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Ausstellung und Zeitzeugenprojekte machten Geschichte für Schärdinger Schüler erlebbar

Michaela Aichinger, 10.02.2026 15:00

SCHÄRDING. Eine Woche lang war im Rahmen der Zeitzeugentage im Schulzentrum Schärding die NS-Ausstellung „Lebendige Geschichte“ zu sehen. Zusätzlich fanden auch Zeitzeugenprojekte statt.

NS-Ausstellung in der Aula der Bildungseinrichtung BG/BRG/BORG und BHAK in Schärding (Foto: FMZ)
  1 / 6   NS-Ausstellung in der Aula der Bildungseinrichtung BG/BRG/BORG und BHAK in Schärding (Foto: FMZ)

Zwölf Ausstellungstafeln in der Aula der Bildungseinrichtung BG/BRG/BORG und BHAK informierten über die Opfergruppe mit dem „Lila Winkel.“

Mit einem „Lila Winkel“ waren die Bibelforscher, wie damals Jehovas Zeugen genannt wurden, in den Konzentrationslagern gekennzeichnet, weil sie sich geschlossen und aus christlicher Überzeugung gegen das Hitlerregime stellten.

Die Schuld des Vergessens

Die Ausstellung stand unter dem Motto: „Es gibt die erste Schuld, die Schuld des Verbrechens und die zweite Schuld, die des Vergessens und Verdrängens von Verbrechen.“

Die 947 Schärdinger Schüler erfuhren die Geschichten jener Kinder und Jugendlichen, die Terror, Gewalt und Misshandlungen ertragen mussten, weil sie ihrem Gewissen folgten.

Aus biblischer Überzeugung lehnten sie den Wehrdienst ab, arbeiteten nicht in der Rüstungsindustrie und grüßten nicht mit „Heil Hitler.“ 

Erziehungsanstalt „Am Spiegelgrund“

Besonders betroffen machte der Bericht über die Erziehungsanstalt „Am Spiegelgrund“ in Wien. Kinder und Jugendliche, die nicht dem NS-Idealbild entsprachen, erlebten dort unmenschliches Leid.

Von 1940 bis 1945 wurden „Am Spiegelgrund“ 789 Kinder und Jugendliche systematisch ermordet, da sie aus Sicht des Nationalsozialismus als „lebensunwert und bildungsunfähig“ galten und für das System nur „Dauerkosten“ verursachten.

Blick nach vorne

Die Ausstellung erzählte jedoch nicht nur über die Gräuel der NS-Zeit. Sie möchte die Hand reichen und nach vorne schauen. Mit der Überschrift „Für die Zukunft lernen, damit es eine Zukunft gibt“ verließen die Schüler diese Ausstellung mit Ideen für eine Schubumkehr im Denken: Aus Gewalt wird Liebe, aus Rassismus Solidarität, aus Hass Respekt, aus Gruppenzwang Toleranz, aus Mobbing Hoffnung, aus Ausgrenzung Menschlichkeit, und aus Krieg wird Frieden.

Zeitzeugenprojekt in der BHAK Schärding

Zusätzlich zur Ausstellung hörten in der BHAK Schärding rund 160 Schüler den Zeitzeugenbericht über Ernst Reiter, der als Bibelforscher (wie damals Jehovas Zeugen genannt wurden) nach 1.600 Tagen im Konzentrationslager Flossenbürg schwer traumatisiert nach Hause kam.

Seine Tochter, Judith Ribic, erzählte Einzelheiten vom Lageralltag und wie ihr Vater nach dem Krieg das Erlebte verarbeitete.

Esther Dürnberger, Referentin des Vereins „Lila Winkel“, begleitete die Zeitzeugin der zweiten Generation und zeigte historische Dokumente. 

Schubkarre für die Schwächsten

Reiter überlebte alle Torturen ohne Verbitterung und Hass. Selbst den Todesmarsch am Ende des Krieges überstand er.

Die 23-köpfige Gruppe der Bibelforscher mit dem Häftlingskennzeichen Lila Winkel, der Ernst Reiter angehörte, hielt eisern zusammen und jeder opferte sich für den anderen auf. So organisierten sie sich eine Schubkarre, in die sie den jeweils Schwächsten unter ihnen legten, und alle überlebten.

Weißes Blatt – schwarzer Punkt

Judith Ribic erinnerte sich daran, dass ihr Vater sie und ihre beiden Geschwister Zusammenhalt lehrte und seine drei Töchter mahnte, mit allen Menschen gut auszukommen und das Positive zu sehen.

Noch heute denkt sie an das weiße Blatt Papier mit einem schwarzen Punkt in der Mitte. Damit lehrte der stets lebensbejahende Vater seine Töchter, alle Menschen als ein weißes Blatt Papier zu sehen, statt sich auf die Fehler, die jeder hat, zu konzentrieren.

„Kein Brot – das ist hart!“

Sehr wichtig war dem Vater auch, mit Lebensmitteln nie verschwenderisch umzugehen. Im Lager gab es nur eine ungewürzte Wassersuppe mit ungeputztem Gemüse. Im Winter war sie gefroren, im Sommer war das Gemüse verfault.

Der Hunger war sein ständiger Begleiter. Als sich die Kinder einmal über ein hartes Brot beschwerten, sagte er: „Kein Brot zu haben – das ist hart.“

Zeitzeugenprojekt in der BG-BRG-BORG Schärding

Beim Zeitzeugenprojekt in der BG-BRG-BORG Schärding wiederum wurde die Geschichte von Hermine Liska erzählt, die als anerkannte Zeitzeugin der ersten Generation 26 Jahre in Hunderten Schulen unterwegs war, ehe sie 2024 im 95. Lebensjahr verstarb.

Mit Unterstützung des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur [heute Bildung, Wissenschaft und Forschung, Anm.“ entstand eine DVD mit dem Titel „Erziehungsproblem eines Diktators.“

Mit diesem Film ist es der Referentin des Vereins „Lila Winkel“, Esther Dürnberger, möglich, die Geschichte von Hermine Liska, die auch Trägerin des Goldenen Verdienstzeichens der Republik Österreich war, authentisch nachzuerzählen.

Menschenwürde als Fremdwort

Die 49 Schüler bekamen einen Einblick in eine Zeit, in der für Andersdenkende kein Platz war und die Religionsfreiheit eingegrenzt wurde. Menschenwürde war ein Fremdwort und Ausgrenzung an der Tagesordnung.

Hermine Liska verweigerte im Alter von elf Jahren den „Deutschen Gruß“, das Singen patriotischer Lieder und den „Fahnengruß“. Sie gehörte, wie ihre Eltern, den Bibelforschern an (wie Zeugen Jehovas damals genannt wurden) und konnte aus biblischer Überzeugung Adolf Hitler nicht als „Führer“ anerkennen. Daran änderte auch die Unterbringung in einem Umerziehungsheim nichts.

Besonders angetan war die Klasse von der Standhaftigkeit der jungen Hermine Liska. Auch jahrelanger Spott und Ausgrenzung änderten nichts an ihrer Überzeugung.

„Heil Hitler“ kam er nicht über die Lippen. Nie dachte sie an Rache und bewahrte sich ihr ganzes Leben lang eine positive Einstellung. Ihre Ausstrahlung und ihr gewinnendes Lächeln überzeugten sogar von der Leinwand.


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