Betreuungslehrerin aus Reichenthal: „Gute Schule beginnt, wo Kinder gesehen werden“
REICHENTHAL/FREISTADT. Für viele Kinder, Eltern und Lehrer beginnt mit dem neuen Schuljahr wieder eine intensive Zeit. Betreuungslehrerin Manuela Hinterkörner (55) aus Reichenthal begleitet Schulen im Mühlviertel bei Konflikten, Sorgen und schwierigen Situationen. Sie plädiert für weniger Druck, mehr Vertrauen und mehr Zeit für Beziehungen.

Hinterkörner ist dreifache Mutter und arbeitet seit 2016 als Betreuungslehrerin. Ihr Einsatzgebiet ist die Region „Mühlviertel Mitte“. Dazu gehören Volksschulen, Mittelschulen und Polytechnische Schulen in den Bezirken Urfahr-Umgebung und Freistadt. Sie unterstützt Kinder, Eltern und Lehrer in herausfordernden Situationen. Die 55-Jährige hört zu, analysiert Probleme und versucht, gemeinsam mit den Beteiligten Lösungswege zu entwickeln. Dabei geht es etwa um schwierige Situationen in einer Klasse oder Konflikte mit einzelnen Schülern. Lehrer erhalten Unterstützung dabei, ihre eigene Rolle und ihr Verhalten zu reflektieren. Hinterkörner begleitet außerdem Gespräche zwischen Schule und Eltern. Kinder wenden sich mit unterschiedlichen Problemen an sie. Dazu zählen Angst vor der Schule, Mobbing oder Konflikte mit Mitschülern. Auch Schwierigkeiten beim Lernen, mit der Motivation oder mit der Konzentration können Thema sein. Manche der von ihr betreuten Kinder ziehen sich zurück oder reagieren oft wütend. Andere fühlen sich ausgeschlossen, unverstanden oder überfordert. Auch Veränderungen zu Hause oder in der Schule können belasten. Hinterkörner versucht dabei nicht nur, ein auffälliges Verhalten zu verändern. Entscheidend sei vielmehr die Frage, was dahintersteckt und was das Kind tatsächlich braucht.
Die Unterstützung findet direkt in der Schule statt. Möglich sind Gespräche in der Klasse, in Gruppen oder einzeln. Wenn zusätzliche Hilfe notwendig ist, arbeitet sie mit anderen Fachstellen zusammen oder vermittelt weiter. Dazu zählen unter anderem Schulpsychologie, Kinder- und Jugendhilfe, Beratungsstellen, Therapeuten oder Krankenhäuser.
Mit Ruhe ins neue Schuljahr
Für einen guten Schulstart empfiehlt sie vor allem Geduld. Kinder müssten nicht sofort wieder perfekt im Schulalltag funktionieren. Wichtig sei, zunächst anzukommen und wieder einen Rhythmus zu finden. Auch kleine Ziele können helfen, und Fehler gehören zum Lernen dazu. Wenn etwas belastet, sollte darüber gesprochen werden.
Eltern rät sie zu weniger Druck und mehr Zuhören. Schlaf, Essen, Hausaufgaben und Freizeit müssten sich nach den Ferien oft erst wieder einspielen. Vertrauen könne Kindern zusätzliche Sicherheit geben.
Auch Lehrer sollten nicht nur den Stoff im Blick haben. Ein gutes Klassenklima sei oft wichtiger als ein perfekter Start nach Plan. Klare Regeln und ein wertschätzender Umgang schaffen aus ihrer Sicht Sicherheit.
Zugleich empfiehlt die Mühlviertlerin, genau hinzusehen. Wirkt ein Kind plötzlich verändert, besonders ruhig oder auffällig unruhig, könne mehr dahinterstecken. Lehrer sollten außerdem auf ihre eigenen Kräfte achten und sich Pausen zugestehen.
Andere Herausforderungen am Land
Zwischen Schulen im Mühlviertel und jenen in Großstädten sieht Hinterkörner Unterschiede. Schulgemeinschaften im ländlichen Raum seien häufig kleiner und persönlicher. Gleichzeitig seien spezialisierte Angebote teilweise schwieriger erreichbar.
Weitere Wege, weniger öffentliche Verkehrsmittel und ein kleineres Angebot an Beratungsstellen können den Zugang zu Unterstützung erschweren. In kleineren Gemeinden sei zudem weniger Anonymität gegeben. Darin sieht Hinterkörner aber auch eine Stärke. Persönliche Netzwerke und ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl könnten bei Problemen hilfreich sein. Grundsätzlich gebe es am Land nicht weniger schulische Herausforderungen als in Ballungszentren. Die Probleme seien vielmehr unterschiedlich. In Städten spielen etwa große und vielfältige Klassen sowie unterschiedliche soziale und kulturelle Hintergründe eine stärkere Rolle.
Mehr Zeit für Beziehungen
Für das österreichische Schulsystem wünscht sich Hinterkörner vor allem mehr Zeit für Beziehungen. Kinder und Jugendliche müssten gesehen, gehört und ernst genommen werden. Ebenso wichtig ist ihr ein stärkerer Blick auf das einzelne Kind. Nicht jedes Kind lerne gleich oder brauche dieselbe Unterstützung. Stärken sollten genauso wahrgenommen werden wie Schwierigkeiten.
Auch Lehrer sollten bei schwierigen Situationen nicht alleine bleiben. Zusätzliche Fachkräfte und multiprofessionelle Teams könnten aus ihrer Sicht viel bewirken.
Leistung bleibe wichtig. Sie dürfe nach Ansicht der Betreuungslehrerin aber nicht wichtiger sein als das Wohlbefinden und die Entwicklung eines Kindes: „Für mich beginnt gute Schule dort, wo Kinder gesehen, Lehrer unterstützt und Eltern ernst genommen werden“, meint Hinterkörner.
Besondere Freude macht ihr die gemeinsame Suche nach Lösungen. Schön seien jene Momente, in denen sich eine festgefahrene Situation verändert und wieder Hoffnung entsteht. Schwierig sind dagegen Fälle, in denen Menschen lange in belastenden Mustern feststecken oder die Rahmenbedingungen wenig Spielraum lassen. Manchmal müsse auch ein Schulwechsel in Betracht gezogen werden, wenn vor Ort keine positive Entwicklung mehr möglich sei.
Ihre Ausbildung unterstützt sie bei dieser Arbeit. Hinterkörner besuchte die Pädagogische Akademie für Sonder- und Sprachheilpädagogik. Sie ist Mediatorin, Lebens- und Sozialberaterin, Aufstellungsleiterin und systemischer Coach für „Neue Autorität“. Zusätzlich betreibt sie eine Praxis in Freistadt. Ihr Ziel ist, Menschen dabei zu unterstützen, wieder Vertrauen in sich selbst und ihren eigenen Weg zu finden.








Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden