Wenn jede Spur fehlt und nur ein Häufchen Erde bleibt
MÜNZKIRCHEN/RUSSLAND. Mit einer Reise in die Vergangenheit und in die 4000 Kilometer entfernte Stadt Ascha im Südural wandelte die Schärdingerin Monika Ledel auf den Spuren ihres Großvaters. Josef Mayr aus Münzkirchen, der seine Familie im Dezember 1939 zum letzten Mal in die Arme schließen konnte, galt lange Zeit als vermisst. Seine Enkelin machte sich nun auf den Weg in jenen Ort, wo ihr Großvater wohl die seine letzten Lebensmonate verbracht hatte - in einem russischen Kriegsgefangenenlager.

Es war im Dezember 1939 als Josef Mayr aus Münzkirchen seine Familie zum letzten Mal sah. Damals kam sein fünftes Kind zur Welt. Danach hieß es für den 26-jährigen zurück in den Krieg, an die Front. Seitdem verliert sich die Spur des jungen Mannes. Kein Brief, kein Lebenszeichen. Irgendwann wurde Josef Mayr für tod erklärt. Seine Frau Kathi und ihre Kinder blieben zurück, im Ungewissen. War er wirklich tod? Und wenn ja, wie und wo war er gestorben? Erste Informationen erfuhr die Familie erst im Jahr 1993, 54 Jahre später, als ein Brief aus Russland eintrudelte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden nun Informationen zu den Kriegsgefangenen weitergegeben. Der Brief brachte ein Stück weit Gewissheit über das Schicksal von Josef Mayr.
In Gefangenschaft
Monika Ledel und ihr Mann Peter nahmen gemeinsam mit Vera Solovets, einer weißrussischen Lehrerin, als Dolmetscherin, eine 56-stündige Zugfahrt auf sich um ins 4000 Kilometer entfernte Ascha zu reisen. Die cirka 32.000 Einwohner-Stadt war im zweiten Weltkrieg Standort eines Kriegsgefangenenlagers. Mit Rima Golpashchikova einer Pädagogin aus Ascha und Schulkindern wurde die Geschichte von damals aufgearbeitet. Die Kinder kümmern sich darüber hinaus um vier Gräber von Kriegsgefangenen, es seien aber tausende, die damals in Ascha zu Tode kamen. Die vier Grabsteine die von Angehörigen errichtet wurden, sind „Gedenksteine“ für die Opfer. Sie sind alle in diesem Massengrab begraben“. Heute erinnert daran nu mehr ein riesiges Stück Wald, ein Kilometer lang und 100 Meter breit, mit dem das Massengrab bedeckt ist. „So will man verhindern, dass auf diesem Grundstück Straßen oder Häuser gebaut werden“, erzählt Ledel.
Eine Schüssel Erde
In Ascha erfuhr die Schärdingerin wo die Baracken standen in denen ihr Großvater vermutlich gehaust hatte, wo sich das Lazareth befand, in dem Josef Mayr vermutlich gestorben ist. Laut Informationenen aus Russland erkrankte Mayr an Ruhr und verstarb am 23. Mai 1942 im Alter von 29 Jahren. Gefangen genommen wurde er am 22. Juni 1941 in der Ukraine, am ersten Tag an dem Russland in den Krieg eintrat. Die Kinder, die die Gräber dort pflegen schenkten Monika Ledel eine Schüssel Erde von diesem schicksalshaften Ort. „Wir werden diese Erde auf das Grab unserer Mutter legen“, sagt Ledel. Das ist die einzige, symbolische Verbindung zu ihrem Großvater.
Alles für die Familie
Als hätte Josef Mayr geahnt, dass er irgendwann nicht mehr für seine Familie sorgen werde können, tat er alles dafür, dass seine Familie auch ohne ihn zurecht kommen könne. Er baute mit Hilfe seiner Brüder ein Haus, pflanzte zahlreiche Obstbäume, damit sich seine Frau Kathi und ihre Kinder selbst versorgen konnten. „Ich hätte meinen Großvater so gerne kennen gelernt, er war Musiker, Jäger, war bei der Theatergruppe aktiv und hatte als einer der ersten in Münzkirchen ein eigenes Radio. Es wäre so spannend gewesen diesen Menschen persönlich zu treffen“, meint Ledel. Mit dem Besuch in Ascha konnte die Schärdingerin einen Teil der Fragen ihrer Familiengeschichte beantworten. Ein Stück Ungewissheit bleibt dennoch, denn die Leiche von Josef Mayr wurde nie gefunden.


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