Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt
tips.at als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen

Hummer zu Arbeitskräftemangel: „Löhne zu erhöhen und weniger arbeiten zu gehen, wird sich nicht ausgehen“

Tips LogoKarin Seyringer, 09.05.2023 18:41

OÖ/LINZ. Der Hut brennt beim Thema Arbeitskräftemangel, wie Wirtschaftskammer OÖ-Präsidentin Doris Hummer nicht müde wird, zu betonen. Die Warnung: Ohne Bekenntnis zur Leistung kommt der Wohlstandsabbau. Um gegenzusteuern, legt die Wirtschaftskammer OÖ am Dienstag in Linz erneut einen Maßnahmenkatalog vor, denn es gelte „endlich das Hirn einzuschalten“. Unter den Forderungen: Die Wiedereinführung der kostenlosen Kinder-Nachmittagsbetreuung und mehr Netto vom Brutto.

WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer, Direktor Gerald Silberhumer (Foto: Hermann Wakolbinger)
WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer, Direktor Gerald Silberhumer (Foto: Hermann Wakolbinger)

„Der Arbeitskräftemangel wird sich in den nächsten Jahren nochmal drastisch verschärfen“, so WK OÖ-Präsidentin Doris Hummer, gehen doch 750.000 Babyboomer bis 2034 in Pension. Dazu komme der demografische Wandel, weniger Junge kommen nach und der Trend zu weniger Arbeitsstunden. Man müsse klar aussprechen: „Ohne Leistung, die Bereitschaft dazu und die Belohnung haben wir einen Wohlstandsverlust.“ Vorschläge wie Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich hingegen seien wider jedem Hausverstand. Gleiches gelte für die Forderung nach höherem Arbeitslosengeld, so Hummer. „Die vorgeschlagene Lösung, die Löhne zu erhöhen und weniger arbeiten zu gehen, wird sich nicht ausgehen.“

Jetzt müsse es darum gehen, Leistung zu fördern und viel mehr als bisher zu honorieren. „Die Riesenschwäche ist unser Steuersystem. Es bestraft Leistungsbereite mit hoher Abgabenbelastung.“ Jetzt müsse man endlich weg von der Problembeschreibung des Arbeitskräftemangels hin zu wirksamen Maßnahmen. Dabei sei es gar nicht so schwierig, die Lücke zu schließen, glaubt Hummer.

Kostenlose Nachmittagsbetreuung wiedereinführen

Während österreichweit im Schnitt 57,3 Prozent der Mütter teilzeitbeschäftigt sind, sind es in OÖ 66,7 Prozent. „Es braucht einen konsequenten Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige. Dazu braucht es eine lückenlose landesweite Bedarfserhebung, zurzeit wird das sehr regional gemacht. Ich weiß, dass LH-Stellvertreterin Haberlander dahinter ist, aber wir brauchen einen weiteren Ausbauplan. Ich diskutiere selbst viel mit Bürgermeistern, aber es hilft nichts, der Ausbau ist Gebot der Stunde“, so Hummer.

Generell müssten die gesetzlichen Rahmenbedingungen angepasst werden, um flexibleres Arbeiten zu ermöglichen. „Nach sechs Stunden eine Überstunde anzuhängen geht nicht, weil dann eine Pause nötig ist. Das sind Sachen, die sicher Sinn machen, aber wir müssen die Bestimmungen so verändern, wie sie die Menschen sich wünschen würden“, so Hummer.

Auch fordert Hummer, die Nachmittagsbetreuung in OÖ wieder kostenfrei zu stellen, „hier braucht es einen Umsetzungsplan, das ist ein Baustein, um Familien zu unterstützen, beruflich nicht herauszufallen.“ Die Kosten für Kinderbetreuung sollten zudem steuerlich absetzbar sein.

Ein Jahr länger arbeiten und mehr verdienen

In Österreich sind nur 56,4 Prozent der über 55-Jährigen noch in Beschäftigung, „in Deutschland sind es rund zwei Drittel. Das Steuersystem, Korridorpensionen, steuerliche Anreize, Leute früher in Pension zu schicken – wir haben den Hebel, das zu ändern. Ein Jahr mehr in Arbeit würde der größte Hebel gegen den Arbeitskräftemangel sein.“ Das solle sich dann aber auch auszahlen – mit mehr Netto vom Brutto für ältere Mitarbeiter. Für Schwerarbeiter wie am Bau brauche es Speziallösungen.

Anreize für Arbeitslose und Asylwerber

WK OÖ-Direktor Gerald Silberhumer verweist darauf, dass es zusätzliche Anreize für Menschen im erwerbstätigen Alter brauche, die nicht arbeiten. „Wir sehen eine zu geringe Mobilität bei Arbeitssuchenden. Von Wien in Linz ist man mit dem Zug in 75 Minuten.“ Auch wird eine neue Staffelung des Arbeitslosengeldes angerecht.

Bei Asylwerbern sollten staatliche Zuwendungen künftig an die Bereitschaft zur Weiterbildung gekoppelt werden.

Internationale Arbeitskräfte nach Österreich holen

Bei der Rot-weiß-Rot-Card gebe es auch weiterhin etliche Verbesserungsnotwendigkeiten, so Silberhumer. So gelte aktuell die RWR-Card nicht für dringend nötige LKW-Lenker. Es brauche ein eigenes Kontingent für volljährige ausländische Lehrlinge, bei der Anerkennung ausländischer Ausbildungen brauche es Erleichterungen, Deutschland sei hier schon weiter. „Das ist unklug von uns, dass wir die rechtlichen Rahmenbedingungen restriktiver gestalten“, so der WKOÖ-Direktor. Wie auch in Deutschland brauche es eine ergänzende „Chancenkarte“.

Mehr Netto vom Brutto

Und es müsste die Steuer- und Abgabenbelastung auf Arbeit reduziert werden. 46,8 Prozent betrug im Jahr 2022 die Steuer- und Abgabenbelastung für einen durchschnittlichen alleinstehenden Arbeitnehmer in Österreich. „Menschen, die mehr arbeiten wollen, werden durch hohe Besteuerung abgehalten. Der Faktor Arbeit ist der einzige, der progressiv besteuert wird. Je mehr man arbeitet, umso höher ist die Steuer. Das ist ein negativer Anreiz, von der Arbeit abzuhalten. Es braucht ganz dringend eine Abflachung der Progression“, so Silberhumer.

Zudem müssten Überstunden attraktiver werden, die monatlich steuerfreien Überstundenzuschläge von zehn auf 20 erhöht werden. Der Arbeitslosenversicherungsbeitrag sei an die aktuelle Arbeitsmarktlage anzupassen und auf die Hälfte abzusenken.

„Keine Ermessensfrage oder good will“

„Wir werden als Wirtschaftskammer bundesweit eine Kampagne starten, um uns an die Öffentlichkeit zu wenden. Wir wollen sicherstellen, dass der Wohlstand der letzten Generationen in dieser Form erhalten bleiben kann und die soziale Absicherung der Menschen weiter finanzierbar ist“, so Hummer. „Es ist keine Ermessensfrage oder good will, ob wir wieder mehr arbeiten – wir sind im internationalen Wettbewerb, Asien ist unglaubliche motiviert – wir müssen uns, wenn wir Wohlstand und sozialen Frieden haben wollen, wieder mehr dahinterklemmen“, ist sie überzeugt.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden