Streitpunkt: Betreuung in den Welser Kindergärten
WELS. Die Situation gerade zu Beginn des Kindergartenjahres ist für niemanden erfreulich. In sozialen Netzwerken machten sich Eltern Luft über Änderungen in der Betreuung. Personal und Eltern reagieren aufgebracht, weil Pädagoginnen aus den Gruppen zur Deutschförderung abgezogen wurden. Bürgermeister Andreas Rabl (FP) kritisierte die Kritiker. Es werde nichts eingespart, sondern neue Kräfte sogar aufgenommen. Es sind viele Gerüchte im Umlauf und es ist schwierig herauszufiltern, was nun genau los ist. Deswegen sprach Tips-Redakteur Gerald Nowak mit der zuständigen Stadträtin Margarete Josseck-Herdt über die Causa, aber auch mit der Familiensprecherin der SPÖ im Landtag, Petra Müllner, die selbst ausgebildete Kindergartenpädagogin ist.

„Mehr Personal für die Kinderbetreuung“
WELS. Die Änderungen in der Kinderbetreuung werden heftig kritisiert. Stadträtin Margarete Josseck-Herdt (FP) nimmt zu den Vorwürfen Stellung.
Tips: Eltern kritisieren, dass in den Kindergärten Betreuung fehlt. Können Sie die Kritik nachvollziehen?
Josseck: Die Kinderbetreuung in den Welser Kindergärten ist oberösterreichweit an der Spitze. Zur Verbesserung der Betreuungsqualität haben wir zusätzlich drei Pädagoginnen und elf Kindergartenhelferinnen eingestellt. Darüber hinaus haben wir durch Umstrukturierungen den Bereich der Sprachförderung personell gestärkt. Insgesamt steht daher den Kindergärten mehr Personal für die Kinderbetreuung als je zuvor zur Verfügung.
Tips: Was passiert jetzt in Zukunft in den Kindergärten genau mit Pädagoginnen, Helferinnen, Sprachhelferinnen und so weiter?
Josseck: Pro Kindergartengruppe werden eine Kindergartenpädagogin und eine Kindergartenhelferin die Kinder betreuen und mit ihnen die gewohnten Aktivitäten, wie beispielsweise Tiergartenbesuche, Waldspaziergänge und so weiter durchführen. Gleichzeitig haben wir ein neues Konzept zur Sprachförderung entwickelt, da über 50 Prozent der Kinder in den ersten Klassen der Volksschule aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. Mehr als 35 Pädagoginnen werden sich daher zukünftig um die Sprachförderung kümmern.
Tips: Werden Veranstaltungen wie Waldtage jetzt gestrichen oder nicht?
Josseck: Nein, derartige Gerüchte stimmen nicht. Die Waldtage, Bauernhoftage oder Tierparkausflüge werden weiter stattfinden. Das bisherige Programm wird vollinhaltlich aufrecht erhalten.
Tips: Wie wird der Sprachunterricht genau geregelt?
Josseck: Kinder mit Sprachförderbedarf werden ab dem dritten Lebensjahr in Kleingruppen nach einem speziell von Pädagogen entwickelten Konzept gefördert. Der Lernfortschritt der Kinder wird regelmäßig überprüft und evaluiert. Außerdem soll dieses Projekt wissenschaftlich von der Universität Salzburg begleitet werden.
“Falsche Richtung“
WELS. Die Familiensprecherin für die SPÖ im Landtag, Petra Müllner, ist ausgebildete Kindergartenpädagogin. Im Gespräch mit Tips-Redakteur Gerald Nowak spricht sie über die Diskussion über die Änderungen in den Kindergärten.
Tips: Wie sehen Sie die Kritik an der aktuellen Situation?
Müllner: Ich kann die Eltern sehr gut verstehen. Eine solche Umstrukturierung am Beginn eines Kindergartenjahres ist nicht nachvollziehbar. Gerade in der Eingewöhnungsphase sollte eine Kinderbetreuungseinrichtung den Familien Stabilität und Sicherheit geben. Durch die politischen Forderungen ist es zu großer Verunsicherung gekommen. Bei Kindern, Eltern, aber auch beim Personal. Bürgermeister Rabl hat hier allen den Kindergarten-Start vermiest.
Tips: Können Sie die Bemühungen von Bürgermeister Rabl, alles auf gesetzliche Mindestmaße zu reduzieren, nachvollziehen?
Müllner: Nein. Es wird ja nicht einmal billiger. Außer sein Plan ist, längerfristig die Sprachförderung zurückzufahren, was ich nicht hoffe. Eingespart wird nur in der Qualität. Ich frage mich auch wie künftig Krankenstände abgedeckt werden sollen. Es gibt in Wels ja nicht einmal einen Personalpool für solche Situationen. Helferinnen dürfen keine Gruppe führen und Sprachförderinnen auch nur für die Sprachförderung eingesetzt werden.
Tips: Bringen die vorgeschlagenen Reformen mit Pädagogin, Helferin und Sprachhelferin wirklich eine Verbesserung?
Müllner: Nein, im Gegenteil. Wels war über Jahrzehnte Vorzeigemodell in der Kinderbetreuung. Seit den 1970er-Jahren sind in jeder Gruppe zwei ausgebildete Pädagogen und zusätzlich Helferinnen zur Unterstützung. Seit den 1990er-Jahren wird in den Kindergärten Sprachförderung auf hohem Niveau gemacht. Laut Befragungen waren die Eltern mit der Betreuung immer sehr zufrieden. Pädagoginnen aus den Gruppen zu reißen, um einen separierten Förderunterricht zu machen, ist eine Verschlechterung. Kinder lernen in Gemeinschaft und im Spiel. Das ist wissenschaftlich belegt.
Tips: Wie soll die Betreuung in Sparzeiten weitergehen beziehungsweise wie sehen Sie den perfekten Kindergarten?
Müllner: Das Wichtigste sind fixe Bezugspersonen für Kinder. Dies war bisher auch bei Ausfällen wie Krankenständen gewährleistet. Wenn man bedenkt, dass viele Pädagoginnen auch nur Teilzeit-Arbeitsverhältnisse haben, wird das deutlich schwieriger. Bei gesetzlichen Gruppengrößen von 23 Kindern wird es außerdem schwierig, die Kinder wie bisher individuell zu fördern. Die zweite Pädagogin ist jetzt ja nicht mehr in der Gruppe, sondern nur mehr für Sprachförderung einzusetzen. Im perfekten Kindergarten haben gut ausgebildete Pädagoginnen Zeit sich auf die Kinder und deren Bedürfnisse einzulassen und eine individuelle Förderung ist möglich. In Wels gehen wir da leider in die falsche Richtung.


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