Felix Eypeltauer: „Jetzt ist mal der Punkt, an dem wir solidarisch sein müssen mit den Jungen“

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Wurzer Katharina, Leserartikel, 15.09.2021 22:57 Uhr

LINZ/OÖ. In den vergangenen Wochen haben die beiden Tips-Jungredakteurinnen Magdalena Hronek und Katharina Wurzer mit jungen Menschen gesprochen, welche Anliegen und Wünsche sie an die Politik haben. Deren Antworten flossen nun in Fragen an die jüngsten Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 26. September ein. Den Anfang macht der 29-jährige Felix Eypeltauer (Neos) aus Linz, der mehr Solidarität und Gehör für junge Menschen fordert.

Tips: Wie häufig haben Sie in Ihrem beruflichen Alltag mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen Kontakt? Was nehmen Sie aus Gesprächen mit ihnen mit?

Eypeltauer: Ich habe jeden Tag mit jungen Menschen Kontakt, weil unser Team extrem jung ist. Meine Mitarbeiter sind zwischen 16 und 30 Jahre. Auch meine Bekannten und Freunde sind alle zwischen 18 und 35 Jahre alt. Ich glaube, dass es extrem wichtig ist, ganz junge Menschen zu hören in der Politik. Wir haben gesehen, dass das wichtig ist und was passiert, wenn das nicht der Fall ist.

Selbst ich als jüngster Spitzenkandidat profitiere davon, wenn ich junge Leute in Jugendorganisationen habe. Das sind doch andere Lebensrealitäten als meine. Die letzten 1,5 Jahre waren für Kinder und Jugendliche richtig schwierig, auch weil sie die Politik übersehen hat.

Tips: Hier schließen die psychischen Belastungen und Probleme junger Menschen an, die laut Studien zugenommen haben. Welche Gegenmaßnahmen bräuchte es aus Ihrer Sicht?

Eypeltauer: Ich habe gemeinsam mit meinem Kollegen Yannick Shetty einen Notfallplan für psychische Gesundheit vorgeschlagen und gefordert. Wir haben damals viele Schilderungen von jungen Menschen bekommen, wie schlecht es ihnen geht und wie sehr ihnen Treffen fehlen. Soziale Kontakte sind vor allem für Jüngere wichtig, die sich selbst noch entwickeln. Wir wollen extrem niederschwellige Angebote wie Coaches als Ansprechpartner schaffen. Es ist leider immer noch nicht selbstverständlich in unserer Gesellschaft, über psychische Probleme zu sprechen, auch in Zeiten einer Pandemie und Krise nicht. Außerdem muss das Angebot für Psychologie und Psychotherapie in ganz Oberösterreich generell ausgebaut werden, weil wir da viel zu wenig haben. Auf einen Schulpsychologen kommen derzeit mehr als 10.000 Kinder. Das ist in normalen Zeiten bereits ein Wahnsinn. Wir wissen ja, dass sich die Welt immer schneller dreht und es für junge Leute herausfordernder wird, erwachsen zu werden und sich zurechtzufinden.

Tips: Soll psychische Gesundheit vermehrt in Schulen oder an Arbeitsplätzen aufgegriffen werden und wenn ja, wie?

Eypeltauer: Ja. Ich denke, dass Achtsamkeit, wie ich mit mir selbst umgehe und mich psychisch gesund halte, in Schulen vermittelt werden sollte. Unser System ist eigentlich militärisch und hat sich seit Maria Theresia nicht verändert. Viele Schüler haben das Gefühl, dass sie nicht ausreichend auf das richtige Leben vorbereitet werden. Die mentale Gesundheit soll Teil von Lehrplänen werden, etwa Techniken, um damit umzugehen.

Auch jede Initiative am Arbeitsplatz zu psychischer Gesundheit ist gut, wobei der Staat das nicht vorschreiben kann. Viele Firmen erkennen schon, dass das sinnvoll ist. Wenn wir das Thema in den Schulen hätten, hätten wir weniger Probleme später.

