Corona-Krise: Die psychische Belastung für Kinder und Jugendliche ist enorm

Rosina Pixner Tips Redaktion Rosina Pixner, 08.03.2021 09:41 Uhr

RIED. Der Austausch mit Gleichaltrigen und der regelmäßige Schulbesuch sind wichtige Elemente des kindlichen Alltags. Die verordneten Corona-Maßnahmen haben viele Leben gerettet aber auch vielen das Leben erschwert. Die Lockdowns haben den Alltag von Kindern und Jugendlichen sehr stark eingeschränkt. Wie sich diese Belastung auf die kindliche Psyche auswirkt, haben wir Mag. Lucia Angleitner und Primar Andreas Wimmer  gefragt.

Andreas Wimmer ist Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Krankenhaus Ried und Lucia Angleitner ist klinische Psychologin am Krankenhaus Ried.

 

Tips: Wie wirkt sich die seit einem Jahr andauernde Pandemie auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen aus? Welche Symptome nehmen Sie vermehrt wahr?

Wimmer: Die Pandemie wirkt sich bei vielen Kinder durch verschiedene Symptome aus. Man hat angenommen, dass sich die Kinder an die Unsicherheiten der Pandemie gewöhnen würden, das ist aber nicht der Fall. Häufig sind Kopfschmerzen, Ängste und Sorgen und Niedergeschlagenheit. Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Donau-Universität-Krems zu diesem Thema die 3000 Schüler im Alter von 14 – 18 Jahren im Februar 2021 befragt hat. Bei dieser Befragung hat mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler angegeben an depressiven Symptomen und Ängsten zu leiden, ein Viertel unter Schlafstörungen und 16% gaben sogar suizidale Gedanken an. Diese Symptome haben sich im Vergleich zu früheren Studien vervielfacht und sind besorgniserregend.

Angleitner: Durch diese Studie wird objektiviert, dass die psychische Belastung mit Dauer der Pandemie bei Jugendlichen deutlich zunimmt – für jüngere Kinder ist uns aktuell keine Studie bekannt.  Hier möchten wir mutmaßen, dass sich vor allem die fehlende zeitliche Perspektive für Jugendliche wie auch Erwachsene als zunehmend belastend darstellt. Darüber hinaus sind bei unseren PatientInnen derzeit Überforderungsgefühle im Zusammenhang mit dem Homeschooling häufiges Thema. Vor allem Oberstufenschüler beklagen Hilflosigkeitsgefühle, wenn Arbeitsaufträge am Wochenende oder in den Abendstunden einlangen. Als Aufnahmegrund ergeben sich hier häufig anhaltende Kopfschmerzen, Schwindel oder eher diffuse körperliche Beschwerden. Ein häufiges Symptom sind auch Zwangsgedanken und Zwangshandlungen im Sinne von Sauberkeits- und Sicherheitszwängen. Solche können sich als Antwort auf seelische Unruhe und Ängste zeigen. Mit diesen Handlungen wird versucht die emotionale Verfassung zu stabilisieren. Zwangshandlungen äußern sich z.B. im häufigen Kontrollieren ob die Haustüre abgeschlossen ist oder Elektrogeräte abgeschaltet sind. Andere Kinder achten penibel auf Hygieneregeln und waschen sich häufig die Hände.

Tips: Sind strenge Kontaktbeschränkungen nicht auch so etwas wie Barrieren für den kindlichen Spieltrieb?

Wimmer: Durch die derzeitigen Abstandsregeln wird der persönliche Kontakt unter den Schülern und Freunden natürlich stark eingeschränkt und daher verlagern sich die Treffen der Schüler zunehmend in die sozialen Medien. Die Hälfte der SchülerInnen verbringen täglich fünf oder mehr Stunden am Smartphone. Darüber hinaus kommt durch das Homeschooling noch weitere Bildschirmzeit dazu. Aber auch das Gesundheitsverhalten an sich wird deutlich schlechter. Sehr viele Kinder haben weniger Bewegung und Sport im Freien und manche betreiben durch die fehlende Turnstunde gar keinen Sport mehr.  Durch die fehlende Bewegung und dazu die steigende Handy- und Mediennutzung nehmen auch die psychischen Beschwerden deutlich zu.

