Kultur im Würgegriff der Krise: „Kunst ist Ausdruck unseres Zusammenlebens“
SIERNING/BAD HALL. Seit über einem Jahr ist für die Kulturszene nichts mehr wie es war. Tips sprach mit dem gebürtigen Sierninger Dirigenten und Intendanten des Festivals KLANGBADHALL Ernst Theis über die Krise und die Kunst als verhindertes Therapeutikum.

Tips:Maestro Theis, müssten Sie die Bedeutung von Kultur für die Gesellschaft in wenige Worte fassen, was würden Sie sagen?
Ernst Theis: Das gesellschaftliche Zusammenleben ist Kultur, die in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich zum Ausdruck kommt, auch in Kunst.
Sie haben kürzlich mit einer in viele Seniorenheime gestreamten Operettengala aus der Philharmonie Essen für Aufmerksamkeit gesorgt. Wie wichtig ist es dieser Tage, Zeichen des kulturellen Lebens nach außen zu schicken?
Zuerst muss ich sagen, dass es unsere heute betagten Mitmenschen sind, die uns jüngeren jene Welt aufgebaut haben, in der wir heute leben können. Sie haben ganz sicher weit mehr verdient als ein Seniorenprojekt eines einzelnen Künstlers. An den großteils regelrecht berührenden Rückmeldungen zeigte sich, welches Leben und auch welche Freude das Konzert bei den Senioren, die besonders hart von der Pandemie betroffen sind, bewirkt hat.
Denken Sie, dass es für die Kultur politisch bessere Lösungen gäbe als verwaiste Säle?
Ich wollte mit meinem Seniorenprojekt zeigen, was Kultur in der Krisenbewältigung leisten kann. Wenn die älteren Damen und Herren Vorfreude spüren, sich für das Livestream-Konzert schön anziehen, die Damen sich den Friseur kommen lassen, damit sie schick sind, wenn sie teils in Rollstühlen in den Festsaal des Seniorheims gebracht werden, dann ist das nicht ein Zusehen beim Stream. Das sind schon davor und danach Stunden eines gehobenen Seelenzustandes für diese Menschen. All das ist Beispiel dafür, was Kultur kann und soll. Nutzt man das nicht, tritt ein, was wir sehen – verunsicherte Kinder, depressive Jugendliche, Erwachsene und Senioren, Randale auf der Straße.
Die Kultur gehört in der Krise zu den am meisten in den Würgegriff genommenen Gewerben. Was macht die ständige Unsicherheit mit einer Branche?
Der Terminus „Würgegriff“ ist gut gewählt. Wenn man sieht, dass eine ganze Regierung die Möglichkeiten kultureller Aktivitäten in der Krisenbewältigung gar nicht mehr denken kann/will, bleibt einem tatsächlich die Luft weg. Sogar in Kriegen haben Regierungen Künstler zu Soldaten geschickt, um ihre Moral zu heben. Man kann das jedoch nicht nur an den augenblicklich Verantwortlichen festmachen. Vermutlich wäre es in anderen Konstellationen nicht anders. Wir wählen Regierungen. Im Grunde zeigt die aktuelle Situation, wo wir alle geistig stehen und wie unsere reiche Welt uns kulturell immer ärmer macht. Scheinbar merken wir es auch gar nicht mehr.
Wie ist die Stimmung in der Kulturszene momentan: Ist da bereits ein Gefühl von Ohnmacht?
Wir haben tatsächlich ein Arbeitsverbot, auch wenn es unsere Kunststaatssekretärin anders sieht. Ich denke an Ohnmacht, weil man mit wichtigen Verantwortlichen in kein substanzvolles Gespräch kommen kann. Dass es für stark betroffene Künstler beispielsweise einen Härtefallfonds gibt, ist natürlich wichtig. Aber glauben Sie mir, diese Künstler würden um das Geld fürs Nichtstun auch ihre Fähigkeiten in kulturelle Projekte investieren, die die Pandemie für die Menschen erträglicher machen. Was das bewirkt, hat mein Seniorenprojekt gezeigt. Ich habe es dem Kunststaatssekretariat als Ideenanstoß vorgestellt. Wie gesagt: Ohnmacht.
Was bedeutet ein so langwieriges Fehlen von Kultur im Live-Format für Künstler und Publikum?
Ich gebe dieses Interview unmittelbar nach meinem Livestream-Konzert auf dem WörtherSee Classics Festival vom 30. März – ein Konzert ohne Publikum. Ohne Zweifel eine seltsame Erfahrung. Ich hoffe, dass viele Künstler sich dadurch wieder klarer werden, dass Künstler und Publikum eine symbiotische kulturelle Liebesbeziehung sind. Fehlt einer der Partner, leiden immer beide Seiten. Genau so wie Gesellschaft und Kultur eine Symbiose darstellen. Fehlt die Kultur, wird die Gesellschaft krank, wie wir sehen. Mein Konzert vom 30. März steht noch immer frei zugänglich im Netz, falls es jemanden interessiert.
Sie sind in Bad Hall Intendant des Festivals KLANGBADHALL. Wie kann es hier weitergehen?
Zurzeit ist „Der Vogelhändler“ in Arbeit und wir gehen noch davon aus, dass wir am 18. Juni Premiere haben werden. Für die Zukunft des Festivals würde mir viel einfallen. KLANGBADHALL ist jedoch wie eine schön verzierte Kutsche, die von störrischen Böcken gezogen wird – und zwar von hinten und von vorne, was bekanntlich auch zu Stillstand führen kann.
Was wünschen Sie sich für 2021?
Ich wünsche mir, dass wir die Kultur schnellstmöglich der Pandemie angemessen und mit aller nötigen Rücksicht auf die geforderten Maßnahmen zugunsten der Psychohygiene unserer Gesellschaft wirksam werden lassen. Vielleicht können wir uns hier den Virus als Vorbild nehmen. Im Gegensatz zu uns ist er schon mehrfach mutiert, während wir nach wie vor das immer Selbe tun.
Zur Person: Ernst Theis, geboren 1961 in Sierning, ist ein international erfolgreicher Dirigent. Er war unter anderem knapp vier Jahre lang Kapellmeister der Wiener Volksopfer und arbeitete im Laufe seiner Karriere mit den St. Petersburger Philharmonikern, dem Sinfonieorchester Basel, den Warschauer Philharmonikern, etlichen Orchestern deutscher Radiostationen sowie dem RSO Wien (ORF), dem Brucknerorchester Linz, der Slowakischen Philharmonie und vielen mehr. 2003-2013 war er Chefdirigent der Staatsoperette Dresden. Seit 2017 ist er auch Intendant des Festivals KLANGBADHALL.


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