„Unheilige Weihnachten“: Erinnerungen an damals
SCHÖNBACH. Weihnachten, für viele unweigerlich verbunden mit einem Familienfest aber auch mit Geschenkebergen und gutem und reichlichem Essen. Schon Wochen zuvor wird gebacken, geshoppt, an den vielen vorweihnachtlichen Veranstaltungen teilgenommen. Weihnachten, wohin man blickt, nicht zu übersehen, nicht zu überhören. Kaum zu glauben, dass für viele daran vor ein paar Jahrzehnten nicht zu denken war. Buchautor Josef Janny erzählt von den anderen Weihnachten – damals.

„Weihnachten war für mich, vor allem in den Kriegsjahren, immer mit Hunger verbunden“, meint der 88-Jährige im Interview. Für Josef Janny ist diese Zeit im Jahr eine getrübte, weihnachtliche Stimmung kommt bei ihm kaum mehr auf, so findet sich in seinem Häuschen in Schönbach auch kein Christbaum. „Es bedeutet mir nichts mehr, gar nichts mehr, die Erinnerungen an diese Zeit im Krieg und in der Gefangenschaft sind zu stark. Nach meiner Heimkehr aus der russischen Gefangenschaft feierte ich zwar mit meiner Mutter, aber so fröhlich wurde es nie mehr, Weihnachten war für mich vorbei“, resümiert der gebürtige Schönbacher.
In seinem neu erschienenen Buch „... damals im Tausendjährigen Reich“ widmete Janny sich seinen noch taufrischen Erinnerungen an die Kriegszeit, es war ein „Von-der-Seele-schreiben“, ein Aufarbeitungsprozess. Und unter anderem thematisiert er in einem Kapitel auch das Fest rund um die Geburt Christi.
Kriegsweihnachten
In ärmlichen Verhältnissen in Schönbach aufgewachsen, wurde er schon als kleiner Junge – sein Vater verstarb früh – mit der bitteren Realität konfrontiert. An der unteren Armutsgrenze angelangt, fiel Weihnachten dementsprechend bescheiden aus, Geschenke gab es kaum, ein kleines Christbäumchen wohl schon. „Es war halt ein billiges Weihnachten, aber gefreut haben wir uns Kinder trotzdem darauf“, meint Janny. Ich hab schon als Kind begriffen, dass das Christkind es nur mit den reichen Leuten gut meint.“Alles änderte sich schlagartig mit dem Anschluss an das Großdeutsche (tausendjährige) Reich. Ein anständiger Nationalsozialist hatte damals aus der Kirche auszutreten, komischerweise haben sich genau diese von prunkvollen Weihnachtsfeiern in keinster Weise distanziert, im Gegenteil, erläutert der 88-Jährige. Pompös sei gefeiert worden, darin sehe er auch gewisse Parallelen zur heutigen Zeit: Denn obwohl der religiöse Glaube mehr und mehr schwindet, nimmt der Trubel und Rummel um das Fest von Jahr zu Jahr zu.
„Unheilige Nacht“
Janny wurde schließlich mit 17 Jahren einberufen, man schrieb das Jahr 1944. Da wurde das christliche Geburtsfest vom Regiment noch groß gefeiert, Weihnachtslieder wie Stille Nacht fielen aus dem Repertoire, bevorzugt wurden Volks- und Marschlieder. Auf die Wehrmachtsmitglieder wartete ein kleines Päckchen mit Süßigkeiten. 1945, das Großdeutsche Reich zerfiel, und Janny saß hinter Stacheldraht, in russischer Gefangenschaft, der dortige Lagerkommandant verbot jegliche Weihnachtsfeierlichkeiten. „Wir arbeiteten, froren und hungerten an diesem 24. Dezember wie an jedem anderen Tag auch“, erinnert sich der 88-Jährige. „Ich glaube, dass wir damals an jenem „unheiligen Abend“ nicht einmal in Gedanken irgendwelchen sentimentalen Erinnerungen oder Sehnsüchten nachhingen – wir waren wohl zu müde, hungrig und verbraucht, und wahrscheinlich auch bereits zu sehr abgestumpft...“
Hunger war allgegenwärtig, der Nahrungsmittelmangel machte den Gefangenen in den kommenden Monaten schwer zu schaffen. So mancher Körper war gar arg zusammengeschrumpft, dass es für ein Weiterleben nicht mehr reichte. Zu Weihnachten 1946 war Josef Janny bereits im dritten Lager. Dank der dortigen verständigen Leitung konnte eine Weihnachtsfeierlichkeit organisiert werden. Bereits Wochen zuvor wurde von den täglichen, klein bemessenen Essensrationen kontinuierlich etwas abgezwackt, um am 24. Dezember ein „Festmahl“ servieren zu können. Jeder durfte sich schließlich über 250 Gramm Kascha (Grützebrei) und ein handtellergroßes Plätzchen freuen. „Es war eine Spur von Zucker, Fett und Gewürzen zu schmecken, das war das erste Mal, dass wir nicht ganz hungrig schlafen gingen“, meinte der Buchautor. Und seit Langem erklang auch wieder „Stille Nacht“, gesungen wurde mit tränennassen Augen. Denn die Feierlichkeiten fernab der Heimat waren sehr getrübt, starb doch ein guter Kamerad an diesem Heiligen Abend.
Rückkehr in die Heimat
Jetzt, etwa um diese Jahreszeit, vor knapp 70 Jahren, 1947, war die Gefangenschaft zu Ende und Weihnachten konnte nach vier Jahren wieder zu Hause gefeiert werden. „Ich war damals total weggetreten, abgestumpft, mir ist nichts durch den Kopf gegangen, wir hatten keine Zukunftspläne, nichts“, erinnert sich Janny an seine Heimkehr, mit nur mehr 45 Kilo auf den Rippen. Das Mitmachen bei dieser „Weihnachtskomödie“, wie er es betitelt, wollte zuhause dann nicht mehr so recht gelingen, denn „durch den Krieg haben wir Komödie verlernt“. Auch den religiösen Glauben habe er in der Gefangenschaft verloren, ein guter Gott könne nicht so viel Elend zulassen, ist er überzeugt. Wenn er sich allerdings etwas wünschen dürfte, dann wäre das Gesundheit.Das kommende Weihnachtsfest wird wieder nahezu spurlos an Josef Janny vorbeigehen, wohl werden liebe Bekannte vorbeikommen. Aber wie er in seinem Buch zusammenfasst: „Wenn in unseren Breiten alljährlich wiederum dieses gigantische Schauspiel, das sich „Weihnachten“ betitelt, mit großem Pomp veranstaltet wird und die meisten Leute da so voll vom Weihnachtstress erfasst werden, dass sie für nichts anderes – nicht einmal zum Nachdenken – mehr Zeit haben, da hat man bei dieser hektischen und „ach, so fröhlichen“ Weihnachtsstimmung selbstverständlich auch schon längst vergessen, dass es einmal – damals – auch andere Weihnachten gab...“
Neuerscheinung: ...damals im „Tausendjährigen Reich“, Autor: Josef Janny, Verlag Ferdinand Berger & Söhne GmbH


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