Tips: Reagieren Kinder anders auf die Pandemie als Erwachsene?

Angleitner: Insgesamt hängt die Reaktion stark vom Individuum, vom Alter und von der sozialen Situation ab. Je jünger Kinder sind, umso stärker orientieren sie sich in der Verarbeitung und Bewältigung an den emotionalen Reaktionen und Verhaltensweisen der erwachsenen Bezugspersonen.  Jüngere Kind reagieren eher mit körperlichen Beschwerden und „Unwohlsein.“ Sie können auf die Belastungen mit mehr Anhänglichkeit oder aber auch Rückzug reagieren. Ältere Kinder und Jugendliche sind nicht mehr so stark auf ihre Eltern bezogen und werden mehr von Gleichaltrigen beeinflusst. Ab dem Schulalter zeigen Kinder z.B. vermehrt Traurigkeit, Konzentrationsprobleme, schlechten Schlaf oder Antriebsstörungen. Eine weitere zusätzliche Herausforderung zeichnet sich bei älteren Kindern und Jugendlichen durch eine Konfrontation mit zunehmend lauter werdenden Gegnern der Corona-Maßnahmen ab. Ein bisher stabiler Bewältigungsmechanismus kann dadurch ins Wanken geraten und die Orientierung für Jugendliche in der ohnehin schon herausfordernden Situation erschweren.

Tips: Was können Eltern tun, wenn sie psychische Auffälligkeiten beobachten?

Angleitner: Ein Ansprechen der Beobachtungen und damit verbundener Sorgen sollte einfühlsam und zeitnah erfolgen. Vor allem wenn ein sozialer Rückzug beobachtet wird, sollten Eltern versuchen mit ihrem Kind ins Gespräch zu kommen. Lassen Sie es erzählen und zeigen sie, dass sie die Gedanken und Sorgen ernst nehmen. Reden schafft oft mehr Entlastung als man denkt. Auch ist es aktuell besonders wichtig den Fokus in der Familie immer wieder auf die Fähigkeiten des Kindes und bereits positiv Bewältigtes zu lenken und die Kinder in ihren täglichen Leistungen anzuerkennen.

Wimmer: Wichtig ist es die Beschwerden der Kinder ernst zu nehmen. Wenn die Symptome häufig auftreten oder dauerhaft werden oder auch die Schule Probleme meldet und die Eltern sich anhaltend Sorgen machen, dann soll auch der Kinderarzt oder Hausarzt kontaktiert werden.  Es gibt auch kostenlose Kontaktmöglichkeiten per Telefon die zur Unterstützung in Anspruch genommen werden können. Bei akuten Beschwerden kann natürlich auch die Kinderabteilung des Krankenhauses kontaktiert werden. Wir bemühen uns dann immer gemeinsam für die Kinder und die Familien eine Entlastung zu erreichen

Tips: Was würden Sie Eltern raten, wenn sie mit ihren Kindern über die Corona-Krise sprechen? Wie können sie den Kindern Ängste nehmen?

Wimmer: Hören Sie den Kindern zu und nehmen Sie sich Zeit die Fragen altersentsprechend und wahrheitsgemäß zu beantworten. Die Eltern sollen sich mit den Kindern beschäftigen und gemeinsam auch Aktivitäten im Freien einplanen, die Spaß machen aber trotzdem den Hygieneregeln entsprechen. Auch der Humor stellt aktuell eine besonders wichtige Säule dar. Die Kinder dürfen sich mit Ihren Sorgen nicht allein gelassen fühlen.  Zudem sollte man sämtliche Strategien, welche im Alltag stabile Strukturen bieten, stärken.

Tips: Gibt es im Bezirk Ried eine Notbetreuung bzw. eine Notanlaufstelle?

Angleitner: Jugendliche können sich rund um die Uhr unter der Telefonnummer 0732/2177 bei der Krisenhilfe OÖ Unterstützung holen. Auch den Eltern steht dieser Service als Akuthilfe in Notsituationen zur Verfügung. Auch die bewährten Telefonhotlines wie Rat auf Draht unter 147 und der Kindernotruf unter 0800 567 567 stehen rund um die Uhr kostenlos und anonym zur Verfügung.

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