Stefan Haböck in der Ukraine: Die Balance zwischen Krieg und Alltag
WELS. Stefan Haböck hat viele Kontakte in die Ukraine. Zum ersten Mal seit dem Kriegsbeginn reiste er wieder in das Land, das ihm so viel bedeutet. Tips sprach mit ihm über die aktuelle Situation, die Stimmung und mehr.

Tips: Der Krieg in der Ukraine dauert jetzt schon fast 17 Monate. Jetzt sind sie zum ersten Mal seit Beginn in die Ukraine gereist. Wie gemischt waren die Gefühle vor der Abreise?
Haböck:Sehr gemischt. Einerseits natürlich Freude, endlich wieder in das Land zu kommen, das man so sehr mag. Andererseits schon Unruhe: Wie wird die Einreise? Wie sicher ist es vor Ort? Viele Gedanken. Im Gegensatz zu Freunden aus dem ehemaligen Jugoslawien habe ich noch nie Krieg erlebt. Das macht einem auch bewusst, wie privilegiert man in unserem Teil Europas ist, aber auch, wie wenig selbstverständlich Frieden ist.
Tips: In welcher Funktion reisten sie in die Ukraine?
Haböck: In erster Linie als Freund. Aber auch in meiner Funktion als Vizepräsident von Paneuropa Österreich und Vorstand der Ukrainian-Austrian-Association. Um das Land zu unterstützen ist es auch wichtig, die Situation zu kennen, Gespräche mit Betroffenen zu führen, die humanitäre, politische und wirtschaftliche Lage vor Ort zu erfahren. Wir haben politische Gespräche geführt, aber auch zum Beispiel eines der größten Freiwilligenhilfszentren der Region besucht, wo seit 2014 Binnenflüchtlinge versorgt und Spenden an vom Krieg betroffene Regionen gesammelt und koordiniert werden.
Tips: Wie kann man sich die Situation in der Ukraine in Bezug auf den Krieg vorstellen?
Haböck: Unterschiedlich. An der Front ist es brutal, man kann sich das kaum vorstellen. Ich schaue mir gar nicht mehr die Fotos aus den Schützengräben an, es ist schwer auszuhalten. Abseits der Front versucht man natürlich halbwegs normal zu leben. Geschäfte haben offen, Menschen gehen zur Arbeit, gehen in Restaurants. Bis diese Restaurants, wie eben in Kramatorsk, von Raketen getroffen werden. Die Raketenangriffe auf Städte sind eben genau die Antwort Putins auf das „egal was du machst, wir versuchen trotz allem unser Leben weiterzuleben“ der Ukrainer. Gleichzeitig haben viele auch österreichische Firmen ihre Produktion wieder aufgenommen, Investitionen laufen wieder an, zerstörte Straßen und Gebäude sind wieder aufgebaut.
Tips: Sirenenalarm kennen Österreicher von Samstag, 12 Uhr. In vielen Teilen der Ukraine geschieht das jede zweite Nacht. Wie reagiert man?
Haböck: Wenn um 2.40 Uhr nachts am Handy die Warn-App losgeht, erschrickt man fast zu Tode. Grundsätzlich sollte man dann den Bunker aufsuchen oder Schutz suchen weg vom Fenster zum Beispiel. In der Ukraine gibt es Apps die jede einzelne Region des Landes warnen, sobald Bomber aufsteigen oder Raketen im Kaspischen Meer gestartet werden. Dann dauert es oft mehrere Stunden, bis man weiß ob etwas passiert. Alarme sind Vorsichtsmaßnahme, auch die Luftabwehr arbeitet effizient. Aber: Allein im Mai gab es an 26 Tagen Raketenalarm, oft nachts. Schon dieser Schlafentzug allein ist Folter.
Tips: Generell wie sehen die Stimmung in der Ukraine?
Haböck: Die Stimmung ist eine Mischung aus Trauer über die verlorenen Menschenleben, Wut, Motivation aufgrund der Gegenoffensive, Optimismus, weil es weitergehen muss, Willen, weil man weiß, wofür man kämpft - wissen das die Mütter der gefallenen jungen Burschen aus ärmeren Regionen Russlands auch - Mut, weil man nach jedem Angriff weiterlebt, Müdigkeit, weil viele einfach ausgelaugt sind, emotional und psychologisch. Man arbeitet, trifft abends vielleicht Freunde, dann ist Ausgangssperre, dann Luftalarm, dann geht der Tag erneut los. Übrigens diskutieren auch Ukrainer, wie normal der Alltag ablaufen darf, solange Krieg herrscht. Eine komische Situation. Aber die Menschen sind sehr dankbar für jede Hilfe und die Unterstützung und wissen das zu schätzen.
Tips: Beim Kriegsausbruch haben sie in einem Tips Interview darüber gesprochen, dass sie sie viele Freunde in der Ukraine haben. Konnten sie diese persönlich treffen und wie erleben sie den Krieg und mussten womöglich an die Front?
Haböck: Freunde, die im aktiven Militäreinsatz sind, konnte ich leider noch nicht treffen. Ein Hoffen und Bangen. Aber seit dem letzten Interview vor dem Sommer 2022 war es möglich, einige Freunde aus dem Land wiederzusehen. Das war jedes Mal schön. Sie leben und sind gesund.
Tips: Die Frage ist eigentlich schon sehr naiv, zugegeben, aber wie wird der Krieg weitergehen? Wir lange wird das noch dauern?
Haböck: Wenn ich das wüsst. Aktuell laufen viele Operationen im Osten und im Süden im Rahmen der Gegenoffensive. Es wird sicher mehrere Monate dauern, da es eine langfristig angelegte, strategisch wichtige und operativ sehr herausfordernde. - in der Ukraine ist eine Fläche doppelt so groß als Österreich vermint - Militäroperation zur Befreiung besetzter Gebiete ist. Wir alle hoffen.
Tips: Vor wenigen Tagen gab es den Wagner-Aufstand, der wieder schnell beendet war. Ihre Meinung?
Haböck: Ein undurchsichtiges Spiel, bis heute wissen selbst Experten nicht genau, was das konkrete Ziel war und wer etwas wusste. Traue mir dazu keine sichere Beurteilung zu. Klar ist aber, dass ein Machtkampf innerhalb des Systems tobt, zum Beispiel zwischen Prigoschin und dem Verteidigungsminister Shoigu sowie Generalstabschef Gerassimow. Die (Stand heute) kolportierte Verhaftung General Surowikins, der bei seinen Einsätzen in Tschetschenien, Syrien und der Ukraine zu äußerster Brutalität neigte, sowie Entlassungen und Unfälle von Offizieren zeigen, dass wohl eine Säuberung in den Eliten begonnen hat. Aus ukrainischer Sicht ist das gut. Ich fand auch die besonnenen Reaktion Europas auf die Vorgänge im Land richtig. Aber: Europa muss sich jedenfalls für alle Eventualitäten vorbereiten, eng abstimmen und gemeinsam handeln.


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