Tips: Die Neos OÖ sprechen sich dafür aus, Schulen im kommenden Schuljahr offen zu halten. Wie kann das gelingen?

Eypeltauer: Das geht, wenn man seine Hausaufgaben macht. Zuerst hat es lange geheißen, dass wir solidarisch sein müssen mit denen, die durch die Erkrankung besonders gefährdet sind. Jetzt ist mal der Punkt, an dem wir solidarisch sein müssen mit den Jungen. Ich denke, dass man klar feststellen muss, dass Schulen keine treibende Rolle im Pandemiegeschehen hatten. Wären mehr Erwachsene geimpft, müssten wir gar nicht darüber diskutieren, ob Kinder mit Maske in die Schule gehen müssen oder ob Klassen geschlossen werden. Herr Mückstein (Gesundheitsminister, Anm.) hat uns einen Stufenplan präsentiert, der keine Maßnahmen vorsieht, um die Impfquote zu erhöhen. Das finde ich erschütternd. Je mehr Menschen einschließlich Lehrpersonal sich impfen lassen, desto sicherer sind die Schulen offen.

Darüber hinaus brauchen wir flächendeckende PCR-Tests, wie das in Wien bereits der Fall ist. Der Antigentest kann die Delta-Variante z.B. nicht verlässlich anzeigen. Bei den Tests sollte es einen Selbstbehalt geben, was auch die Impfquote erhöhen könnte. Es kann nicht sein, dass die Allgemeinheit denen, die sich nicht impfen lassen wollen, ewig die Tests zahlt. Meine Annahme ist, dass das Nichthandeln hier mit der Landtagswahl zusammenhängt. Manche Parteien wollen niemandem auf die Füße steigen und nehmen damit leider in Kauf, dass die vierte Welle überhandnimmt.

Tips: Soll es aus Ihrer Sicht Vorteile für Geimpfte geben?

Eypeltauer: Es geht darum, was epidemiologisch Sinn macht. Leider hatten wir in den vergangenen 1,5 Jahren viele Maßnahmen, bei denen das nicht der Fall ist. Daher ist es auch kein Wunder, dass viele Menschen die Maßnahmen nicht mehr ernst nehmen oder nicht darauf vertrauen. Wenn Tests kostenpflichtig wären, wäre das bereits ein Vorteil für Geimpfte, da die Impfung gratis ist. Dass man als Ungeimpfter irgendwann nicht mehr Zutritt zu allen Einrichtungen wie der Nachtgastronomie hat, kommt ohnehin auch, ist nachvollziehbar und logisch.

Wichtig ist mir aber, dass es keine Zweiklassengesellschaft wird. Dass die Ungeimpften eingesperrt werden und gar nichts mehr dürfen, stimmt ja auch nicht.

Tips: Themenwechsel. Wie zufrieden sind Sie mit aktuellen Gleichstellungsmaßnahmen von Männern und Frauen? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Eypeltauer: Ich überlege mir, was man im Land tun kann, um Gleichberechtigung zu realisieren, von der wir leider noch weit entfernt sind. Die wichtigste Maßnahme aus meiner Sicht ist eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung. Die gibt es derzeit noch nicht immer. Oft arbeiten Frauen deshalb Teilzeit oder bleiben gänzlich Zuhause. Kinderbetreuung sollte zum Beispiel auch am Wochenende zur Verfügung stehen, wenn jemand arbeiten muss. Mit entsprechender Kinderbetreuung könnten wir viele Ungleichheiten lösen wie Altersarmut von Frauen. Auch Pensionssplitting sollte automatisch vorgesehen werden. Es kann grundsätzlich nicht sein, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft weniger Chancen haben, was de facto der Fall ist in Österreich.

Tips: In Gesprächen haben uns mehrere junge Menschen erzählt, dass leistbares Wohnen eine Herausforderung für sie sei. Wie soll dieser aus Ihrer Sicht begegnet werden? Braucht es spezielle Maßnahmen für Menschen mit einem geringen Einkommen?

