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Migrantinnen: „Niemand verlässt einfach so seine geliebte Heimat“

Leserartikel Gerlinde Riegler-Aspelmayr, 11.04.2023 11:26

PERG. Sprache ist der Schlüssel zu gelingender Integration. Tips besuchte einen Deutschkurs „der anderen Art“ und lernte eine Gruppe von starken Frauen mit bewegenden Schicksalen kennen. Alle haben eines gemeinsam: Sie wollen sich schnell integrieren und in Österreich ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten.

Martina Bangerl (vorne) mit ihren fleißigen Schülerinnen (Foto: Riegler-Aspelmayr)
  1 / 3   Martina Bangerl (vorne) mit ihren fleißigen Schülerinnen (Foto: Riegler-Aspelmayr)

Die Schulkinder sind längst zuhause, doch mittwochs und donnerstags brennt auch abends Licht in der Perger Mozartschule. Nun sind es Erwachsene, die hier lernen – und zwar freiwillig. Zweimal pro Woche bietet die Volkshilfe unter dem Namen „KoKo“ gratis Kommunikations- und Konversationskurse für Migrantinnen an. Dabei handelt es sich nicht um klassische Deutschkurse, in denen Vokabel und Grammatik nach genauem Lehrplan vermittelt werden.

„Manchmal nehmen wir gar keinen ,Stoff‘ durch, sondern wenden uns im gemeinsamen Gespräch aktuellen Themen zu, die die Teilnehmerinnen gerade beschäftigen“, sagt Martina Bangerl. Sie ist pensionierte Deutschlehrerin und hält die Perger „KoKo“-Kurse abwechselnd mit Helga Davy, der Initiatorin und Organisatorin des Projekts.

Persönlichen Schicksalen wird Raum gegeben

Solche aktuellen Themen gäbe es oft. Als etwa in der Türkei die Erde bebte und enormes Leid anrichtete, waren die Kursteilnehmerinnen – zwei kommen direkt aus der Türkei – tief betroffen und dankbar über die Möglichkeit, sich darüber aussprechen zu können. Auch über die Teuerung wurde im Deutsch-Unterricht intensiv debattiert. „Persönlichen Schicksalen wird hier ebenfalls Raum gegeben“, sagt Bangerl.

Kursteilnehmerinnen helfen einander gegenseitig

Vor zwei Monaten sei etwa der Mann einer Kursteilnehmerin plötzlich verstorben. Anna, so die nunmehrige Witwe aus Weißrussland, sei von heute auf morgen ganz auf sich allein gestellt gewesen. „Es war sehr bewegend und berührend, mitzuerleben, wie die ganze Gruppe versucht hat, Anna in diesen schweren Stunden beizustehen“, so die Deutschlehrerin. Die gegenseitige Unterstützung der Frauen in der Gruppe ginge oft auch nach Kursende weiter und die Teilnehmerinnen seien zu echten Freundinnen geworden. „Ein mehrfacher Gewinn, denn durch die unterschiedlichen Herkunftsländer ist die deutsche Sprache das verbindende Kommunikationsmittel“, sagt die pensionierte Pädagogin.

Flucht aus Syrien: „Es war ein Alptraum“

Gemeinsam haben alle Teilnehmerinnen, dass sie bereits enorm Belastendes erlebt haben. Amina erzählt etwa von der Flucht aus Syrien. „Es war ein Alptraum. Niemand verlässt einfach so sein geliebtes Heimatland. Aber als Kurden hatten wir dort keine Chance. Wir sind nur aus einem Grund gegangen: Damit unsere Kinder in Frieden aufwachsen können und eine Zukunft haben“, sagt sie.

Ihr Mann habe bereits gut in Oberösterreich Fuß gefasst und in Bad Kreuzen eine Stelle als Lehrer gefunden. Wenn die Kinder aus dem Gröbsten heraus seien, wolle auch sie – dank des Deutschkurses – beruflich hier durchstarten. Immerhin habe sie in Syrien Wirtschaft studiert. Der hohe Grad an Bildung, den sie in ihrer Heimat genossen, ist eine weitere Gemeinsamkeit der Kursteilnehmerinnen. Viele haben in ihrem Herkunftsland studiert. Eine Tatsache, die manche sogar beschämt. „Denn hier musste ich anfangs als Putzfrau arbeiten“, sagt eine Teilnehmerin.

Doch man sei grundsätzlich froh und dankbar, Arbeit und eine Chance bekommen zu haben, hier sein zu können, sind sich alle Besucherinnen des Deutschkurses einig. Überhaupt sind sie voll des Lobes für die Menschen in Österreich. „Die meisten sind nett und freundlich.“

Mühlviertler Dialekt als sprachliche Hürde

Was sprachlich hier am schwierigsten sei? „Eindeutig der Dialekt!“, antworten die „Schülerinnen“, die aus der Ukraine, Syrien, Weißrussland, Lettland und der Türkei stammen, fast gleichzeitig. Ihre diesbezügliche Bitte an die Mühlviertler Bevölkerung nimmt sich bescheiden aus: „Es wäre uns geholfen, wenn die Menschen hier etwas langsamer mit uns sprechen könnten und ein paar hochdeutsche Wörter einbauen würden. Dann könnten wir uns schneller verstehen und unsere erlernten Kenntnisse besser anwenden.“

Freie Plätze in St. Georgen/Gusen

„KoKo“-Kurse werden im Bezirk Perg auch in St. Georgen an der Gusen im „Haus der Erinnerung“ immer dienstags, mittwochs und donnerstags ab 17.30 Uhr angeboten. Es gibt dort noch freie Plätze. Anmeldung und Info bei Andrea Wahl 0660 6080294. Speziell an Frauen richten sich auch die „Mama lernt Deutsch“-Kurse der Volkshochschule.


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