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Integrative Beschäftigung: Chance für Menschen mit Beeinträchtigung in der Arbeitswelt

Martina Ebner, 03.10.2021 15:50

BEZIRK VÖCKLABRUCK. In Form einer Integrativen Beschäftigung können Menschen mit Beeinträchtigung außerhalb der Lebenshilfe-Werkstätten bei Unternehmen, Vereinen oder Privatpersonen arbeiten. „Ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion“, sagt Lebenshilfe-Geschäftsführer Gerhard Scheinast und macht Unternehmen Mut, Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance in der Arbeitswelt zu geben.

  1 / 5   „Das Arbeitsklima ist besser geworden“, erzählt Unternehmer Wolfgang Labmayer (re.) über die positiven Veränderungen seit der Beschäftigung von Jürgen Lebersorger in seinem Betrieb. (Foto: Lebenshilfe Oberösterreich)

Die Jet-Tankstelle in Timelkam und Möbelix Vöcklabruck berichten über ihre erfolgreiche Kooperation mit der Lebenshilfe Oberösterreich und den dabei in den Firmen geschaffenen Arbeitsplätzen mit Mehrwert. „Das Arbeitsklima ist besser geworden“, erzählt Unternehmer Wolfgang Labmayer über die positiven Veränderungen seit der Beschäftigung von Jürgen Lebersorger in seinem Betrieb. Lebersorger ist in der Werkstätte Regau der Lebenshilfe Oberösterreich beschäftigt, in Form der Integrativen Beschäftigung (IB) arbeitet er seit Anfang August in der Jet-Tankstelle in Timelkam.

Kontakte knüpfen

Bei dieser Beschäftigungsform werden Menschen mit Beeinträchtigung außerhalb der Lebenshilfe-Werkstätten in Unternehmen, bei Vereinen oder Privatpersonen tätig. Es entsteht kein Dienstverhältnis, die Beschäftigten bleiben bei der Lebenshilfe versichert. „Wir begleiten und unterstützen Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zur Selbstermächtigung und Selbstbestimmung und daher ist die Integrative Beschäftigung so ein wichtiges Instrument“, sagt Scheinast. Menschen mit Beeinträchtigung können dabei neue Kontakte knüpfen und ihre persönlichen Interessen und Fähigkeiten zum Einsatz bringen.

Ansprechpartner für Unternehmen

Die Lebenshilfe OÖ hat bereits Anfang der 80er-Jahre begonnen, Unternehmen zu finden, die Menschen mit Beeinträchtigung eine Chance zur Teilhabe am Arbeitsmarkt geben. Ab 2012 hat die Lebenshilfe die Beschäftigungsform stark forciert und auch eigene Fachkräfte, die das Thema weiterentwickeln, eingestellt. Seit 2019 gibt es mit Manuela Koch eine Zuständige für die Region Vöcklabruck. Koch ist mit ihrer vielfältigen Berufsausbildung die perfekte Ansprechpartnerin für Firmen. Die gelernte Köchin hat ein Unternehmen in der Gastronomie aufgebaut und einige Jahre geführt. Durch ihre Tätigkeit als Ausbildnerin für sozial schwache Jugendliche kam sie mit dem Sozialbereich in Berührung und sattelte mit 51 Jahren beruflich noch einmal um, machte die Ausbildung zur diplomierten Fachsozialbetreuerin Behindertenbegleitung. Die Betriebe in der Region Vöcklabruck haben mit Manuela Koch beim Thema Integrative Beschäftigung eine Ansprechpartnerin bei der Lebenshilfe, die immer ein offenes Ohr für ihre Anliegen hat und gemeinsam mit allen Beteiligten Lösungen erarbeitet. Die Kooperation wird mit jedem Unternehmen individuell vereinbart und Tätigkeitsfeld, Abgeltung der Leistung sowie Beschäftigungszeiten flexibel fixiert.

Unterschiedliche Tätigkeiten

Rund 400 Personen sind aktuell bei mehr als 100 Kooperationspartnern der Lebenshilfe in ganz Oberösterreich beschäftigt – davon rund 50 Personen bei knapp 20 Unternehmen in der Region Vöcklabruck. Darunter: Powder Tech Dr. Winzig in Redlham, Spar-Märkte, Interspar-Restaurant, Stadt Vöcklabruck (Seniorenheim), Gemeinde Regau (Bauhof), Topalit in Ampflwang, Jet-Tankstelle in Timelkam, Möbelix Vöcklabruck. Die Beschäftigten arbeiten von einem halben bis zu fünf Tage pro Woche in ganz unterschiedlichem Stundenausmaß bei den Unternehmen − bei einem Großteil handelt es sich aber um tage- bzw. stundenweise Tätigkeiten. Die Beschäftigten sind einzeln oder auch in Gruppen, alleine oder in Begleitung von Mitarbeitern in den Firmen.

