die damit einhergehende gute öffentliche Anbindung mittels Bus, auch zu weiterführenden Schulen in Krems oder Zwettl, spiele eine wesentliche Rolle. Neben der Erweiterung der Nachmittagsbetreuung in Kindergarten und Volksschule ist man in der Gemeinde bemüht, einen Wohlfühlcharakter zu erhalten.

„Integration von Zuzüglern“

„Das Wichtigste ist meiner Meinung nach aber die baldmöglichste Integration von Zuzüglern, man muss auf die Leute zugehen und sie einbinden“, ist Echsenbachs Bürgermeister überzeugt. Und dies geschieht etwa im Zuge der jährlichen Gemeinderechnung in allen Katastralgemeinden, wo der Brauch des „Auliabm“ gepflegt wird: dort werden Zuzügler bei der Bevölkerung in lockerer Runde vorgestellt. „Wir schreiben sie auch gezielt an, laden sie zu Veranstaltungen ein und haben in verschiedenen Ortsteilen eigene Ansprechpartner, die ihnen zur Verfügung stehen“, erzählt Baireder.

„Bin zuHaus im Waldviertel“

Einer der die Vorzüge des Waldviertels sehr zu schätzen weiß, ist der „Zuagroaste“ Peter Keller. „Ich war schon an vielen Plätzen wohnhaft, etwa in der Schweiz, Kanada, in Wien oder dem Weinviertel, aber so wirklich angekommen, also zuhause, das bin ich nur jetzt im Waldviertel. Wir haben sehr viel vom Waldviertel bekommen, dafür sind wir jeden Tag dankbar und möchten daher auch etwas zurückgeben“, freut sich Peter Keller. Überzeugt von den vielen Vorzügen die die Region bietet, startete er 2016 die Initiative „zuHaus im Waldviertel“ (www.zuhaus-im-waldviertel.at) und richtete eine Plattform ein, die ganzheitlich Gusto auf zeitgemäße Lebensräume in der Region macht.

Großen Wert legt er im Wirken auf parteipolitische Unabhängigkeit. Etliche Gemeinden sowie regionale Unternehmen sind bis dato als Partner mit an Bord, gemeinsam mit ihnen wird auf vielen Ebenen versucht, Menschen anzusiedeln, Zuzügler „an die Hand zu nehmen“ und Leerstände zu minimieren. Mit umfangreichen Tätigkeiten konnten in den letzten zwei Jahren 75 Hauptwohnsitzer hinzugewonnen werden.

Auch Kathrin Deibler ist eine, die sich ganz bewusst für das Waldviertel entschieden hat. Aufgewachsen in Krems, verbrachte sie über 20 Jahre in Wels, um dann im Sommer 2018 mit ihrer Familie nach Harruck (Gemeinde Groß Gerungs) zu ziehen. Die Gegend kannte sie bereits, verbrachte sie doch die ein oder anderen Ferien bei ihrer Gerungser Oma. „Der Gedanke aus der Stadt wegzuziehen, kam immer wieder auf – weniger Stress, mehr Lebensqualität“, so Kathrin Deibler. Gesagt, getan, der Job als Lehrerin wurde gekündigt und ein Geschäft in Groß Gerungs rund um Stoffe und Nähzubehör eröffnet. Deibler schätzt insbesondere das Überschaubare, das langsamere Tempo gegenüber der Stadt und die gegebene Hilfsbereitschaft, vor allem bei den direkten Nachbarn.

Chancen für die Region

All das sind auch Ergebnisse, die das erwähnte Kernland-Projekt bereits im Vorfeld im Zuge von Befragungen und Recherchen hervorbrachte. Michaela Moser, Professorin der FH St. Pölten, fasst zusammen: Die Region verfüge über einen „großen Schatz an Ressourcen“, das sind zum einen die vielen Begegnungsmöglichkeiten, die etwa durch Vereine geschaffen werden, der Zusammenhalt und leistbare Immobilien. Zum anderen ist es die einzigartige Natur und Landschaft, die unsere Region auszeichnet.

Die Chancen um Zugzug zu erhöhen und Leerstand zu minimieren, liegen nach Meinung der Befragten in einer guten Infrastruktur, in einer guten, transparenten Kommunikation untereinander oder in der Verbesserung der Mobilität und der öffentlichen Verkehrsangebote. Digitalisierung, Innovationen und neue Ansätze, Mut für Noch-Nie-Dagewesenes sind diesbezüglich weitere wichtige Stichwörter.

Realisierung der ersten Ideen in Kürze

Nicht zuletzt deswegen sollen die hervorgebrachten Ideen der Zukunftswerkstatt bereits in Kürze realisiert werden. Im Rahmen einer Steuerungsgruppe werden nun die besten Vorschläge auf ihre Umsetzbarkeit hin analysiert und weiterverfolgt. Dazu zählen etwa die „Senioren-WG“, die Attraktivierung der aufgelassenen Bahntrasse, die Partnerbörse oder das „Wohnen bei Omi“. Erste Maßnahmen sollen bereits in den nächsten zwei Monaten erfolgen, informiert Doris Maurer.

Denn sie ist überzeugt: „Wir dürfen nicht warten, bis wer kommt und uns rettet, sondern wir müssen selbst aktiv werden und anpacken!“


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