Falschmeldungen können eine Gesellschaft spalten

Leserartikel Wurzer Katharina, 20.02.2021 15:30 Uhr

LINZ/GRAZ. Falschmeldungen (Fake News) sind seit März 2020 sichtbarer. So kursieren in sozialen Medien etwa Fake News zu angeblichen Schutz- und Heilmitteln oder Verschwörungsmythen rund um die Entstehung des Coronavirus. Welche Auswirkungen das hat und wie dieser Entwicklung entgegengetreten werden kann, hat Tips bei Silja Kempinger und Danja Aouf nachgefragt. Beide bieten Trainings zu Medienkompetenz an.

Je länger die Corona-Pandemie dauert und damit Unsicherheit und Frust steigen, desto anfälliger sind Menschen für Falschmeldungen, sagt Danja Aouf. Die Sozialanthropologin ist Trainerin für Politische Bildung und Menschenrechte bei SOS Menschenrechte in Linz sowie der Volkshilfe Flüchtlings- und Migrantinnenbetreuung. Dort werden unter anderem Workshops und Webinare zu Medienkompetenz, Falschnachrichten, Hasspostings, aber auch Argumentationstrainings für alle Zielgruppen angeboten. „Meinen Beobachtungen nach sind sowohl die Zahl und Obskurität an Falschmeldungen als auch deren Verbreitung und Anhängerschaft mehr geworden. Gleichzeitig bemühen sich immer mehr Instanzen um transparente Information und Kommunikation sowie um die Richtigstellung von Falschmeldungen“, schildert Aouf. Derzeit würden in sozialen Medien etwa Beiträge zur Verharmlosung der Pandemie, aber auch etliche Falschmeldungen zu angeblichen Schutz- und Heilmitteln wie Bleichmittel oder Urin kursieren. Auch Warnungen vor vermeintlichen gefährlichen Maßnahmen wie der Maskenpflicht oder Impfstoffen seien darunter. Ein weiterer Aspekt sind Verschwörungsmythen rund um die Entstehung, Verbreitung oder einen angeblichen Zweck des Virus.

Verbreitung vor allem durch Privatpersonen

Falschmeldungen werden vor allem von Privatpersonen verbreitet, sagt Silja Kempinger. Sie kommt selbst aus der Medienbranche und hält Workshops sowie Vorträge zu Medienkompetenz bei „Laut ist kein Argument“. Wenn jemand Falschmeldungen verbreite, so sei er oft verunsichert, wolle zum Teil eigene Vorurteile bestätigt haben und gehe ohne ergebnisoffene Recherche an die Sache heran. Bei professionellen Seiten werde laut Kempinger selten völliger Unsinn verbreitet. Hier handle es sich eher um Manipulation durch bewusste Weglassungen und Übertreibungen. Das Geschäft mit der Angst würden sich populistische Parteien gerne zunutze machen.

Worin die Gefahr von Falschmeldungen liegt? Falschmeldungen könnten eine Gesellschaft spalten und ihre Grundfeste erschüttern, meint Kempinger. Habe eine Gesellschaft keine gemeinsame Faktenbasis mehr, erhöhe das die Gefahr für Ausschreitungen. Ähnlich sieht das auch Aouf, die von einem gesellschaftlichen Problem spricht, weshalb hier nicht nur Schulen und Medien gefordert seien, zu reagieren: „Falschnachrichten werden gerade im Familien-, Bekannten- und Freundeskreis, online oder im öffentlichen Raum geteilt, so sollte auch dort widersprochen werden“.

