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KIRCHBERG AN DER PIELACH. „Europa wozu?“ – Die Frage der diesjährigen Kardinal König-Gespräche in Kirchberg/Pielach hätte laut dem Festredner und langjährigem Europa-Abgeordneten Othmar Karas gar nicht treffsicherer und aktueller sein können - nicht nur aufgrund der Flüchtlingsströme, die niemanden kalt lassen können.  

Diskussion im Rahmen des Kardinal König-Gesprächs Foto: Wolgang Zarl
  1 / 3   Diskussion im Rahmen des Kardinal König-Gesprächs Foto: Wolgang Zarl

Das Jahr 2015 markiert laut Karas viele Umbrüche: Syrien-Konflikt, gescheiterter arabische Frühling oder Jobverluste. „Die Antworten erwarten wir meistens von der Europäischen Union. Europäische Probleme können nur über Europa gelöst werden. Man muss aber dann auch darüber diskutieren, ob Europa die Mittel und die Kompetenzen bekommt, die man zur Problemlösung braucht“, betont Karas. Die Europäer seien mitverantwortlich für EU-Entscheidungen, da bei allen Entscheidungen die Bundesregierung, der Nationalrat und die EU-Abgeordneten mitstimmen und somit bei allen Entscheidungen dabei seien. „Europa wozu?“ sei auch immer eine Frage an jeden einzelnen selbst, jeder sei Teil des Projektes und darum auch mitverantwortlich. „Kardinal König (1905-2004) hat das schon im Jahr 1983 – also sechs Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhang – gewusst, als er dazu aufrief: „Wir müssen über Europa sprechen!“, erinnert Karas.

Konkrete Tatsachen und GestaltungswilleFrüher seien Karas zufolge große Politiker viel realistischer gewesen als der heutige Zeitgeist. „Europa wird durch konkrete Tatsachen und durch Gestaltungswillen wachsen und gedeihen. Vieles kann kein Staat alleine bewältigen, egal wie groß, reich und stark er ist, es braucht Solidarität im Kleinen und Großen“, unterstreicht der langjährige Europa-Abgeordnete.

Eine handlungsfähige EU müsse dies managen, weil man immer eine Plattform und einen Motor brauche, der sich um diese Probleme kümmere; Europa sei mehr als ein Kontinent, vielmehr sei es eine Idee und Existenzfrage, gespeist aus den Erfahrungen der Geschichte und dem Weitblick von Männern und Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Niederösterreich und die Teilung EuropasNiederösterreich habe laut Karas am meisten unter der Teilung Europas gelitten, da es die lange Grenze zum ehemaligen Ostblock gegeben habe. Sei diese Region ehemals am Rande gelegen, liege sie nun in der Mitte und sei jetzt eine Region der Chancen, die massiv von EU-Geldern profitiere. Karas kritisierte bei dieser Gelegenheit das Vorurteil, an der berühmten Gurkenkrümmungsverordnung sei die Europäische Union schuld, vielmehr habe Österreich die Aufhebung durch Veto lange verhindert.

Große historische Aufgaben der EUKaras verwies vor vielen Interessierten auf die großen historischen Aufgaben der Europäischen Union. Der Gründungsauftrag für Frieden, Demokratie und Freiheit in Europa zu sorgen, sei erfüllt, aber müsse stets neu bewahrt bleiben. Das EU-Projekt habe weiters zur Überwindung der gewaltsamen Teilung Europas und zum Zusammenwachsen Europas geführt. Der frühere Papst Johannes Paul II. hätte dazu gesagt, Europa müsse mit beiden Lungenflügeln atmen. Laut Karas sagte Kardinal König, Europa habe nach 1989 wieder mit beiden geatmet, aber sei noch lange nicht fertig. Die EU werde bezüglich Bevölkerungsanteil und Wirtschaftskraft abnehmen, daher müssten die Europäer ihre Kräfte bündeln, künftige Auseinandersetzungen seien kontinentale und nicht nationale; Europa sei die Antwort auf die Überwindung des Nationalismus.

 Flüchtlingsströme„Europa wozu?“ Auch um die Flüchtlingsströme zu bewältigen. „Die EU braucht eine Gesamtlösung und keinen „Fleckerlteppich“ an Einzellösungen sowie ein Miteinander der EU-Länder. Ein generelles Problem ist: die Mitgliedsstaaten erlauben der EU keine eigene Sicherheits- oder Außenpolitik. Man kann alles von der EU verlangen, aber man muss ihr auch die Kompetenzen geben“, so Karas, der abschließend dazu aufrief, Europa weiter zu sehen, Ziele nicht aus den Augen zu verlieren: „Jeder soll sich als Handwerker Europas verstehen“.

 „Wir alle sind Europa“ Annemarie Fenzl, langjährige Mitarbeiterin von Kardinal König, meinte ebenfalls: „Wir alle sind Europa.“ Sie erinnerte daran, dass es ein Kernanliegen des legendären Kirchenmannes gewesen sei, die Mauern und Ängste niederzureißen. Vieles was er angesprochen habe, sei von beängstigender Aktualität, so Fenzl. Wo würde Kardinal König angesichts der Katastrophen ansetzen? Er würde wohl gesichtslose Institutionen und hilflose Politiker kritisieren. Allerdings würden hinter Institutionen Menschen stehen, die „beseelt und von unterschiedlicher Persönlichkeit sind und alle haben Herzen“. An diese Kraft des Herzens und der Liebe habe König angesetzt und hier könne er Vorbild sein. Der Grund dafür sei, dass er von Kindheitstagen an neugierig gewesen sei. Dies habe sich unter anderem darin gezeigt, dass er unterschiedliche Sprache gelernt habe und sich so mit vielen unterhalten habe können. „Seine unglaubliche Herzenskraft“, so Fenzl, „schöpfte er unter anderem aus seiner Heimat, dem Pielachtal“. Was uns alle verbinde, sei das Menschsein und das ganze Leben sei ein Voneinander-Lernen. Fenzl verwies aber auch auf das Gott-Vertrauen von Kardinal König. Dieser greife zwar nicht immer unmittelbar ein, aber er erwarte, dass jeder seine Verantwortung trägt. Der Erzbischof habe Europa als Friedensprojekt gesehen, für das es gelte, alle Kräfte einzusetzen. „Diese Kardinal König-Gespräche in Kirchberg sind so ein Beitrag“, so Fenzl.

Kardinal König war Europäer schlechthin Der Autor Heinz Nussbaumer, einst Sprecher von Kardinal König, meinte: „Europa ist heutzutage das große Thema“. Alltagssorgen sowie die Griechenland-Krise und Flüchtlingstragödie würden heute überall diskutiert. Der Kardinal sei der Europäer schlechthin gewesen. Als Brückenbauer sei er eine jene Persönlichkeiten gewesen, ohne die der Zusammenbruch des ehemaligen kommunistischen Ostblocks nicht erfolgen habe können. Er habe die Rostlöcher des Eisernen Vorhanges durch seine vielen Reisen genutzt. Nussbaumer betonte, Religion und Christentum hätten einen wesentlichen Beitrag zum Wachsen Europas geleistet. Die geistigen Wurzeln Europas würden in Athen, Rom und Jerusalem liegen sowie im christlichen Mönchstum des christlichen Europas. Überdies wäre die EU von Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide de Gaspari geprägt, die leidenschaftliche Christen gewesen seien. Das neue Europa müsse auf Dauer mehr sein, als ein Markt und Rechtsraum, es brauche auch eine Seele, so Nussbaumer. Die entscheidende Frage sei: „Wie findet das zusammenwachsende Europa diese?“ Sicher sei, dass es ein Schatz sei, dass Europa viele unterschiedliche Traditionen habe.

Kardinal König-Gespräche in Gedenken an legendären NÖ-Kirchenmann Seit 2008 sind die Pielachtal-Gemeinden Rabenstein und Kirchberg abwechselnd Schauplatz des Treffens. Mitveranstalter der Gespräche ist der Verein „Kardinal König - Glaube und Heimat im Pielachtal“. Kardinal König wurde am 3. August 1905 im Rabensteiner Ortsteil Warth geboren und am 5. August in der Rabensteiner Pfarrkirche getauft. Er besuchte die Volksschule in Kirchberg an der Pielach, von wo aus ihn sein Weg in die Weltkirche führte.Die Kardinal König-Gespräche starteten mit einem Gottesdienst, den Abt Columban Luser in der Kirchberger Pfarrkirche zelebrierte. Am zweiten Tag, Sonntag, 30. August, wurde das Kirchweihfest in der Pielachtaler Gemeinde gefeiert.


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