Es geht im Job nicht immer nur ums Geld
Im zweiten Teil der Serie zum Thema Personalsuche sprach Tips mit Nives Haag, Geschäftsführerin von KI-Talentfinder by nw1 GmbH, unter anderem über neue Möglichkeiten, um Interessenten anzusprechen.

Tips: Was macht einen attraktiven Dienstgeber aus?
Nives Haag: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass es jungen Leuten heutzutage nur ums Geld geht. Die Unternehmenskultur, der Team-Zusammenhalt und allem voran eine gelebte Wertschätzung spielen eine immer größere Rolle. Und ja, das Finanzielle muss natürlich auch stimmen. Gleichzeitig werden non-monetäre Benefits immer wichtiger, wie flexible Arbeitszeitmodelle und die Möglichkeit, im Home-Office oder auch mal im Ausland (Workation) zu arbeiten. Dass man als Mitarbeiter den Parkplatz nutzen darf oder Überstunden entsprechend entlohnt werden, sind keine Benefits. So etwas sollte heutzutage selbstverständlich sein.
Wir befinden uns mitten in einem Wandel, der in den nächsten Jahren eine massive Verschiebung des Marktes mit sich bringt. Unternehmen werden gezwungen sein, sich zu verändern und den neuen Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt anzupassen. Wer hier nicht mithält, dem werden die eigenen Mitarbeiter von der Konkurrenz weggeschnappt. Die Entwicklungen sind rasant, vor allem in Anbetracht der kurz bevorstehenden Pensionierungswelle der Babyboomer, die sich nicht von alleine nachbesetzen lässt, denn die besten Mitarbeiter sind meist als Erstes weg. Entweder man ist vorne dabei und punktet mit einer starken, zukunftsfähigen Unternehmenskultur, oder man steht am Ende alleine da.
Tips: Was sollte sich bei der Personalsuche von Unternehmen ändern?
Nives Haag: Viele Unternehmen und auch HR-Verantwortliche haben noch die „alte“ Denke, dass Arbeitnehmer froh sein sollten, wenn sie für ihre Firma arbeiten dürfen und so ein gesichertes Einkommen haben. Das ist zwar nachvollziehbar, schließlich war es lange Zeit genau so: Eine Firma hat eine Anzeige geschaltet und sich daraufhin unter unzähligen Bewerbern die beste Person aussuchen können. Gleichzeitig haben sich die Machtverhältnisse verschoben, mittlerweile gibt es mehr Jobangebote als Kandidaten, und denen kommt es nicht nur auf die Bezahlung an. Sie können sich aussuchen, wo und für wen sie arbeiten, da müssen viele Faktoren stimmen. So wie sich früher der Chef den perfekten Mitarbeiter aussuchen konnte, kann sich heute in vielen Fällen der Arbeitnehmer die perfekte Firma aussuchen.
Tips: Wie spricht man Personen an, die „eigentlich gar nicht suchen“?
Nives Haag: Das ist relativ einfach: Man geht dorthin, wo die Leute sind, die potenziell für die Stelle infrage kommen, und macht sie auf sich aufmerksam. Konkret könnten das etwa die sozialen Medien sein, die so ziemlich jeder von uns ohnehin schon auf täglicher Basis im Einsatz hat. Was hat Ihr Unternehmen zu bieten, was andere vielleicht nicht haben? Was zeichnet Sie als Arbeitgeber aus, welche Kultur leben Sie, sodass zukünftige Mitarbeiter genau bei Ihnen arbeiten wollen und nicht bei der Konkurrenz? Versetzen Sie sich in die Lage eines potenziellen Mitarbeiters und fragen sich, was ihn oder sie an Ihrem Unternehmen bzw. an der zu besetzenden Stelle begeistern könnte.
Tips: Gehen junge Menschen anders an die Jobsuche heran?
Nives Haag:Viele junge Menschen suchen gar nicht aktiv nach einer neuen Stelle, sondern werden bereits proaktiv vom zukünftigen Arbeitgeber abgeworben. Aus diesem Grund verlieren die typischen Jobportale massiv an Relevanz, weil sie sich ja ausschließlich an aktiv suchende Bewerber richten. Hier ist es als Unternehmen entscheidend, nicht darauf zu warten, zufällig gefunden zu werden, sondern entweder aktiv auf potenzielle Kandidaten zuzugehen oder mit entsprechenden Werbemaßnahmen auf sich aufmerksam zu machen. Die Identifikation mit dem Unternehmen wird immer wichtiger. Vor allem authentische Einblicke in Ihren Arbeitsalltag können dafür sorgen, dass sich genau die richtigen Menschen angesprochen fühlen und ihr Interesse geweckt wird – idealerweise so weit, dass es jemanden zu einem Jobwechsel motiviert.
Tips: Welche neuen, innovativen Methoden gibt es für die Personalsuche?
Nives Haag: Die Personalsuche wird in Zukunft zunehmend aus Marketingsicht betrachtet werden müssen. Nicht die Kandidaten bewerben sich auf einen Job, sondern das Unternehmen bewirbt die Stelle – ähnlich, wie es auch seine Produkte oder Dienstleistungen bewirbt, um Kunden zu gewinnen. Stichwort: Employer Branding. Alles, was darauf einzahlt, dass sich die Firma für ihre Mitarbeiter als attraktiver Arbeitgeber positioniert und dies auch wahrhaftig lebt und nicht nur so tut, als ob. Die sozialen Medien haben auch für die Mitarbeitergewinnung ein riesengroßes Potenzial, das man unbedingt nutzen sollte. Beim Corporate Influencing geht es darum, dass einzelne Mitarbeiter über ihren Alltag im Job berichten, damit auch Außenstehende einen realistischen Einblick in das Unternehmen bekommen.
Inwieweit kann die Künstliche Intelligenz fürs Recruiting genutzt werden?
Nives Haag:Die Möglichkeiten, KI bei der Personalsuche zu verwenden, werden – wie in allen anderen Bereichen – jeden Tag mehr. Stand heute kann die KI z.B. dabei helfen, die Zielgruppe besser kennenzulernen und zu verstehen, Jobbeschreibungen und -titel (neu) zu formulieren, Werbebilder und -texte zu gestalten, Ideen für weitere Maßnahmen zu generieren und vieles mehr. Durch Technologie im Allgemeinen können Prozesse beschleunigt oder verschlankt werden, die Kommunikation und Vorselektion kann teilweise oder auch ganz automatisiert werden, Daten können ausgelesen und zusammengefasst werden: Das alles kann den Arbeitsalltag enorm erleichtern und Zeit sowie Kosten einsparen. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass die KI uns Menschen nicht ersetzen wird, sondern lediglich ein Beschleuniger ist bzw. als Inspiration dient. Der relevanteste Faktor ist immer noch die Person, die die KI mit den entsprechenden Informationen „füttert“ und die Ergebnisse richtig interpretiert.
Wir leben in spannenden Zeiten, die uns Möglichkeiten eröffnen, von denen wir in der Vergangenheit nur träumen konnten. Mithilfe der sozialen Medien können wir in kürzester Zeit zig Tausende Menschen erreichen – eine Reichweite, für die man in der realen, physischen Welt stark eingeschränkt wäre und Unmengen an Budget investieren müsste. Es gibt also Licht am Ende des Tunnels.


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