Wie Falschmeldungen entgegengetreten werden kann

Wie man das am besten macht? Wichtig sei es, das Richtige zu betonen und entsprechende Deutungsrahmen anzubieten anstatt die Falschnachrichten zu wiederholen und dabei widerlegen zu versuchen, empfiehlt Aouf. Je öfter wir Inhalte in Zusammenhang mit einem Thema hören würden, desto eher verknüpfen wir sie in unserem Kopf miteinander. Um auf falsche Informationen zu reagieren, eignen sich laut Aouf vor allem Gespräche unter vier Augen, die wertschätzend und auf Augenhöhe sein sollen. Kaum jemand lasse sich gerne öffentlich belehren oder kritisieren. Konkretes Nachfragen helfe, um Hintergründe für Überzeugungen herauszufinden und das Gegenüber zum Nachdenken zu bringen. Es könne auch sinnvoll sein, über Mechanismen und Nutzen von Falschmeldungen und Verschwörungsmythen zu sprechen beziehungsweise diese als solche zu benennen.

Tools zum Faktencheck wie Factinsect

Darüber hinaus können Fakten und seriöse Quellen gemeinsam bereitgestellt oder recherchiert werden. Auch ein direkter Check der Meldung ist möglich. Auf Seiten wie mimikama.at werden virale Gerüchte nach journalistischen Standards recherchiert und bewertet. Bilder lassen sich mit einer umgekehrten Suche auf Seiten wie tineye.com auf ihre Nutzung und ihren Zusammenhang mit der behaupteten Geschichte überprüfen, für Manipulationen ist fotoforsensi.com ein Tool.

Silja Kempinger hat erst kürzlich gemeinsam mit Romana Dorfer einen Faktencheck namens Factinsect mit Sitz in Graz ins Leben gerufen. Factinsect hilft mit einem Ampelsystem, die Informationsflut im Internet besser einzuschätzen. Eine orange Farbe kann allerdings unterschiedliche Gründe haben, etwa dass die Information neu ist oder widersprüchliche Einschätzungen vorliegen. Überhaupt müsse die Genauigkeit bei Orange noch erhöht werden, berichtet Kempinger. Derzeit können sich Interessierte für den Test der vorliegenden Version melden, die endgültige Version soll im Laufe des Jahres fertig werden. An Faktencheckern wird allerdings auch Kritik geübt. So hält die Plattform Netzpolitik etwa fest, dass Methodik und Interessen hinterfragt werden sollen.

Nicht alle lassen sich von Fakten beeindrucken

Dass sich gar nicht alle von Fakten beeindrucken lassen, befürchtet Aouf. Bei hitzigen Debatten sollten Gesprächsregeln eingefordert und Grenzen gesetzt werden. Im Zweifelsfall sei es besser, das Gespräch abzubrechen beziehungsweise zu vertagen.

Was es brauche, damit sich Falschnachrichten gar nicht erst oder weniger verbreiten? Medienkompetenz, sind sich Aouf und Kempinger einig. Das schließe sowohl das Wissen, wie Informationen im Internet entstehen als auch klassische Quellenkritik und das kritische Hinterfragen von Nachrichten ein. Darüber hinaus brauche es laut Kempinger Hilfsmittel zum Erkennen von Falschmeldungen und laut Aouf die Bereitschaft möglichst vieler Menschen, auf Falschnachrichten im persönlichen Umfeld zu reagieren. Auch rhetorische Argumentationshilfen in schwierigen Gesprächen seien hilfreich.

Ein bestimmter Bildungsgrad sei jedoch nicht notwendig, meint Kempinger: „Das Vorurteil, dass Bildungsmangel das Problem wäre, um anfällig für Falschmeldungen zu sein, stimmt nicht. Ideologie ist nicht nur durch Bildung zu beseitigen“. Sie vermutet, dass psychische Gesundheit und Wohlbefinden davor schützen können, nicht auf Hetzer hereinzufallen. Vor allem für einsame Menschen könnte Surfen im Internet den Kontakt zu realen Menschen ersetzen. „Ich kann jedem empfehlen, ab und zu das Handy wegzulegen und Zeit mit echten Menschen zu verbringen, Zeit damit zu verbringen, was wirklich wichtig ist, anstatt stundenlang zwielichtige Internetseiten zu durchsuchen“, schließt Kempinger. Werde weniger Zeit auf diesen Internetseiten verbracht, relativiere sich auch das Problem der Falschmeldungen.

