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Firmgruppe Altenberg auf Gratwanderung durch das obdachlose Linz

Olivia Lentschig, 16.04.2024 13:36

ALTENBERG/LINZ. Im Rahmen des Projektes „Arm und Reich - ein schmaler Grat“ beschäftigen sich die Firmlinge in Altenberg mit den Themen “Obdach-, Wohnungslosigkeit, Armut, Was kann man dagegen tun!, Straßenzeitung, usw.“ Beim Besuch einer „Kupfermuckn“- Redaktionssitzung blickten die Jugendlichen hinter die Kulissen der Strassenzeitung. Geführt von einer ehemaligen Betroffen, erhielten sie im Anschluss einen Einblick in eine für sie gänzlich fremde Welt: das „obdachlose Linz“. 

Firmlinge bei der Redaktionssitzung der Strassenzeitung "Kupfermuckn" (Foto: Kupfermuckn)
Firmlinge bei der Redaktionssitzung der Strassenzeitung "Kupfermuckn" (Foto: Kupfermuckn)

Daraus entstand folgender Text, verfasst von den Autoren Sarah, Julia, Karolin, Katharina, Benjamin, Lukas, Andreas, Peter (Firmlinge aus Altenberg):

Die Firmgruppe „Arm und Reich - ein schmaler Grat“ erzählt…

Wir durften bei einer der wöchentlichen Redaktionssitzungen bei der Straßenzeitung ,,Kupfermuckn“ teilnehmen. Sie ist die einzige Straßenzeitung in Österreich, die von Betroffenen geschrieben wird. Der Name „Kupfermuckn“ hat die Bedeutung ,,geheimer Unterschlupf“. Sie wird seit 1996 von der Druckerei Gutenberg aus Linz produziert. Mittlerweile werden ca. 20.000 Exemplare pro Ausgabe gedruckt. Wer in der Redaktion mitarbeiten möchte, muss zwei Monate Probezeit absolvieren, und danach wird von der bestehenden Redaktion demokratisch über eine Aufnahme abgestimmt. Für die Redaktionsmitglieder gibt es Regeln, die zu befolgen sind (z.B.: Pünktlichkeit, keine Suchtmittel und keine Gewalt). Derzeit besteht die Redaktion aus ca. 16 Betroffenenredakteuren, einem Sozialarbeiter und zwei hauptberuflichen Journalistinnen. Es werden auch gemeinsame Ausflüge und Urlaube organisiert. Jeder Redakteur bekommt im Monat 40 € Fixbetrag für die Mitarbeit und pro geschriebenen Beitrag weitere 20 €. Pro Woche dürfen maximal zwei Beiträge von einem Betroffenen eingebracht werden. Verkauft werden die Zeitungen jedoch von anderen Personen.

Wenn man mit dem Verkauf der „Kupfermuckn“ beginnen möchte, bekommt man für den Start 10 Zeitungen gratis zum Verkauf. Alle weiteren Zeitungen muss der Verkäufer um 1,50€ erwerben und darf diese um 3€ weiterverkaufen.

Die Arge für Obdachlose betreut neben den „Kupfermuckn“ insgesamt 5 Projekte in Linz und Umgebung.

Nach der Sitzung haben wir eine Gratwanderung in Begleitung einer ehemaligen Obdachlosen gemacht. Bei dieser Wanderung haben wir eine uns unbekannte Seite von Linz entdeckt und dabei viel Interessantes erfahren. Für obdach- und wohnungslose Menschen gibt es einige Notschlafstellen. Im Gegensatz zu früher sind dort nur mehr 3-4 Bettzimmer, es gibt dort WCs und Duschen, Waschmaschinen sowie eine Küche zur gemeinsamen Benützung. Die Übernachtung in so einer Notschlafstelle kostet etwa 4€. Der Aufenthalt ist nur zwischen 18 Uhr und 7.30 Uhr am nächsten Morgen erlaubt. Einmal pro Woche kommt eine Obdachlosenärztin in die Notschlafstelle, bei der man sich kostenlos und ohne E-Card untersuchen lassen kann.

Bei unserer Wanderung haben wir verschiedene Möglichkeiten kennengelernt, wo man warmes Essen bekommt. Dieses Essen kostet teilweise gar nichts oder nur 50 Cent.

Kaum zu glauben ist, dass die Betroffenen manchmal in einer Woche mit nur 20€ über die Runden kommen müssen.

Wir wurden bei dem Rundgang zufällig Zeugen eines Drogendeals auf offener Straße. Überrascht hat uns, dass dies so offen vor unseren Augen gemacht wurde.

Auch interessant fanden wir die geheimen Verstecke von Obdachlosen für wichtige Dokumente, Klopapier, manchmal für Drogen und sogar für Essen. Sie nehmen dabei allerdings schon auch in Kauf, dass diese Dinge entdeckt und vernichtet werden können.

Ein Obdachloser wird seinen Schlafsack nie zu machen, weil die Gefahr besteht angezündet zu werden. Sie haben in der Nacht die wichtigsten Dokumente und ihren Besitz (wie zB. Geld) in der Hosentasche griffbereit. Auch ein Messer zur Notwehr ist keine Seltenheit.

Spannend fanden wir, dass das wichtigste Dokument für einen Österreicher der Meldezettel ist. Ohne Meldezettel bekommt man kein Konto, keinen Ausweis, keine Sozialhilfe, kein Arbeitslosengeld. Das bedeutet, dass die Arbeitssuche dadurch sehr erschwert wird. Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Wohnung und kein Essen. Deshalb gibt es ein paar Stellen, wo man den Wohnsitz melden kann (z.B. in der Wärmestube).

Uns wurde durch die Erlebnisse und Erzählungen unseres Guides bewusst, dass es sehr schnell gehen kann obdachlos zu werden. Es spielt außerdem keine Rolle welche Ausbildung oder Herkunft man hat. Auch Erkrankungen können Auslöser für Obdachlosigkeit sein, weil kranke Menschen oft nicht arbeiten können und sich aus dem sozialen Umfeld zurückziehen. Uns wurde auch bewusst, dass WIR in Luxus leben und welchen Wert Geld eigentlich hat!

Klar ist: Obdachlosigkeit ist nach außen nicht unbedingt sichtbar - und ein voreiliges Urteil über fremde Personen nicht angebracht.

 

 

 

 


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