Andrea Grimm: "Wir hatten keine Möglichkeit mehr, weiter zu gestalten"
WIESELBURG. Seit 19 Jahren wird der Campus Wieselburg der FH Wiener Neustadt von Astin Malschinger und Andrea Grimm geleitet. Nachdem die beiden wesentlich zum Erfolg beigetragen haben, kam die plötzliche Entscheidung der Geschäftsführung der FH Wiener Neustadt, die Verträge der beiden Leiterinnen nicht mehr zu verlängern, mehr als überraschend. Nun standen am FH Campus die Betroffenen Rede und Antwort.

Kurz nach den ersten Medienberichten über den Abgang der Leitung an der Austrian Marketing University (kurz AMU, FH Wiener Neustadt, Campus Wieselburg) wurde von den AMU-Absolventen Julia Ramsmaier und Clemens-David Meissl eine Petition und die Kampagne unter dem Titel #AMUpower2019 gestartet – mit dem Ziel, dass die bisherigen Leiterinnen Astin Malschinger und Andrea Grimm weiterhin den Campus führen.
„Eine große Liebe ist zerbrochen. Normalerweise bekommt bei einer Scheidung die Frau das Haus und die Kinder. In diesem Fall ist es umgekehrt“ (Astin Malschiger)
Durch die Medien wurde seitens der FH Wiener Neustadt eine Informationsveranstaltung angekündigt. Nachdem diese auf sich warten ließ, wurde sie vom mittlerweile siebenköpfigen #AMUpower2019-Team initiiert. Die Informationsveranstaltung im Audimax der AMU war bis auf den letzten Sitzplatz besucht – den Facebook-Livestream verfolgten bis zu 600 Personen. „Der AMU-Spirit soll weiterleben – es traten Fragen nach dem Warum auf und Unverständnis, warum dieses Leuchtturmprojekt in seiner bisherigen Form nicht mehr weiterbestehen wird“, so die beiden Initiatoren eröffnend bei der Info-Veranstaltung zu Beginn des Semesters.
„Wir hatten keine Möglichkeit mehr, weiter zugestalten.“ (Andrea Grimm)
Neben Astin Malschiger und Andrea Grimm stand auch Peter Erlacher, seit 29. Jänner 2019 Geschäftsführer der FH Wiener Neustadt am Campus Wieselburg, zur Beantwortung der Fragen zur Verfügung. Landeshauptfrau Mikl-Leitner (ÖVP) und Wiener Neustadts Bürgermeister und Klubobmann Klaus Schneeberger (ÖVP) folgten der Einladung nicht.
Zurück zum Anfang
In der Presseaussendung der FH Wiener Neustadt vom 1. Februar 2019 wurde über die „Organisatorische Veränderung am Campus Wieselburg“ informiert, um „der steten Entwicklung des Hochschulsektors bestmöglich gerecht zu werden“.
Laut Presseaussendung vereinbarten Astin Malschinger, Andrea Grimm und die Geschäftsführung der FH Wiener Neustadt gemeinsam, dass die beiden Leiterinnen ihre bisherigen Tätigkeiten am Campus in Wieselburg mit dem 28. Februar zurücklegen. Das Ausscheiden warf bei Studierenden und Absolventen Fragen auf – zumal diese auch die Informationen über die Pressemeldung erfuhren. Die Info-Veranstaltung am Campus Wieselburg rund um den Abgang der dortigen Campusleitung zeigte auf, dass dieser Umstrukturierungs- beziehungsweise Ablöseprozess bereits seit eineinhalb Jahren läuft.
„Seit zwei Jahren befinden wir uns am Campus Wieselburg in einer Isolation zum Mutterstandort. Wir wurden in Entscheidungen nicht eingebunden – personell wurde nicht nachbesetzt. Würden Sie in ein Flugzeug steigen, wenn Sie wissen würden, dass der Sprit nicht reicht? Nach dieser Zeit habe ich nun das Handtuch geworfen“, so Astin Malschiger.
Stillstand am FH Campus
„Wir setzten uns zum Ziel, Changemaker auszubilden. 1999 wurde beispielsweise das Thema Nachhaltigkeit, das unmittelbar mit der Wirtschaft gekoppelt ist, noch stark kritisiert. Der Campus Wieselburg ist ein Erfolgsmodell in Europa, weil wir auch einzigartige Programme haben. Einzeln hätte das nicht funktioniert, aber als Team haben wir das geschafft. Ich sehe mich selbst als Changemaker, als Gestalter – dafür stehen wir“, so Andrea Grimm.
