Für Wohnungssuche: „Österreichs Don Camillo“ läutete Sturm
ST. GEORGEN. Vor wenigen Wochen setzte der Pfarrer von Fehring in der Steiermark mit Glockengeläute ein Zeichen gegen Fremdenhass. Er störte damit eine Versammlung rechtsextremer Anhänger, die sich auf dem Hauptplatz versammelt hatten. Ob ihm die vergleichbare Aktion im Jahr 1955 von Pfarrer Felix Baumgartner in St. Georgen im Attergau bekannt war, darf bezweifelt werden.

„Österreichs Don Camillo“, so nannte die „Bunte Illustrierte“ den Pfarrer von St. Georgen, löste am 29. Jänner 1955 einen Eklat aus, der eine Vielzahl von Journalisten aus halb Europa nach St. Georgen lotste.
Pfarrer Baumgartner suchte im Herbst 1954 eine Wohnung für eine arme Flüchtlingsfamilie, damit diese den Winter nicht in einer fürchterlichen Baracke verbringen muss. Da ihm dies nicht gelang, setzte er eine eindrucksvolle Aktion.
Bei der Sonntagspredigt verkündete er, dass er zu Mittag die Glocken eine Viertelstunde lang läuten wird, aber dann sollen sie stumm bleiben, bis eine Wohnung zur Verfügung gestellt wird. Auch die Orgel soll nicht gespielt werden und das Hauptportal der Kirche geschlossenen bleiben. Für die wenigen Christen reiche auch die Sakristeitür.
Die Aktion zeigte Wirkung: Nach nur zwei Tagen stellte der Gastwirt Seiringer (heute Attergauhof) zwei leerstehende Gästezimmer zur Verfügung.
Die Presse war aber schon aufmerksam geworden und berichtete über den resoluten Pfarrer. In der Folge erschienen Journalisten aus halb Europa, um Fotos und Interviews zu machen. Der Pfarrer verweigerte. Der deutsche „Stern“ schrieb: „Der Pfarrer von St. Georgen hängt das Flüchtlingselend an die große Glocke“ und die „Bunte Illustrierte“ titelte „Österreichs Don Camillo läutet Sturm“. Sogar deutschsprachige Blätter in Brasilien, Chile und Australien berichteten.
Der in Frankreich lebende Dichter Frank Zwillinger, bekannt durch sein Drama „Galileo Galilei“, verewigte den Pfarrer Baumgartner im Werk „Der Streik Gottes“.
60 Jahre nach dieser Episode ist es offensichtlich immer noch notwendig, mit Glockengeläute an das christliche Gebot der Nächstenliebe zu erinnern.
Infos: www.atterwiki.at


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