„Ich habe all meine Sorgen in meinem Garten eingegraben“
WAIDHOFEN/YBBS. Die Trödelstube-Inhaberin Sieglinde Sterlinger ist alles außer gewöhnlich. Darum verwundert es wenig, dass die 80-Jährige noch immer jeden Tag in ihrem Geschäft steht, während Gleichaltrige längst die Früchte des wohlverdienten Ruhestandes genießen. Aber nur so ist es zu erklären, dass die gelernte Seilerin am 1. Februar ihr 50-jähriges Geschäftsjubiläum begeht. Was es mit ihrem selten gewordenen Beruf auf sich hat und vieles mehr, erzählt sie uns im Interview.

Tips: Herzliche Gratulation zu diesem bemerkenswerten Jubiläum! Die Frage sei erlaubt: Wie lange haben Sie vor, noch täglich in die Arbeit zu gehen?
Sterlinger: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich es selbst nicht weiß. (lacht)
Tips: Beginnen wir bei Ihrer Lehrzeit. Sie lernten in Wien und gingen in die Berufsschule für Posamentierer. Wie kam‘s und was ist das?
Sterlinger: Posamentierer sind einerseits die Bandlweber an den Webstühlen und andererseits die Tischarbeiter, die Uniformtressen, Besätze, Kordeln, Borten, Quasten und vieles mehr herstellen. Nach der Handelsschule begann ich 1957 in Wien meine Lehre. Zu der Zeit gab es für Seiler keine Berufsschule. Als man mir sagte, dass ich einmal in der Woche in die Berufsschule der Posamentierer gehen würde, ging es mir damals wie Ihnen heute, ich fragte: „Bitte, was ist das?“ (lacht) Dieselbe Frage stellte unser Lehrer der anderen Berufsgruppe: „Was ist ein Seiler?“ Da antwortete eine Schülerin mit deutschem Akzent: „Ne Wäscheleine!“ (lacht) Die Gesellenjahre habe ich dann in Wels in einem großen Betrieb mit Drahtseilerei verbracht, da ich auch Drahtseilerei zur Meisterprüfung brauchte. Als ich dann nach sieben Jahren nicht mehr jede Woche nach Wien und später dann nach Wels mit dem Zug fahren musste, war das schon eine Erleichterung. Am ersten Tag, an dem ich nicht mehr wegfahren musste, bin ich trotzdem zur Haltestelle, hab auf den Zug gewartet und genoss ungemein, dass ich nicht einsteigen musste. (lächelt) Das war meine Art, von dieser Lebensphase Abschied zu nehmen.
Tips: Das Leben hat Ihnen das Abschiednehmen schon früh gelehrt ...
Sterlinger: Ja, das stimmt. Mein Großvater väterlicherseits, der aus dem Sudetenland stammte, ist verstorben, als ich sechs Jahre war. Die Seilerei im Blut habe ich von ihm. Er war sogar so ein leidenschaftlicher Seiler, dass die Aufbahrung in der Werkstatt sein letzter Wille war. So geschah es auch. Großvater hat es leider nicht mehr erlebt, dass ich Seilerin geworden bin. Darüber hätte er sich bestimmt sehr gefreut.
Tips: Das Leben hat Ihnen aber auch später nicht immer den roten Teppich ausgelegt ...
Sterlinger: Drei Wochen nach meiner Meisterprüfung habe ich das Heiraten probiert. Das Gastspiel hat nicht lange gedauert. Die Trennung war eine schlimme Zeit. Ich bin auf 40 Kilo abgemagert, bis mich meine Mutter schließlich wachgerüttelt hat. Damals suchte die Baronin Rothschild für Holzhüttenboden in Langau bei Lunz eine Kammerfrau. Diese Stelle habe ich dann angenommen. Von dort sind wir im Winter nach Lausanne, danach wäre es nach Amerika gegangen. Dorthin wollte ich aber nicht mit. Als ich von Lausanne nach Hause gekommen bin, hatte ich aber wieder mein Seelenheil gefunden. Als Erstes habe ich damals meinen getrockneten Brautstrauß verheizt. (lacht) Damit war dieses Kapitel beendet.
Tips: Ihr Lebensanker war immer Ihre Mutter?
Sterlinger: Ja, meine Mutter war und ist mein Lebensmensch! (lächelt) Alles, was mich bedrückt, verarbeite ich bei meiner Leidenschaft, dem Garteln. Mein Garten ist mein Um und Auf. Ich kann sagen, ich habe all meine Sorgen in meinem Garten eingegraben. Aber wenn auch das nicht mehr reicht, dann gehe ich auf den Friedhof, zum Grab meiner Mutter und sag: „Hilf mir!“
Tips: Das war wann zum letzten Mal?
Sterlinger: Wann gerade Zeit ist! Mutter war immer so großzügig in ihrem Denken und verständnisvoll. Und natürlich war ich nach meiner Diagnose bei ihr. Mir ging es im Sommer 2019 körperlich zunehmend schlechter, die Kreislaufbeschwerden wurden immer schlimmer. Der Internist meinte nach der Untersuchung, ich solle dringend einen Frauenarzttermin vereinbaren. Die Diagnose: Eierstocktumor. Ich dachte zwar immer, bei einer derartigen Nachricht ziehe es einem den Boden unter den Füßen weg oder öffne sich ein großes, schwarzes Loch, das passierte zum Glück aber nicht. Auf den Friedhof bin ich im Anschluss allerdings schon und hab die Mutter um Unterstützung gebeten. Alles andere hätte auch nichts gebracht. Es war ja niemand da, der mich bedauert oder meine Tränen getrocknet hätte. Natürlich ist es schön, wenn es in einer derartigen Situation eine Familie gibt. Für eigene Kinder war halt nie der richtige Mann zur richtigen Zeit da. Aber auch wenn man eine hat, muss man sich selbst aus dem Dilemma herausziehen.
Tips: War nach dem Eingriff eine weitere Therapie erforderlich?
Sterlinger: Über ein Jahr musste ich alle drei Wochen zur Chemo. Eine davon war unglücklicherweise am stärksten Geschäftstag im ganzen Jahr, dem letzten Adventwochenende. Oberarzt Salomon hat mir sehr vorsichtig zu verstehen gegeben, ich solle mir gleich eine Stellvertretung suchen. Und auch wenn ich die Chemo relativ gut vertragen habe – mir war weder speiübel noch sind mir die Haare komplett ausgefallen –, ohne Ruhephasen zu Mittag wäre es nicht gegangen und abends war ich trotzdem streichfähig, so groß war die Müdigkeit. Ich hab mir aber einfach gesagt: Arbeit ist die beste Medizin und hab es irgendwie durchgestanden. Als ich im Krankenhaus gefragt wurde, ob ich eine psychologische Betreuung in Anspruch nehmen möchte, habe ich gefragt, ob ich so ausschaue, als ob ich eine bräuchte. (lacht) Meine Therapie ist mein Garten, die Bewegung an der frischen Luft mein Jungbrunnen und das selbst angebaute Gemüse ist gut für eine gesunde Ernährung. Eines möchte ich aber an Frauen jeden Alters weitergeben: Geht unbedingt zur Vorsorgeuntersuchung! Selbst wenn die Gebärmutter schon entfernt wurde. Ich bin das lebende Beispiel, dass sich auch auf den verbleibenden weiblichen Organen bösartige Zellen bilden können.
Tips: Gibt es etwas, das Ihre Gelassenheit auf die Probe stellt?
Sterlinger: Oh ja! Jedes Jahr die Inventur! (lacht)


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