„Würden Sie in ein Flugzeug steigen, wenn Sie wissen, dass der Sprit nicht reicht?“ (Astin Malschiger)
„Wir hatten keine Möglichkeiten mehr, es weiter zu gestalten. Verwalten wäre gegangen, aber nicht gestalten. Ich sehe mich nicht als Studienprogrammverwalter, ich gestalte gerne und ich habe gerne hier gearbeitet. Ich sehe die AMU nicht mehr so, wie wir sie gestaltet haben. Es kam es zu einem Stillstand.“
Zumindest machte es den Anschein eines Stillstandes, denn Andrea Grimm erfuhr erst zu einem späteren Zeitpunkt von den künftigen Entwicklungen am FH Campus Wieselburg, dem Big Picture.
„Wir sind schon vor eineinhalb Jahren in Wiener Neustadt gewesen und haben die Probleme mal dargestellt, die wir bei diesem geplanten Prozess sehen. Da war die gesamte Geschäftsführung anwesend. Und es ist dafür gesorgt worden, dass wir in Wiener Neustadt nicht eingebunden waren in die Fakultät. Wir sind bewusst abgetrennt worden. Wir hatten keine Kommunikation mehr. Und das ging nicht von uns aus.“
Was bleibt ist Unklarheit - was bleibt ist ein großes Fragezeichen
„Ziel der Veranstaltung war es, Antworten zu finden, warum das erfolgreiche Management gehen soll. Erlacher hat versucht, das stümperhafte und unkoordinierte Vorgehen des FHWN-Vorstands mit Worthülsen wie 'Organisationsentwicklungsprozess' kaschieren“, heißt es in der Presseaussendung der #AMUpower2019.
Summa summarum herrscht unter den Studierenden weiterhin Unklarheit. Was bleibt, ist das große Fragezeichen rund um den Abgang der erfolgreichen Campus-Leitung, denn beide Studiengangsleiterinnen würden gerne bleiben.
„Wir haben miterlebt wie diese FH von einem 'Schuhkarton' auf diese Größe von 800 Studenten gewachsen ist. Dank dem Engagement der beiden. Und das hat sehr wohl gezeigt, dass die beiden in Zeiten von ständiger Veränderung und Wachstum durchaus mithalten können. Deswegen frage ich mich, warum soll das jetzt nicht mehr möglich sein, wenn man auf 800 gewachsen ist, auf 1.400 zu wachsen?“, wirft eine Absolventin aus dem Publikum ein.
„Selbst Interimistisches Management hegt Zweifel“
Wie es ab dem kommenden Studienjahr weitergeht, bleibt unklar. Einer der interimistischen Manager forderte einen Mediationsprozess. Das Angebot der bisherigen Campus-Führung noch bis Ende des Studienjahres im Juni zu bleiben und damit eine geordnete Übergabe zu vollziehen, wurde seitens der FH Wiener Neustadt abgelehnt. Angedacht ist, dass Helmut Decker, Elisabeth Steiner, Lorena Meierhofer und Ernst Ternon die Studiengangsleitung interimistisch übernehmen.
In der Presseaussendung der AMUPower2019 wird verlautbart, dass am Ende klar herauskam, dass selbst das interimistische Management Zweifel an dieser Lösung hegt. Unter anderem schlug ein Interimsmanager vor, einen Mediationsprozess aufzusetzen. Das klare Ziel und die klare Bitte, die von den Unterstützern an den FHWN-Aufsichtsrat gestellt wird, ist, die Campus-Leitung durch Malschinger und Grimm wieder einzusetzen und sie weiterhin an diesem bildungspolitischen Leuchtturmprojekt arbeiten zu lassen. Petition wird fortgesetztIn der Presseaussendung von #AMUPower2019 heißt es, dass durch die gesamte Veranstaltung deutlich wurde, dass die bis dato über 1.300 Unterzeichner der Petition richtig liegen und es zum Wohle aller am Besten wäre, Malschinger und Grimm weiter uneingeschränkt arbeiten zu lassen.
Der große Zuspruch online und bei der Veranstaltung bestätigt die Organisatoren der Petition, so lange weiterzuarbeiten, bis Malschinger und Grimm wieder eingesetzt werden. Kein einziges Argument konnte vorgebracht werden, den außerordentlich erfolgreichen Aufbau und die Führung durch die beiden infrage zu stellen.
Der Diskussionsverlauf der Veranstaltung hat eine unkoordinierte und chaotische Vorgangsweise der FHWN-Führung klar aufgezeigt. Dieses Beispiel zeigt aus Sicht vieler Studierender, Absolventen und vielen mehr, dass es sich hier um einen grundsätzlichen Systemfehler in der Organisation und Verwaltung von Fachhochschulen handelt. Jetzt ist die Austria Qualitätsagentur, die für alle Hochschulen zuständig ist, und die NÖ Landespolitik gefordert, hier einzugreifen.


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