Oft unterschätzt

Jede Integrative Beschäftigung wird mit vielen Gesprächen und Schnuppertagen gut vorbereitet und Manuela Koch steht bei etwaigen Herausforderungen jederzeit als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Koch erlebt bei ihrer Arbeit immer wieder, dass Menschen mit Beeinträchtigung unterschätzt werden und ihnen wenig zugetraut wird. „Ich werde auch immer wieder gefragt: Welche Beeinträchtigte haben Sie denn?“, erzählt Koch und wünscht sich ein Umdenken, denn Menschen mit Beeinträchtigung haben ebenfalls ganz viele unterschiedliche Fähigkeiten und können durch den richtigen Einsatz eine große Bereicherung für die Arbeitswelt sein. „Das Schöne an meinen Job ist es mitzuerleben, wie die Beschäftigten sich weiterentwickeln“, sagt Koch und nennt als Beispiel dafür Johannes Meisinger. Der Beschäftigte aus der Werkstätte Regau arbeitet seit Ende Juni wöchentlich zwei Vormittage im Möbelix-Lager Vöcklabruck. Sein Aufgabenbereich wurde langsam gesteigert und so werden etwa aus den anfänglich sehr kleinen Möbelstücken, die für den Verkauf aufgebaut werden müssen, langsam etwas größere.

Win-Win-Situation

Die Corona-Krise stoppte den Ausbau der IB und daher ist die Lebenshilfe OÖ nun umso intensiver auf der Suche nach Partner*innen, die Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung unverbindlich eine Chance zum Arbeiten bieten möchten. Mit der Jet-Tankstelle in Timelkam und dem Möbelix in Vöcklabruck wurden bereits zwei Betriebe gefunden, die eine klare Botschaft an andere haben: „Probiert die Integrative Beschäftigung unbedingt aus – es gibt keinen Grund für Berührungsängste und ihr habt absolut nichts zu verlieren. Wenn es so wie bei uns läuft, ist es eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.“

„Stabile Kraft im Dienstplan“

Wolfgang Labmayer beschäftigt seit Anfang August den Beschäftigten Jürgen Lebersorger aus der Lebenshilfe-Werkstätte Regau in seiner Jet-Tankstelle in Timelkam. Lebersorger arbeitet Vollzeit und sei „mittlerweile eine stabile Kraft im Dienstplan“ und wertvolle Unterstützung für seine acht Kollegen, so Labmayer. Eine Bekannte hat den Unternehmer auf diese Beschäftigungsform aufmerksam gemacht: „Ich habe mir daraufhin gedacht, wenn es Menschen gibt, die gerne arbeiten möchten, dann ist das jedenfalls einen Versuch wert.“ Nach zwei Monaten ist klar: „Wenn es so gut weiter läuft, kann ich eine Kooperation mit der Lebenshilfe für Integrative Beschäftigung nur weiterempfehlen.“ Zum Versuch gehörte für Labmayer, dass man Lebersorger von Beginn an alle Aufgaben ausprobieren hat lassen und damit seine Stärken und Fähigkeiten rausgefunden hat. Nun wissen etwa alle im Team, dass seine Konzentration bei der Durchführung von längeren, gleichbleibenden Tätigkeiten nachlässt. Er bekommt daher rechtzeitig eine neue Aufgabe, wenn man merkt, dass er an seine Grenzen kommt. „Ich habe vom Jürgen noch nie gehört, dass ihm heute die Arbeit nicht freut – solch eine Motivation ist ansteckend und hebt die Stimmung im Team“, so Labmayer.

Besseres Arbeitsklima

Mirko Fischer hat vor seiner Arbeit als Möbelix-Marktleiter in Vöcklabruck ehrenamtlich für die Kinder- und Jugendarbeit für einen großen Sportverein in Deutschland gearbeitet und dabei auch mit einer Werkstätte für Menschen mit Beeinträchtigung zusammengearbeitet. In seiner Funktion als Marktleiter ist er auf der Suche nach einer möglichen Zusammenarbeit mit dem Sozialbereich auf das Modell der Integrativen Beschäftigung der Lebenshilfe OÖ und Manuela Koch gestoßen. Die beiden waren sich schnell über eine Kooperation einig. Johannes Meisinger arbeitet seit Ende Juni zwei Vormittage pro Woche im Möbelix-Lager. „Johannes hat sich von Anfang an bei uns im Team wohlgefühlt und hat mit seiner aufgeschlossenen Art dafür gesorgt, dass auch die anderen Mitarbeiter offener und das Arbeitsklima besser geworden ist“, freut sich Fischer. Meisinger hilft bei sämtlichen Tätigkeiten wie Warenausgang und -eingang, Einräumen von Lieferungen sowie Zusammenbau von Kleinmöbeln für den Verkaufsraum. Der Beschäftigte habe sicher sehr gut weiterentwickelt: „Beim Aufbau von Möbeln hat er mit den ganz kleinen begonnen, mittlerweile stellt er bereits Tische zusammen.“

Ansprechpartnerin für interessierte Unternehmen für Integrative Beschäftigung in der Region Vöcklabruck, Manuela Koch (Tel. 0699/19693602, E-Mail: koch.manuela@ooe.lebenshilfe.org)

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