Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt
tips.at als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen

Migration quergedacht - öffentlicher Meinungs- und Gedankenaustausch

Leserartikel Ulrich Küntzel, 16.11.2018 15:25

WAIDHOFEN/THAYA. „for us“ – so nennt sich das neue Kompetenzzentrum für Gemeinwohl und Inklusionsprozesse, das in Groß Gerungs seinen Sitz hat. Neben dem Gründer und Geschäftsführer, Konsulent Gerhard Fallent wirken dort Einheimische wie Zugereistel aktiv mit. Im Oktober luden sie zu einer von vier Dialogveranstaltung nach Waidhofen ein, die den Titel „Migration quergedacht“ trägt.

  1 / 5   V.l.: Robert Altschach, Isabella Skrivanek, Gottfried Waldhäusl, Gerhard Fallent, Kai Kranner, Philipp Müller und Tibor Legyel dachten quer. Foto: Vogl

Der kleine Stadtsaal war voll besetzt, als Tibor Lengyel die Gäste begrüßte und das Podium vorstellte. Dieses bestand aus Isabella Skrivanek – Donau-Uni Krems, Robert Altschach – Bürgermeister (ÖVP), Gottfried Waldhäusl – Migrationslandesrat und Vizebürgermeister (FPÖ), Philipp Müller – engagierter Waldviertler und Kai Kranner – Philosoph. Komplettiert wurde die Runde durch Gerhard Fallent – Querdenker, der in seinem Eingangsstatement darauf hinwies, dass Migration in ihrer Vielgestaltigkeit schon immer zum Menschsein gehört hat und seit jeher mit Problemen behaftet war und ist. Speziell vor dem Hintergrund des Gemeinwohls (im Sinne vom Gegenteil zum Durchsetzen von Einzel- oder Gruppeninteressen) in Zeiten des Wandels bei Demografie, Klima, Kultur- und anderen Werten wird Migration in einigen Erscheinungsformen zur Herausforderung.

Bezirks-Ranking

Interessant ist ein Ranking der NÖ Bezirke, wo nach 38 Indikatoren in vier Kategorien eine Bestandsaufnahme gemacht wurde (Quelle: Zukunftsranking 2018). Waidhofen liegt demnach unterm Strich unter 94 Bezirken auf Rang 53 (zum Vergleich Horn 33, Zwettl 47 und Gmünd 94), schafft es in der Kategorie Demografie dabei auf Rang 4, kommt aber bei der Lebensqualität nur auf Rang 88 (Zwettl hier auf Rang 2).

Migration hat viele Gesichter

Danach hielt Isabella Skrivanek einen wissenschaftlichen Vortrag über sämtliche Facetten von Migration, die man also immer sehr differenziert zu betrachten habe. Neben der internationalen Migration (vgl. Völkerwanderung) ist die Binnenmigration innerhalb Österreichs nicht unbedeutend. Die meisten Einwanderer kommen aus EU-Staaten, deren Anteil ist im Waldviertel überdurchschnittlich hoch. Neben den Motiven zum Verlassen der Heimat sind die Bleibemotive an einem bestimmten Ort von zentraler Bedeutung, allen voran die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und die Hoffnung beziehungsweise Erwartung auf Integration in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Bildung und Freizeit.

Freier Lauf den Gedanken und Meinungen

Im Anschluss wurden Statements vom Podium gesammelt. Für Kai Kranner ist positionales Denken und Handeln abhandengekommen. „Krisenzeiten bedingen immer die Sehnsucht nach etwas Narrativem. Willkommenskultur muss gelernt und an die nächsten Generationen weitergegeben werden.“

Philipp Müller meinte: „Wir brauchen Aufklärungspolitik, vielleicht auch durch solche Veranstaltungen, um offener in die Welt hinaus zu spazieren!“ In der Vergangenheit war alles bestens, es herrschte das Gefühl von Sicherheit. Der Luxus brachte die Philosophie hervor. Warnend ging Müller auf die Digitalisierung ein, die in ihrem revolutionären Charakter viel neue Unsicherheit mit sich bringen dürfte.

Robert Altschach bemerkt als Bürgermeister eine Lebensabschnitts-Migration: Die jungen Leute verlassen das Waldviertel, um im Alter wieder heimzukehren. Dass es auch hier eine super Infrastruktur gibt, sei weitgehend unbekannt, das Bild vom mystischen Waldviertel will wohl irgendwie nicht aus den Köpfen. Für Altschach ist die Digitalisierung der Schlüssel zur Steigerung der Attraktivität der ländlichen Orte als dauerhafter Wohnsitz.

Gottfried Waldhäusl bezog sich nur auf die aktuelle Flüchtlingssituation. Für ihn sind syrische Ärzte selbstverständlich willkommen, afghanische Hirten aber nicht. Dafür gab es nicht nur Applaus aus dem Publikum. Man sollte das Waldviertel mittels Gesetzen „so attraktiv machen, dass Migranten aus dem Inland und dem zivilisierten Ausland freiwillig und gerne herkommen“. Weiters verwies Waldhäusl auf ein Vorzeigeprojekt in Greifenstein, bei dem unbegleitete, männliche, jugendliche Flüchtlinge zu aktiver Ordnung und Sauberkeit angeleitet werden und Deutsche sowie österreichische Werte vermittelt bekommen.

Interessierte Gäste

Statements aus dem Publikum betrafen vorwiegend die Ausbildungssituation im Waldviertel, wo es schwer ist, engagierte, einheimische Lehrlinge zu finden, während dafür bestens geeignete, integrationswillige Migranten ganz legal abgeschoben werden. Auch die Kürzung von Finanzmitteln für integrative Institutionen oder gar deren komplette Schließung wurde beklagt.

Ein Fazit

Es gibt wohl viele Herausforderungen in diesen Zeiten der raschen und weitreichenden Veränderungen. Das Gemeinwohl dabei nicht aus den Augen zu verlieren, ist nur eine davon.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden