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Gewalt in den eigenen vier Wänden: „Verdrängung ist häufig eine Überlebensstrategie“

Tips LogoBaumgartner Anna, 12.08.2025 08:02

LINZ. Gewalt passiere meist dort, wo man sich sicher und geborgen fühlen sollte – in den eigenen vier Wänden, heißt es von Seiten des Bundesministeriums für Inneres. Das bestätigen unter anderem auch die Zahlen des dritten Linzer Frauenberichts 2025. „Wird die körperliche und sexuelle Integrität einer Person verletzt, so hat dies oft tiefgreifende Beeinträchtigungen der psychischen und physischen Gesundheit zur Folge“, betont Psychotherapeutin Christine Ableidinger-Schachinger im Tips-Interview.

Die Folgen durch Gewalterfahrungen sind schwerwiegend, nicht nur auf physischer, sondern vor allem auch auf psychischer Ebene. (Foto: AungMyo/stock.adobe.com)

Wie die Autoren des dritten Linzer Frauenberichts darlegen, hat in Österreich jede dritte Frau im Erwachsenenalter (18–74 Jahre) körperliche oder sexuelle Gewalt inner- oder außerhalb intimer Partnerschaften erlebt. Auch im weltweiten Kontext sind die Zahlen dramatisch. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind etwa ein Drittel der 15- bis 49-jährigen Frauen in ihrer Partnerschaft Gewalt ausgesetzt.

Die Folgen sind tiefgreifend, wie Christine Ableidinger-Schachinger, Psychotherapeutin beim Verein PIA (für Sexuelle Bildung und Prävention, sowie Psychotherapie bei sexualisierter Gewalt), erklärt. Im Interview mit Tips gibt sie einen Einblick in die Komplexität der Thematik. Therapie, Prävention und Traumafolgestörungen stehen dabei im Mittelpunkt.

Tips: Entgegen der medialen Berichterstattung erleben laut Statistiken Frauen physische beziehungsweise sexuelle Gewalt Großteils im nahen sozialen Umfeld (Linzer Frauenbericht 2025). Unter welchen psychischen Langzeitfolgen leiden Betroffene nach Gewalterfahrungen, speziell in Hinblick auf sexualisierte Gewalt? Kann man diese Folgen überhaupt kategorisieren?

Ableidinger-Schachinger: Wird die körperliche und sexuelle Integrität einer Person verletzt, so hat dies oft tiefgreifende Beeinträchtigungen der psychischen und physischen Gesundheit zur Folge. Angstzustände und erhöhte Schreckhaftigkeit, Albträume und Schlafstörungen, häufiges Wiedererleben von Teilen der traumatisierenden Erlebnisse, Vermeidung von (möglichst allen) Reizen, die mit dem Trauma zu tun haben, Gefühl von Empfindungslosigkeit, losgelöst sein von anderen, Einsamkeit, Entfremdung von Nahestehenden, Beeinträchtigung der Wahrnehmung der Umwelt, des eigenen Körpers und der eigenen Gefühle, Konzentrations- und Leistungsstörungen.

Belastende Auswirkungen auf die Gestaltung von Beziehungen (nicht glauben können, aushalten, vertrauen können, dass jemand tatsächlich liebevoll und respektvoll im Umgang ist), mangelnder Selbstwert, äußerst negatives Selbstbild, starke Scham- und Schuldgefühle.

Auftreten können auch viele andere Symptome wie Depression, psychosomatische Beschwerden, Essstörungen, Probleme im Sexualleben, erhöhter Drogenkonsum/Suchtverhalten (um etwas aushaltbar zu machen), erhöhte Suizidalität, Sinnverlust, psychische Erkrankungen. Viele der oben angeführten Symptome werden zusammengefasst als posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet. Diese Reaktionen können allesamt als Versuch des Gehirns (und des betroffenen Menschen), das Erlebte zu begreifen und zu integrieren, verstanden werden.

Tips: „Sich für eine Psychotherapie zu entscheiden, ist ein großer und mutiger Schritt“, heißt es auf der PIA-Homepage. Wie verändern sich Leben und Alltagsbewältigung von Betroffenen – besonders dann, wenn das Trauma unbehandelt bleibt?

Ableidinger-Schachinger: Ein unbehandeltes Trauma ist wie eine tickende Zeitbombe, die Person muss ständig dafür sorgen, dass diese Erinnerungen, diese Gefühle unter der Decke bleiben. Stellen sie sich vor, sie gehen schwimmen und versuchen dabei ständig einen Ball mit einer Hand unter Wasser zu halten, so dass er nicht sichtbar ist. Sie kommen langsamer voran und es ist deutlich anstrengender als wenn sie beide Hände nutzen können.

Menschen, die ein unverarbeitetes Trauma mit sich herumtragen, entwickeln, oft unbewusst, viele Vermeidungsstrategien, sie ziehen sich zurück, blocken das Thema ab (können daher oftmals auch die eignen Kinder nicht schützen), dissoziieren in bestimmten Situationen, sind deutlich höher Burnout gefährdet als andere Menschen. Sie leiden unter einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität.

Tips: Laut den im Frauenbericht zitierten Statistiken (Statistik Austria, 2022) gaben sieben Prozent der befragten Frauen an, in der Kindheit (unter 15 Jahre) sexuelle Gewalt erlebt zu haben. Wie schätzen Sie diese Zahlen ein, zumal bekannt ist, dass durch Verdrängung und Dissoziation traumatische Erinnerungen oft verloren gehen?

Ableidinger-Schachinger: Diese Zahl scheint mir leider zu niedrig zu sein. Wiederholte Grenzverletzung im sozialen Nahraum durch vertraute Erwachsene führen häufig bei den Betroffenen zu einer chronischen Ohnmachts- und Stresssituation, welche zu einer Reihe von psychischen und psychosomatischen Symptomen führen kann. Nicht selten flüchten Betroffene in eine innere „Traumwelt“.

Manche in der (frühen) Kindheit erlebten Gewalterfahrungen müssen tief verdrängt werden. Das ist häufig eine Überlebensstrategie, da die bewusste Wahrnehmung des Geschehenen viel zu bedrohlich wirkt. Häufig auch, weil der der/die Täter direkt oder indirekt mit derart (aus kindlicher Sicht) extremen Folgen gedroht hat, dass es keine andere Lösung für das Kind gibt als das Geschehene möglichst gut zu verpacken.

Erinnerungen kommen gehäuft in bestimmten Lebensabschnitten wieder – günstigstenfalls bevor eigene Kinder zur Welt kommen, oder ganz häufig nachdem die Kinder groß geworden sind und plötzlich wieder Raum ist, sich mit sich selber zu beschäftigen.

Tips: Dissoziative Zustände, darunter multiple Persönlichkeitsstörungen, zwanghaftes Verhalten, Ängste, massive Schlafstörungen, Depressivität und Schuldgefühle seien mitunter die häufigsten Folgestörungen von sexuellem Missbrauch im Kindesalter (Kinderschutzzentrum Wien, 2022). Welche Traumafolgestörungen treten Ihrer Erfahrung nach bei Opfern von sexualisierter Gewalt im Kindesalter auf?

Ableidinger-Schachinger: Jedes Kind entwickelt entsprechend seiner Persönlichkeit und der Missbrauchssituation individuelle Reaktionen und Symptome.

Nach Einschätzung vieler Experten sind die Schädigungen umso schwerwiegender

  • je größer der Altersunterschied (z.B. Generationenunterschied) zwischen Täter und Opfer ist;
  • je größer die verwandtschaftliche Nähe ist (sexuelle Übergriffe durch Autoritäts- und Vater/Mutterfiguren werden als besonders gravierend eingestuft);
  • je länger die sexuelle Gewalt andauert;
  • je jünger und weniger weit entwickelt das Kind zu Beginn der Übergriffe ist;
  • je mehr Gewalt angedroht und angewendet wird;
  • je vollständiger die Geheimhaltung ist;
  • je weniger sonstige schützende Vertrauensbeziehungen, etwa zur Mutter, Geschwistern, Gleichaltrigen oder einer Lehrerin bestehen.

Als langfristige Folgen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen treten im Erwachsenenalter häufig auf:

  • Störungen der Sexualität und Partnerschaftsprobleme
  • Störungen in der Wahrnehmung eigener Gefühle (Verwechselung von Affektivität und Sexualität)
  • Gefühle der Wertlosigkeit, Scham, Schuld, Wut
  • Ablehnung des eigenen Körpers, selbstdestruktives Verhalten, Selbstmord(versuche)
  • Sexualisierung von Beziehungen
  • Emotionaler Rückzug und soziale Isolation, Misstrauen
  • Depression
  • Gefühle, außerhalb des eigenen Körpers zu sein (Dissoziation)
  • Alkohol - und Drogenmissbrauch
  • Angstzustände, Alpträume, angstmachende Tagträume
  • Schlaf- und Essstörungen
  • Psychosomatische Beschwerden (vor allem Haut- und Magenerkrankungen)

Tips: Gibt es bestimmte Warnsignale oder Verhaltensänderungen bei Kindern, auf die Eltern, Lehrer oder Fachkräfte besonders achten sollten?

Ableidinger-Schachinger: Es gibt zwei Sicherheiten – wenn das Kind von den Übergriffen erzählt (auch wenn es die Handlungen nicht genau benennen kann oder nur fragmentiert berichtet) oder wenn es eindeutige körperliche Verletzungen gibt. Alles andere sind Symptome, die erstmals auf eine Not des Kindes hinweisen und bei denen die Erwachsenen auch an sexuelle Gewalt denken sollten.

Dies können sein plötzlicher sozialer Rückzug (Angst sich zu verraten), Leistungsabfall (was der Lehrer da erzählt, interessiert mich gerade nicht, muss an was anderes denken), indirekte Erzählungen über Bilder und Geschichten durch das Kind, auffallend sexualisiertes Verhalten (Kind hat gelernt, dass es Zuwendung und Aufmerksamkeit über sexuelle Verfügbarkeit bekommt oder versucht über Nachahmen Signale zu setzen bzw. eine Lösung zu finden).

Regredierendes Verhalten –  z.B. Kinder beginnen wieder einzunässen, auch ein Lösungsversuch des Kindes, wieder in eine Phase zurück zu kehren, in der die Gewalt noch nicht stattgefunden hat. Selbstzerstörerisches Verhalten, Weglaufen, Zwangshandlungen (z.B. Waschzwang um sich weniger beschmutzt zu fühlen).

Tips: Wie kann man sich eine Traumatherapie vorstellen? Wie sieht der Heilungsprozess aus und ist eine vollständige Heilung überhaupt möglich?

Ableidinger-Schachinger: Therapie in diesem Bereich verläuft je nach Persönlichkeit sowie Art und Intensität der erlebten sexuellen Gewalt sehr unterschiedlich. Dies betrifft sowohl die Therapiefrequenz, als auch die Dauer und die erreichbaren Ziele. Grundsätzlich sei hier betont, dass es für viele Betroffene ein wirklich mutiger Schritt ist, eine Therapie zu beginnen. Dieser Schritt kostet einiges an Überwindung.

Ein Fallbeispiel aus der Praxis…

Ich durfte über einen längeren Zeitraum eine junge Frau therapeutisch begleiten, die sehr stark an den Folgen sexueller Gewalt gelitten hat. Aufgewachsen ist sie in einer nach außen völlig intakten, angesehenen Familie. Beide Eltern waren extrem streng und hart im Umgang mit den Kindern. Körperliche Gewalt diente als Erziehungsmittel. Die Eltern forderten von ihren Kindern absoluten Gehorsam. Erwachsenen zu widersprechen war völlig undenkbar. So war es auch nicht möglich, sich gegen die sexuellen Übergriffe des Onkels, die über viele Jahre hinweg passierten, auf zu lehnen oder gar sich jemandem anzuvertrauen.

Die Motivation eine Therapie in Anspruch zu nehmen, war die Sorge um ihre kleine Tochter. Die junge Frau wollte ihrem Kind die Liebe und Sicherheit bieten, die sie selber nicht hatte. Es war ihr völlig klar, dass sie dafür an sich arbeiten musste.

(Ganz häufig wiederholt sich sexuelle Gewalt/Missbrauch über mehrere Generationen immer wieder.)

In der Therapie ist es der Frau in wirklich mühsamen Schritten gelungen, zu lernen, ihre Grenzen zu erspüren und den Mut zu fassen, diese auch zu verteidigen (z. B. den Eltern gegenüber, die immer noch großen Einfluss auf ihr Alltagsleben nahmen). Sie hat gelernt, sich selbst zu akzeptieren und auch immer mehr zu mögen. In dem Ausmaß, in dem ihre innere Freiheit und Zufriedenheit gewachsen ist, konnte sie einen liebevollen und positiven Zugang zu ihrer Tochter entwickeln. Ein letztes wirklich herausforderndes Thema in der Therapie war der Umgang mit dem eigenen Körper und ihrer Sexualität. Es gelang ihr – auch mit Unterstützung ihres Partners - Angst und Ekel zu überwinden und einen positiven Zugang zu ihrem Körper zu entwickeln.

