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OÖ. Standortdialog: "Die Stimmung in der Wirtschaft droht zu kippen"

Tips LogoKarin Seyringer, 09.09.2022 18:12

OÖ/LINZ. Die europäische Politik sei jetzt klar gefordert, Lösungen für die Energiekrise zu bringen, fordert die heimische Wirtschaft. Am Freitag wurden beim OÖ. Standortdialog 2022 im Power Tower der Energie AG die aktuellen großen Herausforderungen diskutiert.

Univ.-Prof. eodoro Cocca (JKU), Wirtschafts-Landesrat Markus Achleitner, Landeshauptmann Thomas Stelzer, Doris Hummer, Präsidentin der Wirtschaftskammer OÖ, und Stefan Pierer, Präsident der Industriellenvereinigung OÖ. (Foto: Land OÖ / Max Mayrhofer)

Gemeinsam mit Vertretern von oö. Leitbetrieben sowie der Spitze der Wirtschaftskammer OÖ und der Industriellenvereinigung OÖ wurden zentrale Herausforderungen und Maßnahmen diskutiert. Basis dafür bildet unter anderem eine aktuelle Studie von Professor Teodoro D. Cocca von der Johannes Kepler Uni Linz.

Drei Milliarden Wertschöpfungsverlust in OÖ

Wie der Experte ausführt, wird laut aktueller Prognose zur Konjunkturentwicklung für Oberösterreich 2022 bis 2023 ein realer Wertschöpfungsverlust von drei Milliarden Euro erwartet. Das entspricht einem Minus des regionalen BIPs Oberösterreichs um 2,3 Prozent. Für 2022 wird noch ein Wirtschaftswachstum von 2,7 Prozent erwartet, nächstes Jahr „sicher unter zwei Prozent“. Für die Budgetpolitik werde das eine große Herausforderung werden.

Stelzer: Große Erwartungen an EU-Gespräche 

„Es sind sehr herausfordernde Zeiten gerade, vor allem für den Industriestandort Oberösterreich. Alleine schon mit der Klimaumstellung ist die Wirtschaft stark gefordert, dazu kommen die weltpolitischen Umstände. Wir müssen aber akzeptieren, dass das jetzt die Rahmenbedingungen sind und das Beste daraus machen“, so Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) beim OÖ. Standortdialog 2022.

Stelzer verwies zum Stichwort Teuerung auf die aktuellen Unterstützungsmaßnahmen des Bundes und die kommende Strompreisbremse – Hilfen für die Bevölkerung. Aber auch die Wirtschaft und Industrie brauche jetzt nötige Unterstützung. „Ich habe hier große Erwartungen an die laufende EU-Gespräche“, so Stelzer. Es brauche hier europaweite Lösungen. Wenn dies nicht gelinge, müsse auf nationaler Ebene geholfen werden, „für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe und den Erhalt der Arbeitsplätze“.

Auf Oberösterreich-Ebene verweist er auf Sonderinvestitionen im Rahmen des OÖ-Plans, man setzte auf Erneuerbare Energien, Ausbildung und Qualifizierung, die digitale Transformation – auch mit dem in Linz entstehenden neuen „Institute of Digital Sciences Austria“.

„Versuchen, dagegenzuhalten“ 

Auf die aktuellen Herausforderungen müsse man auf zwei Ebenen reagieren – kurzfristig und strategisch, ergänzt Wirtschafts-Landesrat Markus Achleitner (ÖVP). „Die Energiesituation ist existenzgefährdend für die oö. Wirtschaft, vom Klein- bis zum Großbetrieb.“ Auch er hofft, dass auf europäischer Ebene eingegriffen wird. „Ein fixierter Gaspreis der EU ist keine Option, man muss subventionierend eingreifen – und das sofort.“ Zudem müsse jeder Energie einsparen – „jede Stunde Strom spart Gas.“

Auf struktureller Ebene werde das Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt – mit Lockerungen bei Verfahren, Genehmigungsfreistellungen. Und auch das große Thema Fachkräftemangel bereitet weiter Kopfzerbrechen: „Demografisch haben wir in den nächsten Jahren einen Rückgang von zehn bis 15 Prozent an Köpfen – hier müssen wir qualifizieren, Teilzeitarbeit aufstocken und vor allem ausländische Arbeitskräfte gewinnen.“

„Wir sind in stürmischen Zeiten, die Wirtschaftsprognosen gehen nach unten, der Wettbewerb wird schärfer. Mit einem Schulterschluss aller Partner versuchen wir möglichst gut dagegenzuhalten“, so Achleitner.

„Stimmung droht zu kippen“ 

„Die Stimmung in der Wirtschaft droht zu kippen, wenn die drei großen Themen – Energiepreise, Lieferkettenprobleme und Fachkräftemangel – nicht gelöst werden“, weiß Wirtschaftskammer OÖ-Präsidentin Doris Hummer. „Die Aussichten sind unerfreulich.“

Sie erwartet sich, dass die Politik entsprechende Lösungen findet. „In der Wirtschaftskammer läuten die Telefone Sturm. Wir haben Betriebe, die ab nächstem Jahr keine Energieverträge mehr bekommen“, zeigt sie auf.

Die WKOÖ fordert von der Politik, die beschlossenen Entlastungsmaßnahmen rasch umzusetzen, die für 2022 vorgesehenen Finanzhilfen aus der Strompreiskompensation und dem Energiekostenzuschuss auch für 2023 vorzusehen, Abgabensenkungen wie die Reduktion der Möst auf EU-Niveau, die Einrichtung einer Ombudsstelle, die existenzgefährdeten Unternehmen zur Seite steht und die Ausarbeitung von Notfallplänen und Instrumenten.

In Punkte Fachkräftemangel ist nach der Anpassung der Rot-Weiß-Rot-Card ihr großer Wunsch, dass diese auch für Lehrlinge aus Drittstaaten gelte.

Vollzeitarbeit steuerlich entlasten

Ähnlich wie Stefan Pierer, Präsident der OÖ Industriellenvereinigung, sieht sie auch, dass die Vollzeitarbeit entlastet werden müsste.

„So eine Kombination aus Krisen und Engpässen habe ich in meiner 40-jährigen Karriere noch nicht erlebt“, so Pierer. Gerade der Arbeitskräftemangel sei die größte Herausforderung für die Industrie. Die Industriellenvereinigung legt daher zeitnah ein Paket „Leistung muss sich wieder lohnen“ vor, wie Pierer ankündigt. „Leistungsbereite Menschen müssen mehr Netto vom Brutto bekommen. Wir werden mit Work-Life-Balance die Krisen nicht lösen können“, ist für ihn klar.

Klare Worte kommen zum Thema Energie von Pierer: „Das muss jetzt die EU-Politik lösen. Wenn es Sanktionen gibt, dann muss man auch die Werkzeuge dafür bereitstellen“, spricht er in diesem Punkt von einem Totalversagen der EU.

 


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