Weiterführende Informationen

Zum Programm von SOS Menschenrechte

Zum Programm von Laut ist kein Argument

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Kommentare

  1. Claus Wiesinger
    Claus Wiesinger26.02.2021 12:34 Uhr

    Falschmeldungen - Was ist mit Falschmeldungen von Zeitungen und Medien? So wie etwa die Massenvernichtungswaffen des Iraks? Die Lügen der US Regierung? Was ist mit dem Drohnen Mord Programm der Amerikaner, dass wir Österreicher mit der Königswarte in Wien unterstützen? Was ist mit Falschmeldungen zu Corona? Den Lügen zu den Statistiken? Wurde der Virus Isoliert? Schämt ihr euch eigentlich überhaupt nicht?

  2. Markus
    Markus20.02.2021 20:54 Uhr

    Und wer checkt die Faktenchecker? - Die Sehnsucht nach Ampelsystemen und anderen Mechanismen, die einem die gerade jeweils "korrekte" Meinung vorkauen ist verständlich: Ein freier Marktplatz der Ideen, uneindeutige Faktenlagen und Zusammenhänge, Situationen die im Fluss sind oder schlicht zu komplex sind, wirken einschüchternd. Wie gerne lässt man sich da nicht von Autoritäten, vermeintlichen "Experten", einen Meinungskorridor vorgeben. Auf diesem schreitend bleibt man dann stets im sicheren Bereich und kann nebenbei auf Abweichler herabblicken. Was die aktuelle Pandemie angeht: Zuerst war es lange keine und wer sie als solche bezeichnet hat und argumentiert hat, dass sich da ein Riesenproblem in China zusammenbraut, hat sich exponiert. Wer Anfang 2020 die WHO der Untertreibung bezichtigt hat, war ein Verschwörungstheoretiker. Dann sagten die "Experten" Masken würden nichts helfen (während im Hintergrund um knappe PPE-Vorräte gekämpft wurde), der Hausverstand und einfach zugängliche wissenschaftliche Quellen legten da längst andere Schlüsse nahe. Derzeit geht die Angst vor jeder neuen Mutation um und mehr oder weniger strenge Lockdowns werden, trotz dürftiger wissenschaftlicher Beweislage, als unumgänglich verkauft. etc. - kompliziert, unübersichtlich, im Fluss! Bei alledem stören klassisch notorische Verschwörungstheoretiker am wenigsten, auf einem freien Marktplatz der Ideen wird denen sowieso argumentativ die Stirn geboten. Wer in seiner Filterblase leben will, der ist sowieso kaum erreichbar. Das letzte was man braucht ist eine neue Klasse von Propheten, äh, ..."Faktencheckern"... die in diesen Marktplatz eingreifen und Meinungen fördern bzw. unterdrücken. Es ist geradezu absurd sich Privatpersonen im Internet vorzuknöpfen, wenn vermeintlich seriöse Medien extrem tendenziös bis hin zur Falschinformation berichten. Gäbe es noch mehr offizielle Medien, die sich um eine nüchterne, neutrale und faktenorientierte Berichterstattung bemühen, die dort nachfragen wo es wehtut, dann hätten mehr oder weniger obskure Privatpersonen im Internet auch gar nicht die Zuhörerschaft die sie heute haben (welche CNN, ZDF, ORF und all die "seriösen" zigfach übertrifft). In dem Sinne: Wer checkt die Faktenchecker und wird da nicht vielleicht die frechsten Böcklein zum Gärtner gemacht? Und im klassischen Muster der etablierten Medien hat es natürlich auch "Tips" nicht geschafft Kempinger/Aouf auch nur eine einzige kritische Frage zu stellen - Eigenwahrnehmung, Methodik, Bias - natürlich nix. Stattdessen wird uns hier ein "atomatisierter Faktenchecker" verkauft, als wäre das dass normalste der Welt und keinerlei kritische Nachfrager würdig. Kein Mensch braucht solche Medien!



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