Tips: Wie können Schulen, Kindergärten und Jugendeinrichtungen in die Prävention eingebunden werden?

Ableidinger-Schachinger:  Seit langen ist bekannt, wie wichtig und notwendig gute Sexualerziehung und Aufklärung sind – Wissen schützt! Wie sollen Kinder es schaffen, sich jemandem anzuvertrauen, wenn ihnen Worte und Begrifflichkeiten fehlen, bzw. sie bisher noch gar nicht die Erfahrung gemacht haben, dass über Sexualität gesprochen werden darf. Der Konsum von Pornographie ist unter Kindern weit verbreitet, vor allem bei Jungen (oft unter 10 Jahre alt), da braucht es dringend eine gute Sexualpädagogik, die diesen Bildern aus dem Internet eine brauchbare, solide gesunde Aufklärung entgegenstellt.

Tips: Was wünschen Sie sich von der Politik – auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene –, um Gewaltprävention und Opferschutz besser zu finanzieren und umzusetzen?

Ableidinger-Schachinger: Ich denke, dass Elternbildung verpflichtend sein sollte. Bewusstseinsbildung und Information darüber, was Kinder brauchen, um Selbstwert, Stabilität und Empathie zu entwickeln. Diese Eigenschaften und Fähigkeiten sind nicht hinter oder mit einem Hightech Gerät zu erlernen, sondern im Erleben und Erfahren von positiven Beziehungen. Mehr sexualpädagogische Ausbildung im Lehrplan, sowie Informationen über sexuelle Gewalt und Trauma.

Tips: Was gibt Ihnen und Ihrem Team Hoffnung – trotz der erschütternden Geschichten, mit denen Sie tagtäglich konfrontiert sind?

Ableidinger-Schachinger: Zu erleben, was alles möglich werden kann. Immer wieder erstaunt zu sein, welche Ressourcen und Stärken in den Menschen versteckt/verschüttet sind und frei gelegt werden.

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Wenn Hilfe nötig ist, anonym, rund um die Uhr, kostenlos

  • Polizeinotruf 133
  • Frauen-Helpline: 0800 222555
  • Gewaltschutzzentrum OÖ: Tel. 0732 607760, E-Mail ooe@gewaltschutzzentrum.at
  • Krisenhilfe OÖ: 0732 2177
  • Frauenberatung OÖ, www.frauenberatung-ooe.at, hier sind auch alle Kontakte zu den Frauenhäusern in Oberösterreich zu finden.
  • PIA: Prävenation, Beratung und Therapie bei sexueller Gewalt: Tel. 0732 650031, E-Mail: office@pia-linz.at
  • Autonome Frauenhäuser in Oberösterreich: www.aoef.at
  • Telefonseelsorge: 142
  • Opfer-Notruf: 0800 112 112
  • Männerberatung: 0800 400 777
  • Männernotruf: 0800 246 247
  • Helpchat.at
  • Rat auf Draht: 147
  • Weißer Ring – Verbrechensopferhilfe, Büro OÖ: Tel. 0699 13434015, E-Mail: ooe@weisser-ring.at
  • StoP – Stadt ohne Partnergewalt Linz, https://stop-partnergewalt.at/, E-Mail: linz@stop-partnergewalt.at

     

       

      Zum Verein PIA (Sexuelle Bildung und Prävention Psychotherapie bei sexualisierter Gewalt)
      Der Verein PIA wurde vor knapp 30 Jahren in Oberösterreich gegründet.
      Geboten werden Therapie und Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt, sexualpädagogische Präventionsarbeit in Bildungseinrichtungen sowie Lehrgänge für Schutzkonzepte.
      Einige Zahlen aus 2024:
      Rund 2.400 kostenlose Therapiestunden für Betroffene
      PIA betreute 2024 durchschnittlich 115 Klienten gleichzeitig
      61 neue Therapieplätze konnten vergeben werden
      41 Personen beendeten erfolgreich ihre Therapie
      154 Workshops und Fachfortbildungen
      für 1.078 Eltern, Pädagogen & Bezugspersonen
      für 2.447 Kinder und Jugendliche

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