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Da wird der Bürgermeister zum Möbelhändler: Wie die Ukraine-Hilfe funktioniert

Martina Gahleitner, 13.04.2022 04:11

BEZIRK/PUTZLEINSDORF. An die 200 Menschen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet sind, haben im Bezirk Rohrbach ein sicheres Zuhause gefunden und hier einen Antrag auf Grundversorgung gestellt. Die großteils Mütter mit ihren Kindern leben verstreut im gesamten Bezirk, in etwa drei Viertel der Rohrbacher Gemeinden stehen die zur Verfügung gestellten Quartiere aber noch leer.

Die Hilfsbereitschaft für Menschen aus der Ukraine ist groß. (Foto: calypso77 / stock.adobe.com)
  1 / 2   Die Hilfsbereitschaft für Menschen aus der Ukraine ist groß. (Foto: calypso77 / stock.adobe.com)

Allein 20 Menschen aus der Ukraine leben in Putzleinsdorf. Hier hat Bürgermeister Bernhard Fenk bereits eine Woche nach Kriegsbeginn begonnen, leerstehende Häuser und Wohnungen zu suchen und zu adaptieren. „Ich bin kein Freund von großen Quartieren, die Inte­gration funktioniert nur über kleine mit Familienanschluss“, ist er überzeugt. „Wir haben für den Einzug alles hergerichtet, denn die Leute kommen ja nur mit einem kleinen Koffer. Über WhatsApp haben wir Betten, Kästen, Tische, Geschirr organisiert und auch der Verein HiKöDe (Hilfsprojekt Königsfeld Deutsch Mokra) hat uns gut unterstützt. Online haben wir auch alle billigen Waschmaschinen in der Region eingekauft. Da wirst du vom Bürgermeister zum Möbelhändler“, berichtet der Putzleinsdorfer Ortschef von den zeitaufwändigen Anfängen. Mittlerweile hat die Gemeinde schon ein eigenes Lager für Elektrogeräte eingerichtet.

Fenk unterstützt die neuen Gemeindebürger auch bei den Kindergarten- und Schulanmeldungen oder bei der Jobsuche. „Die Frauen dürfen und wollen alle arbeiten gehen und ich habe auch schon Anfragen von den heimischen Betrieben. Problem ist aber die Kinderbetreuung, denn der Kindergarten ist voll. Da müssen wir uns noch was überlegen“, sagt Fenk. Nach Ostern soll außerdem ein Deutsch-Kurs für die Erwachsenen starten.

Offene Herzen, offene Türen

Die Putzleinsdorfer selbst stehen den Neuankömmlingen offen gegenüber. „Es gebe auch noch weitere bezugsfertige Plätze bei uns und in vielen anderen Gemeinden, aber die Zuteilung funktioniert nicht so recht. Es sind viele freie Quartiere in Oberösterreich gemeldet, in die niemand einzieht“, wundert sich Bernhard Fenk.

Weniger Ankömmlinge

Das mag vermutlich auch daran liegen, dass sich der Flüchtlingsstrom nach der Anfangswelle stabilisiert hat: Rund 200 Personen sind aktuell noch in Notunterkünften und werden von dort den Quartiergebern zugewiesen. Mehr als 2.000 Personen sind in OÖ bereits über die Nachbarschaftshilfe an Private vermittelt worden; mehr als 5.700 ukrainische Staatsbürger haben hier ihren Hauptwohnsitz angemeldet. „Oberösterreich hat rasch und unkompliziert vertriebenen Menschen aus der Ukraine geholfen. Danke allen, die helfen und Wohnraum zur Verfügung stellen. Keiner kann sagen, wie sich die Situation entwickelt. Aktuell nehmen die Flüchtlingsströme ab, wir bleiben aber weiterhin vorbereitet und können jederzeit helfen.“ Verständlich ist natürlich, dass die Menschen nicht zu weit weg von ihrer Heimat wollen – in der Hoffnung, dass sich die Lage bald bessert und sie zurückkehren können.

Volkshilfe übernimmt Betreuung

Die Flüchtlingsbetreuerinnen der Volkshilfe bestätigen, dass schon mancher Ukrainer wieder heimgereist ist. Bei Lucia Peinbauer und Michaela Stadlbauer laufen die Fäden zusammen, sobald die Neuankömmlinge registriert und bei der Gemeinde angemeldet sind. „Dann kommen sie zu uns und wir stellen einen Antrag auf Grundversorgung“, beschreibt Peinbauer. An die 200 Anträge wurden bereits verschickt, davon 67 für Kinder unter 15 Jahren. „Wir haben aber das Problem, dass die Bearbeitung beim Land OÖ drei, vier Wochen dauert, in denen wir kein Geld auszahlen dürfen. Dabei wäre das gerade am Anfang wichtig.“

Mittlerweile wurden schon die ersten „Ausweise für Vertriebene“ ausgegeben, die ein Jahr lang gültig sind und mit denen die Menschen Arbeitsmarktzugang bekommen. Auch hier helfen die Volkshilfe-Mitarbeiterinnen, ebenso wie bei Schul- oder Kindergartenfragen, bei medizinischen Angelegenheiten und sie zahlen die Grundversorgung in bar aus.

„Wir behandeln alle gleich“

Peinbauers Erfahrung nach den ersten Wochen: „Die Hilfsbereitschaft ist groß, aber es rennt nicht ganz rund.“ Damit spricht sie vor allem auch die Schieflage beim Umgang mit geflüchteten Menschen aus der Ukraine und jenen aus Syrien, Afghanistan oder anderen Ländern an. „Wir machen keinen Unterschied, woher unsere Klienten kommen, ob sie Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlinge sind – die Bevölkerung und auch die Behörden jedoch schon“, macht die Flüchtlingsbetreuerin, die seit 18 Jahren in diesem Bereich tätig ist, deutlich. Ukrainer etwa dürfen gleich arbeiten, sie dürfen gratis mit den Öffis fahren, bekommen Gutscheine und ohne Deutschnachweis eine Privatwohnung. „Alles konzentriert sich auf die ukrainischen Menschen. Für unsere Klienten ist nicht verständlich, warum andere so viel mehr wert sind als sie“, sagt Lucia Peinbauer.

Sie und ihre Kollegin Michaela Stadlbauer würden sich auch mehr Kapazitäten wünschen. „Krank werden darf keine von uns, denn wir betreuen derzeit 600 Leute.“ Dabei liegt der offizielle Betreuungsschlüssel bei 1:140. „Für eine richtige Betreuung braucht es mehr Zeit – derzeit sind wir eher Verwaltungskräfte.“


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