Eypeltauer: Das fängt für mich damit an, dass wir Einkommen weniger stark belasten müssen. Von dem, was man dem Chef kostet, bleibt einem selbst nur wenig. Wir müssen aber auch sehen, dass viele Probleme hausgemacht sind wie Zersiedelungen und ungenütztes Baupotential in den Städten. Dadurch wird das Bauen teurer, zum Beispiel aufgrund der dort nötigen Straßen. Wir Neos sind gegen Flächenfraß (Umwandlung von naturbelassenen oder landwirtschaftlichen Flächen in Siedlungsfläche, Anm.). Ein weiterer Punkt ist, dass wir insgesamt mehr Wohnungen brauchen, wofür Bauvorschriften reduziert werden müssen. Wir wollen entbürokratisieren, also den Bau erleichtern, und steuerlich begünstigen, wenn sich jemand zum ersten Mal eine Wohnung kauft.

Der letzte Punkt ist der geförderte, soziale Wohnbau. Der muss aber noch treffsicherer werden. Viele Menschen, die sich am freien Markt eine Wohnung leisten könnten, wohnen ebenfalls im sozialen Wohnbau. Diese Wohnungen fehlen dann wieder Menschen wie Lehrlingen, die sie wirklich brauchen. Dazu bräuchte es nicht einmal eine Systemänderung, das könnte man von heute auf morgen machen.

Tips: Wie kann Klimafreundlichkeit beim Bauen gelingen?

Eypeltauer: Wir haben viele Baulücken, die zuerst gefüllt werden sollten. Alleine damit könnte man viel lösen. Zu beachten sind auch der Schutz vor Kälte und Hitze, um auf den Klimawandel vorbereitet zu sein. Ich bin selbst im Ausschuss für Bauen und Wohnen im Nationalrat und bekomme mit, dass es da wenig Verständnis für klimafreundliches Bauen gibt. Es wird viel zu sehr nach Schema F vorgegangen wie vor 30 Jahren. Ich stelle mir auch mehr Forderungen für nachhaltige Baustoffe wie Holz vor. Dann können wir mehr Bauen mit Klimaschutz vereinbaren.

Tips: Organisatoren der Fridays for Future Bewegung kritisieren, dass es in Oberösterreich kein Klimaneutralitätsziel gibt. Wie stehen Sie dazu?

Eypeltauer: Ich halte es für notwendig, dass wir darüber reden und realistische Maßnahmen setzen, um das Problem zu lösen. Wir haben vor vier Jahren zum Beispiel eine ökologische Steuerreform mit einem CO2-Konzept vorgestellt. Gleichzeitig müssen wir Einkommen entlasten.

Darüber hinaus habe ich ein Klimabudget im Landtag vorgeschlagen, wo wir uns ausmachen, wie viel CO2-Emissionen wir als Politik im Jahr vertreten können. Wir geben auch zu viel für Autobahnen und zu wenig für öffentlichen Verkehr aus.

Tips: Abseits von Fridays for Future ist immer wieder zu hören, dass junge Menschen politikverdrossen seien. Was ist Ihr Eindruck dazu? Wie kann es gelingen, dass sich junge Menschen für Politik interessieren?

Eypeltauer: Ich nehme nicht wahr, dass junge Menschen politikverdrossen sind. Ich glaube, dass das ältere Leute gerne sagen, weil sie keine Ahnung davon haben, wie es jungen Menschen geht und wie sie denken. Fridays for Future ist nur ein Beispiel von vielen, wo sich Junge engagieren.

Es muss mehr junge Leute in der Politik geben, die verstehen, was die Lebensrealität von noch jüngeren ist und was ihnen wichtig ist. Das große Problem ist, dass viele Leute Politiker als abgehoben wahrnehmen. Das können wir ändern, aber die Neos alleine werden das nicht schaffen. Dabei braucht es Unterstützung aus allen Parteien.

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